Musik als Reaktion auf kollektives Trauma
Das Leben in Israel ist nicht mehr dasselbe, seit die Hamas am 7. Oktober 2023 das Land angegriffen hat. Daraufhin ist ein weiterer Krieg zwischen Israel und Palästina ausgebrochen, der bis heute nicht beendet ist.
Dieser 7. Oktober ist zu einem kollektiven Trauma geworden. Und auch die Musikerinnen und Musiker haben darauf reagiert.
Omer Moskovich: Musik als persönliches Manifest
„Ich weiß, was ein Land ist – du musst mir keine Grenzen beibringen“, das ist das persönliche Manifest der feministischen Musikerin Omer Moskovich. Sie hat sich selbst verpflichtet, die eigenen Grenzen zu überschreiten.
Das tut sie auch mit ihren Liedtexten, in denen zumeist eine zweite, politische Ebene mitläuft. In ihrem Lied „Bo Na‘azov“ („Lass uns gehen“) fragt sie, ob Liebe die Härte des Alltags in Israel überstehen kann.
Noam Tsuriely: Zweisprachiger Rap für Verständigung
Für die eigene Identität ist Sprache essenziell, in Israel sind das hebräisch und arabisch. Der junge Rapper Noam Tsuriely ist einer der wenigen Israeli, der beide Sprachen gleichermaßen beherrscht. Beginnend mit dem 7. Oktober war Noam 100 Tage im Krieg als Soldat eingesetzt.
Welche Gedanken ihm an einem Tag während des Einsatzes in Gaza durch den Kopf gingen, beschreibt er in seinem Song „Another day in Gaza“. In seinem Song “Nus Nus”, auf deutsch “Halbe, halbe“, rappt Noam Tsuriely arabisch gemeinsam mit einem Freund, der auf hebräisch antwortet.
Noam Tsuriely ist überzeugt, dass man mehr als die Hälfte von dem, was geschieht, versteht, wenn man die Sprache der anderen spricht. Vom 7. Oktober lernte er, dass weder Israeli, noch Palästinenser ihre Gebiete aufgeben werden, daher müssen beide lernen zu kommunizieren.
Zwei Sprachen, eine Liebe beim Revolution Orchestra
Ebenfalls beide Sprachen musikalisch verbunden hat das Revolution Orchestra aus Tel Aviv in seinem Programm „I Shall Speak to You – Two languages. One love“. Darin sucht es, wie in all seinen Projekten, nach ungewöhnlichen Zugängen zu gewohnten Klängen.
In diesem Fall sind das sechs arabische und sechs hebräische, allseits bekannte Lieder. Diese werden von einem Sänger der jeweils anderen Bevölkerungsgruppe interpretiert.
Zohar Sharon, künstlerischer Co-Leiter des Orchesters erzählt, wie fremd ein von Kindheit an vertrautes Lied klingt, wenn es in der Sprache einer anderen Kultur gesungen wird. Gleichzeitig würde einem aber die Sprache so rasch vertraut werden.
Die Proben zu „I shall speak to you“ hatten kurz vor dem 7. Oktober 2023 begonnen, danach war lange Zeit kein Hindenken an die Premiere eines zweisprachigen Programms. Aber die Schockstarre musste überwunden werden: das emotionale Konzert habe dem Publikum Hoffnung auf Dialog und Kooperation vermittelt, erzählt Sharon.
Nerativim: Oriental-Acid-Techno mit politischer Botschaft
Drei Brüder aus einem seltenen jüdisch-arabisch-muslimischen Elternhaus in Jerusalem haben sich zur Oriental-Acid-Techno-Band „Nerativim“ zusammengeschlossen. Am Bandfoto posieren die drei in himbeerfarbenen Burkas mit schwarzen Sonnenbrillen.
Das wirkt irgendwie komisch, dient aber zu ihrem eigenen Schutz. Deshalb treten sie unter Pseudonymen auf. Sie singen davon, dass alle dasselbe Blut haben, dass das kein Krieg zwischen den Menschen, sondern zwischen den Regierungen sei.
Gespräch Sarah Stricker: „Ich sehe meine Zukunft auf jeden Fall in Israel“
Wie sich der Alltag in Israel seit dem Terroranschlag der Hamas Anfang Oktober 2023 verändert hat, erfährt die Schriftstellerin und Journalistin Sarah Stricker jeden Tag. Geboren wurde sie 1980 Speyer. Seit 2009 lebt sie in Tel Aviv. Und hat 2014 während des Gazakriegs und der damaligen Bedrohung durch die Hamas für die Süddeutsche Zeitung ein Tagebuch geschrieben. „Sirene am Morgen“ beginnt ein Eintrag – „Sag ja zu Humus, sag nein zur Hamas“ steht im Imbiss. Dabei hat sie eigentlich anderes zu erzählen: Ihr erster Roman „Fünf Kopeken“ handelt von der Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau.