Seit Jahrhunderten erfasst die klassische Musik die geheimnisvollen und düsteren Seiten des Lebens. Ob Saint-Saëns, Puccini, Mussorgsky oder Britten: Unterschiedlichste Komponisten überschritten dabei künstlerisch immer wieder die Grenzen des Diesseits, um das Übernatürliche in Klang zu fassen.
Dabei tauchen Geister, Hexen, Dämonen oder der Tod selbst auf. Eine Übersicht der schaurig-schönsten klassischen Kompositionen für Halloween.
- Danse macabre: Wenn die Toten tanzen
- Die Wilen: Geisterbräute, die keine Ruhe finden
- Geistergeschichten: Heimsuchung durch Verstorbene
- Der Teufel: Dämonische Pakte
- Hexen: Wilder Ritt auf kahlen Bergen
Danse macabre: Wenn die Toten tanzen
Seit dem Mittelalter fasziniert der Totentanz die Menschen und zieht sich als Motiv durch die Kunst- und Kulturgeschichte. Er symbolisiert die Vergänglichkeit des Lebens und die Gleichheit aller vor dem Tod.
In der Musik fanden viele Komponisten Inspiration in diesem düsteren Thema. Sie schufen Werke, die das Schaurige, das Magische und die geheimnisvolle Schönheit des Todes in Klänge verwandelten - von der mitternächtlichen Geisterstunde bis hin zu ekstatischen Tänzen der Verstorbenen.
Der „Danse macabre“ von Camille Saint-Saëns ist eines der bekanntesten Werke, das den Totentanz thematisiert. In diesem sinfonischen Gedicht schlägt die Harfe Mitternacht mit genau zwölf „Glockenschlägen“.
Der Tod selbst nimmt seine Geige zur Hand, um die Toten zu einem unheilvollen Tanz zu rufen. Die Solo-Geige muss hierfür extra ihre e-Saite einen Halbton tiefer stimmen, sodass aus der Quinte der beiden oberen Saiten eine verminderte Quinte wird: Der „teuflische“ Tritonus.
Das Intervall galt im Mittelalter als Symbol des Bösen und prägt die Melodie. Saint-Saëns hat außerdem ein Xylophon in die Orchester-Fassung eingebaut. So kann man förmlich die Knochen klappern hören, während die Skelette tanzen.
Auch Franz Liszt komponierte einen „Totentanz“ für Orchester und Klavier. In einem Variationszyklus verbindet Liszt das liturgische „Dies Irae“ (Tag des Zorns) mit dem Totentanz.
Die Wilen: Geisterbräute, die keine Ruhe finden
Ein anderes schauriges Thema, das musikalisch vielfach verarbeitet wurde, sind tanzende tote Frauen: Wilen sind weibliche Geister aus der slawischen Mythologie.
Es handelt sich um Bräute, die vor der Hochzeit abgewiesen wurden und vor Gram starben. Im Grab finden sie keine Ruhe und kehren dem Volksglauben nach als besagte Wilen zurück, die junge Männer in den Tod tanzen.
Das Thema findet sich vielfach in der Musikgeschichte wieder: Zum Beispiel in Giacomo Puccinis Oper „Le Villi“ oder im Ballett „Giselle“ mit der Musik von Adolphe Adam.
Geistergeschichten: Heimsuchung durch Verstorbene
Die Vorstellung von Verstorbenen, die aus der jenseitigen Welt zurückkehren, hat die Menschheit seit jeher fasziniert und verängstigt zugleich.
Im Finale von Wolfgang Amadeus Mozarts berühmter Oper „Don Giovanni“ kehrt der Geist des Komturs aus dem Jenseits zurück, um den Titelhelden für seine Sünden zu bestrafen.
Die düstere und unheilvolle Atmosphäre der Szene wird durch die drängende Musik und die tiefe Bassstimme des Komturs verstärkt. Der Moment, in dem Don Giovanni in die Hölle gerissen wird, ist ein dramatischer Höhepunkt in der Operngeschichte.
„Don Giovanni“ bricht Tabus beim Festival von Aix-en-Provence
Benjamin Brittens Oper „The Turn of the Screw“ spielt dagegen mit der Ungewissheit, ob die Geister, die zwei Kinder heimsuchen, real oder lediglich als Wahnvorstellungen der Protagonistin sind.
Britten verwendet eine zwölftönige Struktur, die für eine unheimliche und klaustrophobische Atmosphäre sorgt. Ob Geistergeschichte oder Psycho-Thriller - diese Oper hat auf jeden Fall Gänsehaut-Faktor.
Der Teufel: Dämonische Pakte
1810 erschien „Das Gespensterbuch“, eine Anthologie von August Apel und Friedrich Laun, dem Pseudonym von Friedrich August Schulze. Carl Maria von Weber entwickelte daraus später den Stoff für seine Oper „Der Freischütz“.
In der berühmten Wolfsschlucht-Szene wird ein Pakt mit dem Schwarzen Jäger Samiel geschlossen, um Freikugeln zu gießen. Wie sich herausstellt, ist er der Teufel selbst.
Der italienische Komponist Giuseppe Tartini hingegen soll einen Pakt mit dem Teufel im Traum geschlossen haben. Als er dem Höllenfürst seine Violine überlässt, spielt dieser unheimlich virtuose Melodien darauf. Tartini nimmt das teuflische Spiel als Inspiration für seine „Teufelstriller-Sonate“.
Im letzten Satz der Sonate (Allegro assai) gibt es schnelle, virtuose Passagen mit den charakteristischen Trillern. Der spieltechnische Effekt der Triller, kombiniert mit einer aufsteigenden Melodie, war zur Entstehungszeit um 1730 revolutionär und trug dazu bei, die Anekdote um die teuflische Vision zu festigen.
Hexen: Wilder Ritt auf kahlen Bergen
Auch Hexen dürfen in der Klassik natürlich nicht fehlen. Im 19. Jahrhundert herrschte eine besondere Faszination für die Mythen um die zauberkundigen Frauen.
Berühmt ist Giuseppe Verdis Oper „Macbeth“, in der die berüchtigten Hexen aus Shakespeares Tragödie den Titelhelden mit ihren unheilvollen Prophezeiungen in den Wahnsinn treiben.
Modest Petrowitsch Mussorgsky widmete sich dabei gleich zweimal der Hexenwelt.
Sein sinfonisches Gedicht „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ beschreibt eine wilde Hexensabbat-Nacht, in der Hexen und Dämonen den Teufel anrufen. Die Musik ist von atemloser Dramatik geprägt, mit wilden Rhythmen und aufbrausenden Orchesterklängen, die Chaos und dunkle Magie zeichnen.
Und auch die Baba Yaga, eine der berühmtesten Hexenfiguren der slawischen Folklore, griff der russische Komponist auf: Mussorgsky (bzw. Maurice Ravel in der Orchesterfassung) vertonte sie in seinen „Bildern einer Ausstellung“ mit donnernden Akkorden und einem unheimlich schnellen Tempo, das die wilde Fahrt der Hexe in ihrer Hütte auf Hühnerbeinen musikalisch darstellt.