„Diese Band hat sich nicht gegründet, um Erfolg zu haben! Daran war vor knapp 15 Jahren in Österreich nicht zu denken.“ Auch wenn die Band Wanda heute Kult ist, staunt Frontmann Marco Wanda, mit bürgerlichem Namen Michael Marco Fitzthum, ab und zu noch darüber, dass sie von ihrer Musik leben können.
Kaum Aussicht auf Erfolg für deutsche Musik in Österreich
Musik auf Deutsch und dann noch im Wiener Dialekt, das war zu der Gründungszeit der Band nicht gefragt. Im Radio liefen englische Texte, österreichische Bands waren komplett vom Radar der Musik-Industrie verschwunden. Die Falco-Zeiten waren lange vorbei.
Marco Wanda träumt trotzdem vom Musikerdasein. Zunächst aber jobbt er unter anderem bei einer Fastfoodkette und schreibt Kurzgeschichten. Später versucht er sich in Berlin als Schriftsteller und studiert Sprachkunst in Wien – ein entscheidender Schritt. Die Lyrics, die in der ersten Zeit entstehen, sind vornehmlich Englisch.
Zwei Entscheidungen verändern dann sein Leben: Er fängt an, seine Songs auf Deutsch zu schreiben. Aus dem Impuls heraus, dass die Menschen einen Wunsch nach Liedern in ihrer Sprache haben, die ihre Gefühlswelt und Träume unmittelbar aufgreift.
Wandas erste Songs entstehen auf dem Klo
In seinem frisch erschienen Buch „Dass es uns überhaupt gegeben hat“ beschreibt Marco Wanda, wie die ersten Songs in einer Wohnung entstanden, die er sich mit einer Freundin teilte: heimlich, auf dem Klodeckel im Bad – weil er nicht in Gegenwart anderer schreiben konnte.
Marco Wandas Lifestyle zu der Zeit: viel Alkohol, Gras und Zigaretten. Immer wieder versuchte er zwar mit dem Trinken aufzuhören, so beschreibt er es in seinem literarischen Debüt. Doch das endete dann mit der Taktik, dass der Rausch in Ordnung sei, so lange er an neuen Lieder arbeitete.
2012, mit Mitte 20, gründet er mit dem Gitarristen Manuel Christoph Poppe die Band Wanda. Sie bewegten sich zu der Zeit in einer Blase von meist erfolglosen Kreativen, deren größte Gemeinsamkeit Alkohol und Drogen waren. Stilecht beim gemeinsamen Biertrinken in einer Kneipe wurde die Idee geboren.
nspiration für den Bandnamen war die sagenumwobene Figur der ersten Zuhälterin Wiens, Wanda Kuchwalek, genannt die „Wilde Wanda“.
Mit dabei sind am Anfang auch Reinhold „Ray“ Weber, Christian Hummer und Valentin „Vali“ Wegscheider. Er wird 2014 von Lukas Hasitschka ersetzt. Wegscheider steigt 2021 für knapp zwei Jahre wieder ein.
Sie überlegen sich, welches Image sie sich zulegen wollen und entscheiden sich als stilechte „Rock'n'Roller“ für Lederjacken und zurückgegelte Haare als Markenzeichen. Zuerst tingeln sie mit mäßigem Erfolg durch Wiener Spelunken, dann wird ihr späterer Manager auf sie aufmerksam.
„Amore“ bringt Wanda den Durchbruch
Ihr Debütalbum „Amore“ feiert nicht nur in Österreich Erfolge, sondern erobert 2014 auch schnell andere deutschsprachige Länder. Aus Michael Marco Fitzthum ist Marco Wanda geworden.
Nach knapp 20 Jahren gröhlen wieder Menschen österreichische Texte in großen Stadien mit. Hits wie „Bologna“ oder „Auseinandergehen ist schwer“ werden schnell Kult. Das Patentrezept: Inspiriert von Bands wie Nirvana, setzen Wanda auf Rock, mit einer unverkennbaren Beimischung von Austro-Pop und Blues.
Die Texte: „Leben, Liebe, Tod“, so beschreibt es Marco Wanda selbst. Und dazu eine kräftige Portion Schmäh und Hedonimus. Das Motto: „Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag: Für Amore!“
Ein Leben wie ein Rausch
Was jetzt ausbricht, ist ein Rausch in jeder Hinsicht. Die Band feiert einen kometenhaften Aufstieg: große Konzerte, Geld, Verpflichtungen, der Hype. Und noch mehr Drogen aller Art. In seinem Buch beschreibt Marco Wanda die Lust auf Eskalation, nicht selten ausgelöst durch eine gewissen Leere.
Aber ganz klar: Wanda verändern die deutschsprachige Musikwelt. Nach ihnen feiert eine ganze Generation an Künstlern aus Österreich ihren Durchbruch. Eine neue Welle Austro-Pop.
Wandas Erfolg hat auch seine Schattenseiten
Der Erfolg war auch beängstigend für die Band. Für Marco Wanda gab es offenbar zu der Zeit oft nur das Glück und den Jubel auf der Bühne und die Einsamkeit danach im Hotelzimmer. Der Druck wuchs, die nächsten Veröffentlichungen mussten einschlagen. Auch das zweite Album „Bussi“ (2015) wurde ein Hit.
In der Zeit des Erfolgs nach dem ersten Album spielte die Band so viele Konzerte, dass Frontmann Marco Wanda nicht zum Texten kam. Aber viele Songs hatte er schon vorher geschrieben. Nur der Song „Kein Herz im Hirn“ reflektierte laut Wanda die Eindrücke der Zeit nach dem Durchbruch und die Möglichkeit, nach dem Aufstieg direkt wieder in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Marco Wanda zwischen Erfolg und (Selbst-)Zerstörung
Der Hype gipfelt und die Band zierte alle Feuilletons; Marco Wanda wurde zum „Österreicher des Jahres“ erklärt. Die Erinnerungen an die Zeit sind heute verschwommen, erzählt der Sänger. Die Band lebte das Klischee des Rockstar-Images, innere und äußere Zerstörung sind an der Tagesordnung. Egal, ob das Hotelzimmer dran glauben musste oder die Leber. In Interviews inszenierte sich Marco Wander weiter als rauchender Trinker.
Auf dem dritten Album lag viel Druck, die Presse, so erinnert sich Marco Wanda in seinem biografischen Roman, wollte die Band schon zum „lebenden Kult ohne Zukunft“ erklären.
Doch auch „Niente“ knackte 2017 die Charts und lieferte eingängige Mitsinghymnen wie „Columbo“. Die Band schien oft hin- und hergerissen zwischen Erwartungen, Kommerz und ihrer Musik. Ihre Freundschaft rettete sie oft vor dem Verrücktwerden, so Marco Wanda.
Krebsdiagnose für Christian Hummer: „Wir alle waren aus dem Paradies gefallen“
Als Wendepunkt in der Geschichte von Marco Wanda und seiner Band beschreibt er die Krebsdiagnose von Keyboarder Christian Hummer, der immer häufiger ausfiel und für Konzerte ersetzt werden musste. Im Musikvideo zu „Columbo“ war er nicht dabei.
„Wir alle waren aus dem Paradies gefallen“, beschreibt es der Sänger in seinem Buch. „Es ging jetzt um Leben und Tod, und das passte nicht in unsere sorgfältig konstruierte Traumwelt.“
Auch die Corona-Pandemie, in dem für die Künstler plötzlich alles anders wurde, war ein massiver Einschnitt, zudem der Ausstieg von Schlagzeuger Lukas Hasitschka im Jahr 2020.
Von uns fünf war nicht mehr viel übrig.
Im September 2022 starb Christian Hummer, vier Tage nach Veröffentlichung des Albums „Wanda“.
Marco Wanda und die Band erfinden sich neu
Hummers Tod und der Tod überhaupt – Marco Wanda verliert kurz darauf auch seinen Vater – spielen auf dem Album „Ende nie“ 2024 eine zentrale Rolle. Der Rausch, so wirkt es, ist vorbei. Die Texte sind persönlicher, der Frontmann hat dem Alkohol endlich abgeschworen. Dem toten Keyboarder widmet die Band den Song „Bei niemand anders“.
Die Band und auch Marco Wanda selbst mussten sich neu erfinden. Wo vorher Verdrängung und Betäubung ganz oben standen, werden jetzt Selbsterkenntnis und Bewusstsein immer wichtiger.
Das zeigt sich auch in seinem autobiografischen Buch. Die abgewetzten Lederjacken wurden eingemottet. Was blieb vom Rockstar-Klischee? Die glimmende Zigarette.