Memoiren eines Rocksängers

Wanda-Sänger Marco Wanda: „Ich habe versucht, jedes Gefühl einmal wahrzunehmen“

Mit Songs wie „Bussi Baby“, „Bologna“ oder „Columbo“ löste die Band Wanda vor gut zehn Jahren einen regelrechten Austro-Pop-Hype aus. Mit dem Erfolg begann für die Band auch das Leben als Rockstars: Ständig auf Tour, viel Alkohol, kaum Schlaf. Über diese aufregende, aber auch aufreibende Zeit schreibt Marco Wanda, der Sänger der Band, in seinem Buch „Dass es uns überhaupt gegeben hat“.

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Von Autor/in Kristine Harthauer

„Ich staune immer noch, dass man in diesem Jahrhundert einmal mehr zu einer Gitarre greifen kann, sechs Akkorde spielt und davon leben kann. Das ist großartig.“ Das sagt Marco Wanda, Songwriter und Sänger der Band Wanda. Vor 14 Jahren weckten sie die österreichische Musikszene aus dem Dornröschenschlaf. Und das war, rückblickend gesehen, fast schon ein kleines Wunder.

„Eine Decke der Untätigkeit lag über Wien“, erinnert sich Marco Wanda in seinem Buch „Dass es uns überhaupt gegeben hat“ an die Anfangszeit der Band.

Wanda-Sänger Michael Wanda beim Open R Festival Uelzen
Das Debütalbum „Amore“ katapultierte Marco Michael Wanda und die Band Wanda direkt an die Spitze der österreichischen Charts. Nun blickt der Frontman auf die vergangenen Jahre im Rampenlicht zurück.

Wanda entfachen den Hype um Austro-Pop

„Grundsätzlich hat sich diese Band in erster Linie nicht gegründet, um Erfolg zu haben. Daran war in Österreich vor etwa 14 Jahren überhaupt nicht zu denken“, erinnert sich Marco Wanda im Gespräch mit SWR Kultur.

In der Zeit, in der wir angefangen haben, haben Radios nicht mal österreichische Bands gespielt. Wenn es damals überhaupt mehr als fünf gab.

Wie es Wanda geschafft hat, den Austro-Pop wieder hörbar zu machen, auch über Österreich hinaus, davon erzählt Marco Wanda. Sein Buch ist eine Mischung aus Memoiren und Bandbiografie. Erst fanden sich fünf Freunde und Musiker, dann kamen viele kleine Konzerte in Wiener Kneipen, bis Wanda durch Mund-zu-Mund-Propaganda an Bekanntheit gewann.

Zwischen Alkoholsucht und Rocker-Klischees

„Diese Band war auf Freundschaften aufgebaut“, erinnert sich Marco Wanda. „Und das hat uns über lange Strecken geholfen, nicht den Verstand zu verlieren.“

Beim Lesen wird schnell klar, was Marco Wanda damit meint: Er erzählt schonungslos von seiner eigenen Alkoholsucht, von zerstörten Hotelzimmern, ja, sogar ein Dorf hat die Band im Rausch zerlegt. Sämtliche Rocker-Klischees wurden erfüllt. Marco Wanda glorifiziert diese Zeit jedoch nicht. Offenherzig und selbstkritisch schaut er zurück. Und entschuldigt sich rückblickend bei so einigen.

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In einer Art Bewusstseinsstrom rauscht man mit ihm durch die letzten 14 Jahre: „Grundsätzlich hatte das Schreiben dieses Buches für mich persönlich etwas zutiefst Therapeutisches“, so Marco Wanda. „Ich habe versucht, jedes Gefühl einmal wahrzunehmen, einmal zu sehen, weil ich überzeugt bin, dass Schmerz gefühlt werden will.“

Schmerz geht nur weg, wenn man ihn fühlt, wenn man ihn sieht.

Das komplette Gespräch mit Marco Wanda

Wanda beschrieben in ihren Songs das Lebensgefühl der 2010er-Jahre

Marco Wanda ist jemand, der, ohne Rücksicht auf sich selbst, seine Schmerzgrenzen ausreizt. Und sich dann in wenigen Minuten, meistens betrunken in Badezimmern, diesen Schmerz von der Seele schreibt. Autoren der Beat-Generation wie Jack Kerouac oder Allen Ginsberg, erfährt man, sind seine literarischen Begleiter.

Wie sie in ihrer Lyrik hat Marco Wanda in seinen Songtexten mit wenigen Worten das Lebensgefühl einer Generation eingefangen: Die 2010er-Jahre, das war die Eurokrise oder das Reaktor-Unglück in Fukushima. Damals war klar: Die Zukunft wird sehr ernst und wenig rosig.

Die Band Wanda bot mit ihrer Musik einen Zufluchtsort, ohne weltfremd zu sein. Wanda zeigt, dass an Gefühlen nichts peinlich ist und ein bisschen Italien im Pop immer funktioniert.

Die Band Wanda bei der Verleihung der Live Entertainment Awards 2015
Wanda bei der Verleihung der Live Entertainment Awards 2015. Von links: der damalige Schlagzeuger Lukas Hasitschka, der 2022 verstorbene Keyboarder Christian Hummer, Frontman Marco Michael Wanda, Gitarrist Manuel Christoph Poppe und Bassist Reinhold Weber.

„Man zahlt einen gewissen Preis“

„Man ist jung, man hat einen Traum, man möchte Menschen zusammenbringen“, sagt Marco Wanda rückblickend. „Wir kamen alle aus der Punkszene. Das ging es eher um ideelle Werte als um kommerzielle. Und auf einmal wird man berühmt, hat finanzielle Verpflichtungen und spürt einen gewissen Erwartungsdruck.“

Er habe wohl in den letzten zehn Jahren mehr Interviews gegeben als Gespräche mit echten Menschen geführt, so der Wanda-Frontman: „Man zahlt einen gewissen Preis. Aber tatsächlich zahle ich ihn gern, weil das, was ich tue, liebe ich.“

Wanda - Lascia mi fare (Official Video)

Eine literarisch-biografische Heldenreise

Liebe – Amore – zieht sich durch Marco Wandas Musik und durch sein Buch. Es ist eine Art Heldenreise, die einen in ihrem selbstzerstörerischen Hang immer wieder abstößt, aber in ihrer Ehrlichkeit auch oft genug berührt. 

„Es hatte noch gar nicht angefangen, da wollte ich bereits, dass es nicht mehr aufhört“, ist so ein Satz von Marco Wanda, den man, wie viele Wanda-Sätze, mit durchs Leben tragen kann.

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Autor/in
Kristine Harthauer
Kristine Harthauer, SWR Kultur Autorin und Moderatorin
Onlinefassung
Dominic Konrad