Erinnerungsarbeit durch Musik
Das Gedenken an den Holocaust steht vor vielen Problemen: Zeitzeugen, die darüber berichten können, gibt es kaum noch und Studien zeigen, dass gerade bei jüngeren Menschen das Wissen über den Holocaust abnimmt.
Der Landesmusikrat Berlin geht deswegen neue Wege in der Erinnerungsarbeit und hat dafür das Bildungsprojekt „Musikalische Stolpersteine“ initiiert. Es soll die Erinnerung an jüdische Musikerinnen und Musiker wachhalten, die von den Nationalsozialisten verfolgt und getötet wurden.
Schülerinnen und Schüler recherchieren Biografien, spielen Werke der Komponisten und produzieren künstlerisch anspruchsvolle Podcasts, die in der ARD-Audiothek zu hören sind.
ARD Audiothek: Musikalische Stolpersteine - Podcast
Ursula Mamlok: Eine Biografie voller Musik und Flucht
Ein Beispiel aus dem Projekt ist die Arbeit der 9. Klasse der Sophie-Scholl-Schule in Berlin-Schöneberg. Sie widmeten sich der jüdischen Komponistin Ursula Mamlok, die 1923 in Berlin geboren wurde. Trotz der Bedrohung durch die Nazis besuchte sie bis zur Reichspogromnacht Konzerte in der Philharmonie.
Die Schülerinnen aus der 9. Klasse erzählen, wie sie Mamloks Leben und Werk im Unterricht erforschten: „Wir haben ein paar kurze und nicht so schwere Stücke von ihr gespielt. Viele Stücke klangen fröhlich. (…) Es motiviert sehr, wenn man merkt, was für schwere Zeiten Menschen durchgestanden haben und das mit Musik überstehen konnten. “
Mamlok floh mit ihrer Familie über Lateinamerika in die USA, wo sie später als einzige Professorin für Komposition an der renommierten Manhattan School of Music lehrte. Die Schülerinnen und Schüler produzierten mit dem RBB ein 12-minütiges Radiofeature über ihr Leben, das neben Musik auch Zeitzeugenberichte enthält.
Zeitzeugen, Podcasts und die Verantwortung der Erinnerung
Das Projekt „Musikalische Stolpersteine“ wurde 2024 ins Leben gerufen und umfasst mittlerweile neun Podcasts, die Lebenswege jüdischer Musikerinnen und Musiker aus Berlin nachzeichnen.
Der Komponist Viktor Ullmann etwa wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Solche Geschichten machen die Dimension des Holocaust begreifbar. Studien zeigen, dass 40 Prozent der Jugendlichen die Opferzahlen des Holocaust nicht einordnen können, obwohl 80 Prozent großes Interesse an der Thematik äußern.
Was hier passiert ist, dass die Schüler Biografien recherchieren, Musikstücke zur Darbietung bringen, mediale Vermittlung selbst organisieren. Auf so vielen Ebenen basiert das auf gelebter Erinnerung und eben nicht erstarrter Erinnerung, die von oben nach unten durchgegeben wird.
Jüdische Komponisten in der Diaspora Operette unterm Hakenkreuz: Wie die Nazis ein Genre zersetzten
Anfang des 20. Jahrhunderts boomt die Operette, dann kamen die Nazis. Jüdische Komponisten wie Paul Abraham und Emmerich Kálmán gelten nun als „entartet“.
Ein inspirierendes Projekt
Die positive Resonanz auf das Projekt ist groß. Hella Dunger-Löper, Präsidentin des Landesmusikrats Berlin, berichtet, dass das Projekt auch in anderen Bundesländer auf Interesse gestoßen sei. Außerdem gebe es Überlegungen, ähnliche Formate auf Literatur, Film oder Architektur zu übertragen.
Auch die 9. Klasse der Sophie Scholl-Schule sieht die Relevanz: „Es ist sehr wichtig, sich diese früheren Geschichten anzuhören. Gerade jetzt in dieser politischen Situation kriegt man das Gefühl, dass sich manche Sachen ähneln, die passiert sind.“ So können die Schülerinnen und Schüler verstehen, was aus Ausgrenzung werden kann.