Ab und zu packt mich dann doch mal wieder der Ehrgeiz, ein neues Stück auf der Gitarre oder dem Klavier zu lernen. Aber schon bei den Spielanweisungen muss ich oft den Klavierdeckel wieder zuklappen und zwei Stunden nachdenken, was die Meister da eigentlich von mir wollen?
Ich spreche jetzt nicht von den Fortissimi und Andantes! Selbst mit „molto espressivo“ weiß ich gerade noch was anzufangen. Aber es gibt da einige, sagen wir mal, exotische Anweisungen, bei denen man sich schon fragt, ob da nicht ein Glas Absinth zu viel im Spiel war.
Zwischen schmachtender Grazie und tierischer Gemächlichkeit
Alexander Skrjabins „Guirlandes“ fordern beispielsweise ein „avec une grâce languissante“, also „mit schmachtender Grazie“. Also, mit Verlaub, ich schmachte höchst selten und graziös sieht das dann schon mal gar nicht aus. Eher so wie die Spielanweisung, die ich bei Richard Strauss finde: „gemächlich wie eine Kuh“.
Ich durchforste die Literatur auf der Suche nach Werken, die mir vielleicht etwas mehr liegen. Ah, Mahlers 9. Sinfonie in einer Klavierfassung! „Etwas täppisch und sehr derb“, heißt es da – das kriege ich hin! Zumal alles, was ich auf dem Klavier selbst spiele, täppisch klingt.
Da lachen wohl auch Haydn und Mozart
Ich denke ja, dass viele Komponisten wesentlich humorvoller waren, als es die überlieferten Bilder von ihnen suggerieren. Die Spielanweisungen verraten es: Sie wollten die Interpreten ihrer Musik damit ein klein wenig ärgern, wenn sie von ihnen verlangen, „sich zu verlieren“ oder „immer leise und süß“ zu spielen.
Ich kann mir vorstellen, wie Haydn und Mozart, von denen diese Anweisungen stammen, zusammen auf einer Cembalo-ähnlichen Wolke sitzen und sich kichernd in die Seiten knuffen, wenn sie dabei zusehen, wie sich wieder mal ein Klavierschüler bemüht oder „leise und süß“ zu spielen.
Schumann will's schneller als möglich, Debussy fordert fast nichts
Ganz mein Humor ist übrigens eine Anweisung von Robert Schumann, die er in der Klaviersonate op. 22 gibt. Da steht einmal „so schnell wie möglich“ und ein paar Takte später: „noch schneller“.
Man hört förmlich, wie seine Frau Clara vom Klavier aufsehend zum schallend lachenden Robert sagte: „Robert, du hast einen Vogel. Aber mit drei Meter Spannweite!“
Ach so, wenn Sie sich jetzt fragen, welches Stück ich als neue Übung angehen möchte: Nun, nach intensiver Beschäftigung mit den Noten halte ich mich vielleicht einfach an eine Spielanweisung von Claude Debussy: „presque rien“ – fast nichts.
Bei mir heißt das dann „gar nichts“ und ich lege einfach die CD ein und lausche der Aufnahme eines brillanten Pianisten, der mit dieser Anweisung offensichtlich mehr anzufangen wusste als ich.
Mit wem Clara Schumann und Franz Liszt besonders gut konnten Freundschaften unter Komponisten: Herzensmenschen und Rivalen
Von Freundschaften unter Komponisten liest man nur selten. Liszt und Chopin waren zeitweise unzertrennlich. Und auch Rachmaninow und Clara Schumann hatten prägende Freundschaften.
Öffnen Sie den Kopf!
Oder aber man spricht mit mir so, damit ich es auch wirklich verstehe. Ich bin zum Beispiel ein ausgezeichneter Satie-Interpret, denn seine Spielanweisungen entsprechen genau meinem Naturell und meiner Art zu denken.
Ich weiß sofort, was damit anzufangen ist, wenn er schreibt: „Rüsten Sie sich mit Hellsichtigkeit!“. Oder: „Stellen Sie sich selbst infrage“. Und meine liebste Anweisung von Satie, die ohnehin auf das ganze Leben zutrifft: „Öffnen Sie den Kopf!“