Es ist eines der am sehnlichsten erwarteten Pop-Releases des Jahres: Mit „Lux“ legt die spanische Sängerin und Songwriterin Rosalía ihr viertes Album vor. Schon ihre letzten beiden Platten waren Mega-Erfolge: „El Mas Querer“ (2018) und „Motomami“ (2022) wurden jeweils mit dem Grammy als bestes Latin Rock/Alternative Album und bei den Latin Grammys als Album des Jahres ausgezeichnet.
Die 33-Jährige scheut dabei nicht, ihre Hörerschaft mit jedem Album aufs Neue herauszufordern. War „El Mal Querer“ stark geprägt von Rosalías musikalischen Wurzeln im Flamenco, beschäftigte sich „Motomami“ als Konzeptalbum mit Isolation und den Pandemiejahren. Musikalisch konfrontierte sie ihre Fans mit Reggaeton, Hip-Hop, brasilianischem Funk und karibischem Bolero.
Single „Berghain“ macht den Aufschlag für „Lux“
„Lux“ führt Rosalía einmal mehr in eine ganz neue Richtung, musikalisch begleitet vom London Symphony Orchestra. Die Arrangements für den Klangkörper hat die 43-jährige Komponistin und Musik-Pulitzer-Preisträgerin Caroline Shaw geschrieben. Sie arbeitete bereits 2016 mit Kanye West an seinem Album „The Life of Pablo“.
Die erste Single-Auskopplung „Berghain“, eine Kollaboration mit der isländischen Sängerin Björk und dem amerikanischen Experimentalmusiker Yves Tumor, die am 27. Oktober veröffentlicht wurde, machte den stilistischen Aufschlag.
Das London Symphony Orchestra ist zu hören mit einer Melodie, die nicht von ungefähr an barocke Violinkonzerte erinnert, insbesondere an den Winter aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“.
Deutsche Choräle und Operngesänge
Hinzu kommt ein Chor, der mit Carmina-Burana-Dramatik immer wieder deutschsprachige Zeilen wiederholt: „Seine Angst ist meine Angst, Seine Wut ist meine Wut, Seine Liebe ist meine Liebe, Sein Blut ist mein Blut.“ Auch Rosalía bewegt sich hier aus der gesanglichen Komfortzone: Statt ihrem typischen rauchig gehauchten Flamenco-Pop singt sie mit klassisch-opernhaftem Ansatz.
Klassik-Institutionen wurden schnell auf den Berghain-Hype aufmerksam: Verspräche das Album vielleicht sogar einen Klassikhype bei der TikTok-Generation, so wie Taylor Swifts „Ophelia“ für einen Fan-Ansturm im Wiesbadener Kunstmuseum gesorgt hat?
Mehr Mystizismus-Pop als Klassik
Um es gleich vorwegzusagen: Ein Klassik-Album ist „Lux“ definitiv nicht geworden. Aber eine Platte, mit der Rosalía sich einmal mehr mit deutlichen Sprüngen künstlerisch in Position bringt.
Rosalía will viel und hat ihrem Album so einige Bedeutungsebenen verpasst. Nach dem Minimalismus von „Motomami“ habe sie ein „maximalistisches“ Album schaffen wollen, in dem sie große Themen wie Mystizismus und das Postreligiöse verhandele, erklärte Rosalía im Gespräch mit „Billboard“.
Im Booklet bezieht sich Rosalía unter anderem die jüdische Philosophin Simone Weil und Rabia von Basra, eine sufistische Mystikerin aus dem 8. Jahrhundert.
Lyrics unter anderem auf Deutsch, Latein und Japanisch
Ihre Texte singt sie in dreizehn Sprachen: Neben Spanisch, Katalanisch und Englisch sind unter anderem auch Deutsch, Japanisch, Latein oder Ukrainisch zu hören. Das klingt beeindruckend, hinterlässt aber auch das eine oder andere Fragezeichen. So etwa, wenn Rosalía auf Deutsch singt:
Die Flamme dringt in mein Gehirn ein, wie ein Blei-Teddybär. Ich bewahre viele Dinge in meinem Herzen auf, deshalb ist mein Herz so schwer.
Effektvolle Klassik-Akzente machen keine Klassik
Bei all den Bedeutungsebenen und Kunstgriffen bleibt der Klassik-Bezug in Rosalías künstlerischem Konzept weitestgehend Mittel zum Zweck.
Die Anleihen sind ohne Zweifel erkennbar und kunstvoll eingesetzt: „Reliquia“ erinnert mit effektvollem Streicher-Einsatz an Max Richter oder Michael Nyman. „La Perla“ hingegen entwickelt eine mitreißende Walzerseligkeit. Der Text über einen Aufreißer konterkariert gekonnt den einlullenden Dreivierteltakt.
„Ego sum nihil, ego sum lux mundi“ – Ich bin nichts, ich bin das Licht der Welt – rappt Rosalía in „Porcelana“ auf Latein. Im Hintergrund erinnern bedrohliche aufwallende Streicher dabei an Bernard Herrmann, dessen Filmmusik Hitchcocks subtilen Horror kongenial unterstützte.
Als Pop-Album zweifelsohne hörenswert
Mit sattem Orchestersound und ätherischen Chören klingt das ohne Zweifel nach großem Besteck und genauso wie von seiner Schöpferin intendiert: maximalistisch.
Als Gesamtkunstwerk sollte Rosalías neuestes Werk aber nicht mit den Maßstäben der Klassik überinterpretiert werden. Das ist auch nicht sein Anspruch. Als Pop-Album hingegen ist „Lux“ ungewöhnlich, angenehm anders und zweifelsohne hörenswert.