Abschied, Einsamkeit und Wehmut
Ein Choral erklingt, Ton für Ton. Eine klagende Stimme ruft. Aber dann flattert eine Lerche in die Luft. Alles, was Abschied, Einsamkeit und Wehmut ausmacht, kommt in dieser Romanze von Michail Glinka zum Ausdruck. Jedenfalls, wenn sie so zartfühlend und tiefsinnig gespielt wird wie von Alexander Malofeev.
Er gibt jedem Ton einen subtilen Nachhall und schafft damit ein Gefühl von Erinnerung und Ferne. Auch der Gesang der Lerche klingt wie von weit her. Malofeev gestaltet ihn fragil und kristallin, als etwas Unwirkliches und Kostbares. Und wenn dann die eigentliche Liedmelodie einsetzt, erinnert sie nicht an einen Frühlingsgruß, sondern an das Abbild einer eisigen und erstarrten Landschaft.
Erinnerungen, die in Wut enden können
Auch bei Nikolai Medtner geht es um das Entschwinden. Die „Danza rustica“ aus Medtners „Vergessenen Weisen“ wird von Malofeev nicht rustikal, sondern äußerst raffiniert gestaltet. Hier löst sich der vermeintliche Bauerntanz in der Erinnerung auf. Man könnte an einen Emigranten denken, der fern der Heimat über sein Leben nachsinnt und dabei auch mal in Wut ausbricht.
Malofeev entwirft dazu ein subtiles Psychogramm und mischt die Gegenstimmen wie Zweifel oder Fragezeichen ein. Manchmal scheint er sogar zwei oder drei konkurrierende Tänze gleichzeitig anzustimmen. Genau wie sich auch im Rückblick auf die Vergangenheit verschiedene Eindrücke überkreuzen können.
Der Schmerz klingt mit
Frei nach Medtner hat Malofeev sein Album „Forgotten Melodies“ genannt. Und die findet er auch bei Sergej Rachmaninow. Malofeev legt diese Étude-Tableau so an, als müsse er eine vergessene Melodie erst suchen und rekonstruieren. Aber sobald sie Gestalt annimmt, wird sie von ihrem Schatten eingeholt.
Über alles legt sich ein Gefühl von Verlust und Entfernung. Getreu der Devise: Es ist doch sowieso vorbei. Malofeev verleiht dabei selbst den Begleitgirlanden Gewicht. So schafft er den emotionalen Raum, in dem sich die wiedergefundene Melodie schmerzhaft aufbäumen kann.
Auch bei Rachmaninow spielt Malofeev mit Echo und Nachhall. Seine Deutung wirkt nie vordergründig. Sie ist sinnvoll und erfüllt in allen Dimensionen. Aber wie schlägt er sich, wenn er Walzer tanzt?
Gespenst der Erinnerung
Zart und zerbrechlich wie eine Eisblume klingt der Walzer von Alexander Glasunow bei Malofeev. Aber er verleiht ihm auch Witz und eine gewisse Widerspenstigkeit. Bei aller Melancholie regen sich die Lebensgeister in diesem originellen Vortrag, der beweist, dass noch nicht alle Tänze getanzt sind.
Jeder Walzertakt wird von einer Art Doppelgänger verfolgt. Oder von einem Gespenst, das an vergangene Feste erinnert. Als würde man einen alten Ballsaal aufsuchen, in dem schon lange nicht mehr getanzt wird. Und der gleichwohl eine große Zukunft vor sich hat. Wie dieser Moskauer Pianist im Berliner Exil.