Stiefmütterlich behandelte Mozart-Oper

Begeisternd und makellos besetzt: Simon Rattle dirigiert Mozarts „Idomeneo“

In „Idomeneo“ wird um Leben und Tod gerungen. Dirigent Simon Rattle hat die Mozart-Oper mit dem BR-Symphonieorchester und einem makellosen Sängerensemble neu eingespielt.

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Von Autor/in Manuel Brug

Es ist einer der aufregendsten Momente der Oper im Übergang von der barocken Opera seria zur vorklassischen Reformoper à la Gluck: Elektra, Tochter Agamemnons, ruft zürnend die Götter an, und pausenlos bricht ein vom wütenden Meergott Poseidon entfachter Seesturm mit um Hilfe flehenden Seemännern als Chor wie Fernchor herein.

Idomeneo, K. 366, Act I Scene 6: Aria. Tutte nel corso vi sento (Elettra)

Selten gab es bis dahin auf der Klangbühne einen solchen dramatisch aufgeladenen Moment aus Wut und Not. Und einen szenischen Dreh- und Angelpunkt, der ähnlich mitreißend in der Musik abgebildet ist, wie eben in diesem „Idomeneo“ des Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart, der Anfang 1781 gerade 25 Jahre alt geworden war.

Doch er konnte auch ganz anders: zart, melodiös, feminin. So wie in der allerersten Arie der Oper, jener der trojanischen Prinzessin Ilia, die ihr Kriegsgefangenen-Schicksal beklagt. Die hinreißende Sabine Devieilhe singt das mit Glut und Körper.

Idomeneo, K. 366, Act I Scene 1: Aria. Padre, germani, addio! (Ilia)

Lange unbeachtete Mozart-Oper

Dieser „Idomeneo“, mit dem Mozart vergeblich hoffte, eine Kapellmeister-Anstellung am Münchner Hof zu bekommen, wurde lange stiefmütterlich behandelt. Karl Böhm mochte ihn, aber erst Alte-Musik-Koryphäen wie Nikolaus Harnoncourt oder John Eliot Gardiner haben sich nachhaltig für ihn stark gemacht und ihn endlich auch im Mozart-Kanon verankert.

Zu den dirigierenden Fürsprechern gehörte immer auch Sir Simon Rattle, der den Dreiakter nun erstmals eingespielt hat.

BRSO / Sir Simon Rattle: Mozart "Idomeneo" - Elsa DreisigElsa Dreisig as jealous and desperate "Elettra" in W.A. Mozart's "Idoemeneo". Listen to the wonderful aria "Idol mio, se ritroso" from Act 2. 😍 Conductor: Sir Simon Rattle! More: br-so.comPosted by Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks on Thursday, December 14, 2023

Mozart experimentiert wie in kaum einer anderen Oper

„Idomeneo“ ist zudem Mozarts größte Choroper, und der eindrückliche Chor des Bayerischen Rundfunks kann sich darin prima vokal hervorheben und verausgaben. Zudem experimentiert Mozart hier, wie in kaum einer anderen seiner Opern, mit alten Formen und neuen Empfindungen.

Er findet überraschende Lösungen, etwa wenn vier Personen ihre Gefühle, ganz neuartig für damals, in einem Quartett ausformulieren.

Kreterkönig Idomeno hat dem auf ihn wütenden Meergott gelobt, den ersten Menschen zu opfern, den er in der Heimat sieht, wenn er wohlbehalten zurückkommt. Dieser Mensch ist unglücklicherweise sein eigener Sohn Idamante, in den wiederum Elektra wie Ilia verliebt sind. Und sie alle leiden nun schwer. Widerstreit der Gefühle, in Mozart-Musik aufgelöst.

Idomeneo, K. 366, Act III Scene 3: Quartetto. Andrò ramingo e solo (Idamante, Ilia, Idomeneo,...

Ideal besetzte Mozart-Stimmen

Das Quartett aus „Idomeneo“ singen neben Sabine Devieilhes strahlender Ilia lauter ideal besetzte Mozart-Stimmen: Andrew Staples als tenorstarker, doch koloraturgewandter Herrscher Idomeneo; die herb-anrührende, mit aparter Mezzofärbung aufwartende Magdalena Kožená in der Hosenrolle des Idamante; sowie die furienhaft auftrumpfende, aber auch sinnlich lockende Elsa Dreisig als Elektra.

Sie führen ein auch sonst makelloses Sängerensemble an, das sich Simon Rattle für diese begeisternde Neuaufnahme mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zusammengestellt hat.

Idomeneo, K. 366, Act III Scene 5: Recitativo. Sventurata Sidon! (Arbace)

Eine unbedingt empfehlenswerte Einspielung

Am Ende muss es dann, da greift auch Mozart auf die barocke Libretto-Vorlage zurück, ein Bass-singendes Orakel richten: Idamante muss nicht sterben, sondern wird neuer König und darf Ilia heiraten. Idomeneo dankt ab. Nur Elektra tobt weiter – und wie das ausgeht, hat dann Richard Strauss komponiert.

Hier aber wird chorisch gefeiert, auch wenn Simon Rattle in dieser auf konzertanten Aufführungen basierenden und unbedingt empfehlenswerten „Idomeneo“-Neuaufnahme das schöne, aber lange Schlussballett gestrichen hat.

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Treffpunkt Klassik SWR Kultur

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Manuel Brug
Manuel Brug
Künstler/in
Andrew Staples, Magdalena Kozena, Sabine Devieilhe, Elsa Dreisig
Onlinefassung
Dominic Konrad