Es ist einer der aufregendsten Momente der Oper im Übergang von der barocken Opera seria zur vorklassischen Reformoper à la Gluck: Elektra, Tochter Agamemnons, ruft zürnend die Götter an, und pausenlos bricht ein vom wütenden Meergott Poseidon entfachter Seesturm mit um Hilfe flehenden Seemännern als Chor wie Fernchor herein.
Selten gab es bis dahin auf der Klangbühne einen solchen dramatisch aufgeladenen Moment aus Wut und Not. Und einen szenischen Dreh- und Angelpunkt, der ähnlich mitreißend in der Musik abgebildet ist, wie eben in diesem „Idomeneo“ des Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart, der Anfang 1781 gerade 25 Jahre alt geworden war.
Doch er konnte auch ganz anders: zart, melodiös, feminin. So wie in der allerersten Arie der Oper, jener der trojanischen Prinzessin Ilia, die ihr Kriegsgefangenen-Schicksal beklagt. Die hinreißende Sabine Devieilhe singt das mit Glut und Körper.
Lange unbeachtete Mozart-Oper
Dieser „Idomeneo“, mit dem Mozart vergeblich hoffte, eine Kapellmeister-Anstellung am Münchner Hof zu bekommen, wurde lange stiefmütterlich behandelt. Karl Böhm mochte ihn, aber erst Alte-Musik-Koryphäen wie Nikolaus Harnoncourt oder John Eliot Gardiner haben sich nachhaltig für ihn stark gemacht und ihn endlich auch im Mozart-Kanon verankert.
Zu den dirigierenden Fürsprechern gehörte immer auch Sir Simon Rattle, der den Dreiakter nun erstmals eingespielt hat.
Mozart experimentiert wie in kaum einer anderen Oper
„Idomeneo“ ist zudem Mozarts größte Choroper, und der eindrückliche Chor des Bayerischen Rundfunks kann sich darin prima vokal hervorheben und verausgaben. Zudem experimentiert Mozart hier, wie in kaum einer anderen seiner Opern, mit alten Formen und neuen Empfindungen.
Er findet überraschende Lösungen, etwa wenn vier Personen ihre Gefühle, ganz neuartig für damals, in einem Quartett ausformulieren.
Kreterkönig Idomeno hat dem auf ihn wütenden Meergott gelobt, den ersten Menschen zu opfern, den er in der Heimat sieht, wenn er wohlbehalten zurückkommt. Dieser Mensch ist unglücklicherweise sein eigener Sohn Idamante, in den wiederum Elektra wie Ilia verliebt sind. Und sie alle leiden nun schwer. Widerstreit der Gefühle, in Mozart-Musik aufgelöst.
Ideal besetzte Mozart-Stimmen
Das Quartett aus „Idomeneo“ singen neben Sabine Devieilhes strahlender Ilia lauter ideal besetzte Mozart-Stimmen: Andrew Staples als tenorstarker, doch koloraturgewandter Herrscher Idomeneo; die herb-anrührende, mit aparter Mezzofärbung aufwartende Magdalena Kožená in der Hosenrolle des Idamante; sowie die furienhaft auftrumpfende, aber auch sinnlich lockende Elsa Dreisig als Elektra.
Sie führen ein auch sonst makelloses Sängerensemble an, das sich Simon Rattle für diese begeisternde Neuaufnahme mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zusammengestellt hat.
Eine unbedingt empfehlenswerte Einspielung
Am Ende muss es dann, da greift auch Mozart auf die barocke Libretto-Vorlage zurück, ein Bass-singendes Orakel richten: Idamante muss nicht sterben, sondern wird neuer König und darf Ilia heiraten. Idomeneo dankt ab. Nur Elektra tobt weiter – und wie das ausgeht, hat dann Richard Strauss komponiert.
Hier aber wird chorisch gefeiert, auch wenn Simon Rattle in dieser auf konzertanten Aufführungen basierenden und unbedingt empfehlenswerten „Idomeneo“-Neuaufnahme das schöne, aber lange Schlussballett gestrichen hat.
Musikthema Ein Rückblick aufs Lebenswerk: Sir Simon Rattle
Für sein Lebenswerk erhält Simon Rattle den Ernst von Siemens Musikpreis, der mit 250.000 Euro dotiert ist. Nicht zuletzt für das Musikleben in Deutschland war und ist Simon Rattle prägend. Als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker erweiterte Rattle das Repertoire des Spitzenorchesters nachhaltig und stieß mit einem großen Tanzprojekt für Berliner Schüler eine neue Art der Vermittlung klassischer Musik an. Danach war Rattle bis 2023 Chef des London Symphony Orchestra, heute leitet er das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in München.