Unterschiedliche Opern, ähnliches Thema
Man kann sich seine Familie nicht aussuchen. Bei den Opernfestspielen in Heidenheim verbindet Regisseurin Vera Nemirova die groteske Verwandtschaft im mittelalterlichen Florenz von Giacomo Puccinis „Gianni Schicchi“ mit Richard Strauss‘ rachsüchtiger Eltern-Kinder-Aufstellung der antiken „Elektra“. Sie fügt zwei höchst ungleiche Ästhetiken über das fast gleiche Thema zusammen.
Rory Musgrave spielt Gianni Schicchi hinreißend
Puccinis Familie ist durch die Kostüme von Cristina Lelli recht schrill. Designklamotten zwischen fürchterlich und Luxus. Ziemlich unerträglich findet das auch Buoso Donati an seinem Geburtstag und entzieht sich der heuchlerischen Familienfeier durch Selbstmord.
Anstelle Geburtstagskaffee findet die Erbschleicherei mit Hilfe des Außenseiters Gianni Schicchi statt. Der so offensichtlich schwule, hinreißend maskulin von Rory Musgrave verkörperte Gianni Schicchi schlüpft in die Rolle des verstorbenen Bruders und diktiert das Testament neu.
Tricks und Erbschleicherei in Puccinis Oper
Anstelle der Mönche soll jetzt die Verwandtschaft alles bekommen. Er trickst sie aus und kassiert die größten Happen selbst. Und das alles, um sein verführerisch von Ava Dodd gesungenes Punktöchterchen Lauretta zusammenzubringen mit dem nonbinären Donati-Neffen Rinuccio, mit tenoralem Samt von Stefan Cifolelli dargeboten.
Doch nicht nur. Denn Nemirovas Clou: der Tod ist nur gespielt und so findet Buoso Donati höchst lebendig am Ende ungestört von der gierigen Verwandtschaft mit seinem Lover Gianni Schicchi zusammen.
Das Ensemble rund um die grauslige Familie ist brillant
Das ist so vital schön wie es Puccinis zwischen Schmelz, Groteske und ziemlich schräger Harmonik changierende Partitur auch ist.
Diese grauslige Familie ist als Ensemble einfach brillant, perfekt aus dem Bühnenhintergrund begleitet und ausbalanciert mit den Stuttgarter Philharmonikern unter der Leitung von Marcus Bosch.
Vom Festspielhaus in den Rittersaal für „Elektra“
Nach der Pause geht der Opern-Pilgergang aus dem Festspielhaus in die Ruine des Rittersaals zu Strauss‘ Tragödieneinakter „Elektra“. Das Freiluftambiente dieser Mauerfront mit Fensterhöhlen ist schon ein perfekt gegebenes Bühnenbild für den Hof und Palast von Mykene.
Da braucht es links nur einen Opferstein und die Badewanne des Vatermords rechts. Dazwischen sitzt die von Christiane Libor großartig verkörperte Elektra und schrubbt das Blut von den Trümmersteinen, wie einst die Künstlerin Marina Abramovic in ihrer Erinnerungsperformance das Blut von den bosnischen Knochen.
Erschreckend und beeindruckend schön
Diese Familie ist grauer Krieg. Die brutale Wucht von Strauss‘ Partitur ist durch das ebenfalls im Hintergrund vor der reflektierenden Wand wie ein in schwarz gehüllter antiker Tragödienchor spielende Orchester erschreckend wie faszinierend.
Katerina Hebelkova singt als Klytämnestra beeindruckend schön eine im psychischen Abgrund versinkende Mutter und Gattenmörderin. Tineke van Ingelgem eine lyrische und doch leidenschaftlich zwischen Mutter und Schwester hin und hergerissene Chrysothemis.
Regie packt wieder mit überraschender Schlusswendung
Am Ende packt auch hier die Regie mit einer überraschend anderen Schlusswendung. Elektra überlebt, geht und kehrt der Familie den Rücken, während der tödliche rächende Bruder Orest sich den Mantel des Vaters überstreift und das Mordbeil in die Höhe reckt. Familien sind niemals harmlos.
Der außerordentliche Abend ist ein enormer Kraftakt, den vor allem die Stuttgarter Philharmoniker und Marcus Bosch mit komödiantischer und tragischer Hingabe von Sonnenuntergang bis zur Mitte der Nacht bewältigen. Er ist ein Opern-Totalerlebnis und zeigt zurecht, dass die Opernfestspiele Heidenheim derzeit eines der besten Festivals für Musiktheater mit Relevanz sind.