Mit einem Schlag ist sie da, diese fremde, karge Klanglandschaft: metallisches Scheppern, gedämpfte Glockenklänge und ein klagender Bogenstrich in hoher Lage. Hier spielen Christopher Dell am Vibrafon, Christian Lillinger am Schlagzeug und Jonas Westergaard am Kontrabass. Dem eng verzahnten Zusammenspiel der Drei liegt ein recht strenges System zugrunde.
Es gebe einen Strukturkern auf den sich alles beziehe, erklärt Christopher Dell. „Den analysieren wir auf unterschiedliche Möglichkeiten in unterschiedlichen Taktarten.“ Es geht in dieser Musik um immer andere Perspektiven und Beleuchtungen eines gleichen Grundobjektes.
Preisverleihung und -konzert im Video
Diese Vielzahl von Perspektiven in der Musik sind bei Christopher Dell auch biographisch begründet. 1965 wurde er in Darmstadt geboren, verbringt aber seine ersten fünf Lebensjahre im indischen Ranchi. Dort wurde der Unterricht gelegentlich von Musikern unterbrochen, die gerade an seiner Klasse vorbeikamen, erzählt der Vibrafonist. „Da hat man einfach gespielt und gesungen.“
Über Schlagwerk zu Vibrafon und Jazz
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland besucht Dell als Teenager die Konzerte der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik. Über das Schlagwerk im Orchester kommt er zum Vibrafon und mit diesem Instrument zum Jazz.
Im Berklee College of Music in Boston studierte er beim Großmeister des Jazz-Vibrafons Gary Burton. Diese Zeit war eine prägende Erfahrung, mit ihm studierten dort zur selben Zeit Leute wie der Pianist Brad Mehldau, der Trompeter Roy Hargrove oder der Saxofonist Donny McCaslin.
Den Spirit des Berklee-College bringt Christopher Dell Anfang der 1990er Jahre mit in die deutsche Jazzszene. Sein Spiel hat einen extremen rhythmischen Drive und scheint technisch vollendet. Das ist auf über 80 Tonträgern festgehalten. Dell arbeitet solistisch und mit Ensembles an der Schnittstelle von Jazz und Neuer Musik.
Leidenschaften neben dem Jazz
Neben der musikalischen Karriere macht Christopher Dell auch eine akademische. Er promoviert im Fach Organisationspsychologie und habilitiert als Kulturwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Architektur und Städtebau. Ihm sei dadurch auch viel bewusster geworden, wie sehr Orte und Umgebungen sein Vibrafon-Spiel beeinflussen, sagt Dell. Diese Rahmung werde im Konzertbetrieb oft vernachlässigt, bemerkt er.
Umgekehrt könne er auch seine Erfahrungen aus der Musik in die Architektur übertragen. Dell ist es wichtig, seine Werke immer wieder zu überarbeiten und zu reflektieren. In seinem Projekt „Das Arbeitende Konzert“ ist zum Beispiel jede der mittlerweile neun vorliegenden Fassungen mit unterschiedlichen Besetzungen entstanden.