Ein Flügel, eine Loopstation und Elektronik - kaum mehr braucht Tobias Schmitz, um seine architektonischen Klangwelten zu produzieren. Er ist Pianist, Komponist und Produzent in einer Person. Alles, was er bei seinem Solo-Projekt „EINS.“ spielt, entsteht live im Moment. Aber natürlich hat er große Teile davon schon im Voraus im Kopf. Doch immer bleibt auch Raum für Improvisationen und alles wirkt fließend.
Was auf der Bühne entsteht, ist keine klassische Klaviermusik, aber auch kein Pop. Schmitz mischt verschieden Genres, Klangflächen, Loops und Geräusche zu einer dichten musikalischen Erzählung. „EINS.“ ist ein Solo-Projekt mit maximaler Offenheit.
Live-Improvisation trifft Neoklassik
„Manchmal entstehen bei Konzerten Dinge, die ich danach nicht mehr rekonstruieren kann“, sagt Schmitz. Sein Anspruch: Jeder Abend soll sich anders anfühlen. Improvisation ist für den Musiker kein Selbstzweck, sondern Ausdruck von Freiheit.
„Ich habe bestimmte Bausteine im Kopf, aber ich improvisiere immer auch live. So entsteht eine Mischung aus Struktur und Spontaneität“, erklärt Schmitz, der 1983 in Prüm in der Westeifel geboren wurde. Für ihn ist „EINS.“ sein ganz eigner Ort, an dem Komposition, Performance und Emotion ineinanderfließen.
Mit dem Begriff „Neoklassik“ kann Tobias Schmitz nur bedingt etwas anfangen. Er verwendet ihn zwar gelegentlich, „weil die Leute dann einfach besser wissen, was ich mache“. Gleichzeitig sei der Begriff schwierig, da er leicht mit dem musikalischen Neoklassizismus verwechselt werde – einer Stilrichtung der 1920er- und 1930er-Jahre, die sich auf barocke und klassische Kompositionsformen zurückbesann.
Eine treffendere Bezeichnung für seine Musik hat Schmitz bislang nicht gefunden – deshalb spricht er selbst gerne von „einer Melange aus verschiedenen Stilen“.
Vom Pop zur eigenen Sprache
Tobias Schmitz hat klassische Musik studiert und später an der Popakademie Mannheim einen Bachelor of Arts gemacht – zwischen Notenpult und Producing-Software. Diese Doppelprägung spiegelt sich in seiner heutigen Musiksprache wieder: Seine Klangwelten sind technisch versiert und zugleich emotional offen.
Bekannt wurde er als Keyboarder von „Jupiter Jones“ – einer Rockband aus der Eifel, die für ihre emotionalen Texte und eingängigen Melodien bekannt wurde. Mit „Still“ landete die Band 2011 einen der größten deutschsprachigen Hits. Danach gründete Schmitz mit Nicholas Müller, Frontmann und Sänger von Jupiter Jones, die Band „Von Brücken“. Heute geht er meist seinen eigenen Weg – solo und als Sänger.
Über fünf Jahre „EINS.“ – eine konsequente Entwicklung
Seit über fünf Jahren widmet sich Tobias Schmitz nun seinem Soloprojekt. „Für mich ist ‚EINS.‘ die ehrlichste Form meines musikalischen Ausdrucks“, sagt er. Zwischen Klassik, Ambient und Elektronik sprengt er Genregrenzen – und kehrt dabei immer wieder zum Flügel als seinem musikalischen Zentrum zurück.
Beim Mosel Musikfestival bringt Tobias Schmitz am 15. August sein Programm „EINS.“ auf eine klassische Festivalbühne. Der Klang eines Konzertflügels trifft dort auf die Möglichkeiten digitaler Technik. „Ich nutze die Technik wie ein Instrument“, sagt Schmitz. Eine zentrale Rolle spielt dabei seine Loopstation – ein Gerät, mit dem kurze Klangsequenzen live aufgenommen und sofort wiederholt (also geloopt) werden können. So entstehen dichte, mehrschichtige Klanglandschaften.
„Die Loopstation gibt mir Freiheit, ohne dass ich mich verlieren muss.“ Für ihn ist das Konzert ein Labor, in dem Emotion und Form ständig neu verhandelt werden.
Zwischen Struktur und Nebel
„Ich mag Musik, die nicht greifbar ist, die sich verändert – wie ein Nebel, durch den man hindurchgeht“, beschreibt er seinen Ansatz. In dieser Flüchtigkeit liegt für ihn die größte Kraft, weil sie Offenheit schafft: „Da ist Raum für Emotionen, für Interpretationen. Das berührt mich am meisten.“
Auch wenn seine Musik von Improvisation lebt, basiert sie auf klaren Elementen: „Ich habe mein Set im Kopf, aber ich lasse Raum, um es neu zu denken. Dadurch wird jedes Konzert einzigartig.“
Kein Stillstand: Neue Band, neuer Sound
Neben seinem Soloprojekt „EINS.“ ist Tobias Schmitz seit 2024 Mitgründer der Rockband „Henry and the Dead Girls“. Zusammen mit Marco Sifferath (Gitarre, Gesang) schreibt er Songs, die, wie er sagt, von Nick Caves Album „Murder Ballads“ (1996) beeinflusst sind. Die Musik der Band ist geprägt von düsteren, rockigen Klängen mit einer deutlichen Sinnlichkeit.
In der Band tritt Schmitz erstmals auch als Lead-Sänger auf. Obwohl er inzwischen in Düsseldorf lebt, besteht eine Verbindung zur Eifel, wo sowohl die Band als auch Schmitz ihren Ursprung haben. „Die Band hat eine andere Energie als mein Soloprojekt: direkter, erdiger. Dennoch ist Atmosphäre und Tiefe wichtig“, erklärt Schmitz.
Zur Rockband gehören außerdem Philipp Zdebel (Schlagzeug), Martin Hiltawski (Bass) sowie der Chor „The Dead Girls“ mit Christiane Berg, Barbara Spoo und Mona Lay.