Göttlicher Gesang
Vor kurzem habe ich ein wunderbares Buch über Montserrat Caballé in die Finger gekriegt. Wissen Sie noch? Die 2018 verstorbene Opernsängerin, die es durch ihr Duett mit Freddy Mercury sogar zu Pop-Ehren brachte. In dem Buch wurde sie als die letzte Diva beschrieben.
Diva, die Göttliche! Das waren seit dem 18. Jahrhundert Opernsängerinnen und Schauspielerinnen, die besonders bewundert und verehrt wurden: Maria Malibran, Marlene Dietrich, Maria Callas, Barbara Streisand oder eben Montserrat Caballé. Oder würden Ihnen ganz andere Namen einfallen?
Und woran denken Sie überhaupt, wenn Sie das Wort Diva hören? An eine überirdisch schöne Frau, die auch noch berückend göttlich singt – oder wahlweise Elton John? Oder haben Sie eine streitsüchtige Zicke in auftoupierter Flittergarderobe vor Augen?
Der Begriff im Wandel
Als sprachaffiner Mensch fällt mir als erstes auf, dass sich das Wort Diva – wie so viele in den letzten Jahren – von einem positiven in einen negativen Begriff verwandelt hat.
Waren Diven früher der Inbegriff des Stars, Ausdruck unnahbaren Begehrens, so steht heute der Begriff Diva eher für launische Popsternchen oder Reality Stars, denen es wichtiger ist, uns daran teilhaben zu lassen, mit wem sie wann wo in den Pilzen waren; ihr Mittagessen bei Instagram zu posten oder in achtzehnstündigen Podcasts ihren ganz normalen Alltag darstellen.
Ich würde mir wünschen, dass die heutigen Berühmtheiten wieder ein bisschen mehr divenhafte Unnahbarkeit herstellen würden. Um nicht zu sagen: Distanz!
Was also zeichnet eine Diva wirklich aus? Ich finde: Ein gottgegebenes Talent zu schweben, ohne abgehoben zu sein; zu glänzen ohne sich aufpolieren zu müssen und vor allem Klasse, die Schule macht. So knockt sich Anna Netrebko selbst aus, wenn sie ihr Best-of-Album „Diva“ nennt, eine wahre Diva würde sich nie als solche bezeichnen.
Abschied von Diven?
Sind Diven also vielleicht einfach wirklich nicht mehr zeitgemäß? Hat die Leistungsgesellschaft auch in der Kunst dermaßen Einzug gehalten, dass es nur noch um Können geht und nicht mehr um den exaltierten Zauber eines exzentrischen Talents?
Möglich. Ein Liberace, der zu Beginn seiner Shows in einem pinken Federkleid aus einem riesigen Fabergé-Ei tritt, um sich an einen strassbesetzen Flügel zu setzen, wirkt in unserer cleanen digitalen Welt schon ein wenig aus der Zeit gefallen. Also war es das wohl mit dem Diventum!
Na ja, vielleicht nicht ganz. Es gibt eine Diva in meinem Privatleben. Eine, die glänzt und funkelt. Eine, die es genießt, sich von vorn bis hinten bedienen zu lassen, am hellichten Tage einfach zu ruhen und die nachts zauberhafte Arien singt und damit um meine Aufmerksamkeit buhlt. Meine Katze. Und ich verehre sie dafür auch noch. In diesem Sinne: Viva la Diva!
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