Weinbrenner in Karlsruhe
Am Weinbrennerplatz Karlsruhe gibt es eine Kreuzung mit viel Verkehr, mehreren Bahnhaltestellen und – typisch für diese Stadt– etlichen Baustellen. Daneben steht die Weinbrennerschule, ein großer Spielplatz, doch der eigentliche Weinbrennerplatz liegt unscheinbar auf der anderen Straßenseite. Zugewuchert und ohne Bänke, nicht gerade einladend.
Kaum etwas architektonisch Nennenswertes an diesem Platz. Das überrascht, immerhin war Friedrich Weinbrenner der prägende Architekt der Stadt. Im frühen 19. Jahrhundert entwarf er die Stadtkirche am Marktplatz, in der Krypta liegt heute sein Sarkophag. Und auch 2026 ist die Bedeutung des Architekten für die Kirche spürbar.
Es ist natürlich eins der bedeutenden oder vielleicht das bedeutendste Bauwerk Friedrich Weinbrenners, die Krypta ist ein absolut singulärer Raum in Karlsruhe. Ich kenne keinen vergleichbaren wunderbaren Raum.
Ode nach fast 200 Jahren wiederentdeckt
Eine Ausstellung in der Krypta erinnert zum 200. Todestag an seine Bauten in und um Karlsruhe. Und eine musikalische Entdeckung im Archiv rückt Weinbrenner auf eine ganz andere Art in den Mittelpunkt. Der Karlsruher Kunsthistoriker Georg Kabierske hat vor acht Jahren eine Geburtstagsode für Friedrich Weinbrenner entdeckt.
Ein Zufallsfund, denn eigentlich war Kabierske anlässlich einer Forschungsreihe zu Giovanni Piranesis Zeichnungen in die USA gereist. Er wusste aber, dass in einem Archiv in Philadelphia Teile des Nachlasses von Weinbrenner liegen. Diese Chance wollte er nutzen. Mit einer Partitur habe er aber nicht gerechnet und wisse noch, wie er auf diesen Fund reagiert habe:
Oh das ist aber überraschend so ein Zeugnis aus dem direkten Umfeld von Weinbrenner aus seinem wirklichen Leben, sowas ist ja viel seltener noch als seine ganzen Zeichnungen. Und dann auch noch zu lesen, dass das für ihn komponiert wurde, für seinen Geburtstag. Da dachte ich mir, das wäre doch schön, wenn das mal in Karlsruhe aufgeführt werden würde. Und umso mehr freue ich mich, dass das jetzt passiert ist.
Aufführung in der Stadtkirche Karlsruhe
Christian Markus Raiser hat das „Lied zum Geburtstage des Oberbaudirectors Weinbrenner“ jetzt im Gedenkjahr aufgenommen, zusammen mit dem Bachchor Karlsruhe, der Sopranistin Julia Obert und Fabian Ringlage am Klavier.
Als kleiner Gag für eine Geburtstagsfeier könnte das Stück geschrieben worden sein, mutmaßt Christian Markus Raiser. Es könnte aber auch sein, dass Musiker des Hoftheaters es aufgeführt haben. Das Hoftheater ist auch ein Weinbrenner-Bau gewesen, leider ist es Mitte des 19. Jahrhunderts abgebrannt. Doch es bleiben Mutmaßungen, eine Datierung ist auf der Partitur nicht verzeichnet und auch der Nachweis, ob es überhaupt aufgeführt wurde, fehlt.
Der persönliche Fund ist für Kabierske mehr als nur ein kleines Geburtstagsständchen. Für ihn ist es eine Einladung ins Karlsruhe des 19. Jahrhunderts, das so sehr geprägt war von den klassizistischen Bauten Weinbrenners.
Es regt die Fantasie an durch Karlsruhe zu spazieren, man hat diese Lobesgesänge im Ohr und wenn man sich schon ein bisschen mit der Zeit beschäftigt hat und auch die Zeichnungen sieht, dann sieht man, dass Karlsruhe fast wie ein zweites Weimar war, was die Einheitlichkeit der Stadt angeht, den Klassizismus, die Gärten an der Kriegsstraße entlang, das muss auch paradiesisch gewesen sein.
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Gedichte vom engen Freund Weinbrenners
Komponiert wurde die Ode von Heinrich von Saint-Julien, ein Kompositionsschüler des Konzertsmeisters der großherzoglich-badischen Kapelle in Karlsruhe, Friedrich Ernst Fesca. Der Text stammt vom badischen Dichter Aloys Wilhelm Schreiber, ein enger Freund Weinbrenners. Diese enge Verbundenheit spürt man auch in den Zeilen des Liedes:
Stoßt an, und ruft beym Becherklang!
Heil! Heil! sey diesem Tag beschieden,
Der Meister lebe froh und lang,
Nie möge ihn sein Weg ermüden!
Die Ode schöpft aus dem Vollen. Sie lobt Weinbrenner und sein Handwerk. Für Kabierske ist es ein besonderer Fund: Er beschreibt uns auch den Menschen hinter den Skizzen und Entwürfen der Karlsruher Fassaden und wir erfahren etwas über seine Freundschaften. Doch nicht nur der Fund allein zählt, sondern auch, was damit gemacht wird:
Jeder Fund ist immer toll, wenn man denkt, dass man etwas erkennt, was andere noch nicht erkannt haben. Bei mir ist immer der Wunsch: Das muss raus, es muss bekannt sein, man muss es mit anderen teilen können. Umso mehr freue ich mich, dass es jetzt aufgeführt wird.
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