Immer neue Wörter schießen, brodeln und ploppen hervor aus der Alltagssprache. Annette Klosa-Kückelhaus vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Sandra Richter vom Literaturarchiv Marbach, Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und weiteren Expert*innen erklären, was die Neuschöpfungen bedeuten.
Wort der Woche Gerödel - erklärt von Sandra Richter
Umgangssprache oder Fachbegriff? Feststeht, Rödeln, rumrödeln, Gerödel - ein gewisser Aufwand schwingt da immer mit. Sandra Richter, Direktorin des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, hat sich mit dem Begriff auseinandergesetzt.
Wort der Woche Nonpology - erklärt von Bernhard Pörksen
Wer kennt nicht die Situation, sich für sein Fehlverhalten entschuldigen zu müssen oder aber eine Entschuldigung von seinem Gegenüber zu erwarten. Im Englischen heißt das Wort für Entschuldigung „apology“. Es gibt aber auch den Anglizismus Nonpology - und was es damit auf sich hat, erklärt der Medienwissenschaftler Prof. Bernhard Pörksen von der Universität Tübingen.
Wort der Woche Transformation - erklärt von Prof. Bernhard Pörksen
„Nichts ist so beständig wie der Wandel“ sagt ein altes Sprichwort, das für die heutige Zeit kaum treffender sein könnte. Die Gesellschaft steht vor großen Herausforderungen: der Umbau zu einer nachhaltigen, umweltfreundlichen Lebensweise muss geschafft werden, Menschen müssen lernen, sich dem Klimawandel anzupassen. „Transformation“ nennt man heute solche großen Veränderungsprozesse. Ein wirtschaftswissenschaftlicher Begriff, der längst alle Lebensbereiche durchdrungen hat. „Body Transformation“ zum Beispiel umfasst ein ganz persönliches Fitnessprogramm, um den Körper durch Ernährung und Training zu verändern.
Der Sprachwissenschaftler Bernhard Pörksen hat die „Besetzung“ des Begriffs von rechtspopulistischer Seite beobachtet. „Transformation“ werde oft als Feindwort benutzt, um entsprechende Veränderungen beim Umweltschutz beispielsweise als „Vernichtung von Gemeinschaft“ zu brandmarken. Das Wort sei sehr diffus, meint der Tübinger Professor, weil es nicht deutlich mache, welche Veränderungen auf welche Art und Weise gemeint sind, wer von Transformation betroffen sei. Ein Wort mit scheinwissenschaftlicher Aura, eine Imponiervokabel ohne konkreten Inhalt, so das Urteil des Sprachwissenschaftlers.
Wort der Woche Bauchpinseln - erklärt von Sandra Richter
Wenn wir jemanden bauchpinseln, wollen wir ihm gerne schmeicheln - man könnte auch sagen: Honig ums Maul schmieren. Aber bauchpinseln klingt eindeutig netter und hat einen leicht ironischen Unterton. Bauchpinseln - ein Wort mit einer starken Bildhaftigkeit, das vermutlich zurückgeht auf die Jugendsprache in den 1920er Jahren und in Verbindung stehen könnte mit der frühen Körpermalerei in Europa.
Wort der Woche Stolzmonat - erklärt von Annette Klosa-Kückelhaus
Der Begriff Stolzmonat ist die wörtliche Übersetzung des Ausdrucks „Pride Month“, der von der LGBTQIA+-Community eingeführt wurde, um auf Diskriminierung aufmerksam zu machen. Der „Pride Month“ bezieht sich auf den Juni 1969, als sich in einer Bar in der Christopher Street in New York Schwule, Lesben und Transgender-Menschen gegen eine Razzia wehrten. In seiner deutschen Übersetzung wird der Begriff von rechtsextremen, rechtspopulistischen oder queerfeindlichen Gruppen meist als provokative oder abwertende Reaktion auf den „Pride Month“ verwendet. Dr. Annette Klosa-Kückelhaus vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim hat sich über die Wirkmacht des Begriffes Gedanken gemacht.
Wort der Woche Time Well Spent - erklärt von Bernhard Pörksen
Wie schafft man es in unserer digitalen Welt, das „echte" Leben nicht aus dem Blick zu verlieren? Gar nicht so einfach, wenn wir ständig durch Klingeltöne und Push-Nachrichten abgelenkt werden. Oft ist uns gar nicht bewusst, wie viel Zeit wir täglich unnütz im Netz verbringen. „Time Well Spent" heißt die Zauberformel, die hier Ausgleich schaffen soll. Ursprünglich eine Graswurzelbewegung, die als Gegentrend zu den Überredungs- und Unterbrechungstechniken der digitalen Welt ins Leben gerufen wurde von dem ehemaligen Google-Mitarbeiter Tristan Harris. Doch die Initiative wurde von den Tech-Konzernen „geschluckt": Seit einigen Jahren bieten diese u.a. innovative Apps an, die den User*innen mehr Achtsamkeit in ihrem individuellen digitalen Verhalten ermöglichen sollen. Doch der Nutzen solcher Apps ist trügerisch. In dem man die Verantwortung individualisiere, so der Medienwissenschaftler Prof. Bernhard Pörksen, würde verschleiert, dass sich das Problem der ständigen digitalen Verfügbarkeit nur auf der gesellschaftlichen Ebene lösen lässt.
Wort der Woche kriegstüchtig - erklärt von Prof. Bernhard Pörksen
Der Krieg in der Ukraine hat die Frage nach der deutschen Wehrfähigkeit aufgeworfen. In einem Interview meinte Verteidigungsminister Boris Pistorius 2023: „Wir müssen kriegstüchtig werden“. Ein kontroverser Begriff, der eine mentale gesellschaftliche Neueinstellung bewirken solle, so Bernhard Pörksen.
Den Ausdruck „kriegstüchtig“ beschreibt der Tübinger Medienwissenschaftler als Oxymoron – eine Wortbildung aus zwei gegensätzlichen Begriffen, die in einem Kompositum zusammengezogen werden: der Krieg als das Schreckliche und die Tüchtigkeit als Beschwörung einer Tugend.
Wort der Woche Big Picture erklärt von Bernhard Pörksen
Immer öfter ist vom „Big Picture“ die Rede. Gemeint ist ein Begriff, der ursprünglich aus der Geschäftswelt kommt und sich auf den Gesammtzusammenhang eines Projekts oder einer Sache bezieht.
Wort der Woche Zeitenwende - erklärt von Bernhard Pörksen
Seit Ende Februar ist angesichts der aktuellen Kriegssituation in der Ukraine und der Drohungsszenarien Wladimir Putins von einer „Zeitenwende“ die Rede. Eingeführt hat den Begriff Bundeskanzler Olaf Scholz auf Twitter und in seiner Bundestagsrede am 27. Februar. Deutschland hat seine Position, bei Kriegsgeschehen keine Militärhilfe zu leisten, erstmals seit 1945 gebrochen. Und die Europäischen Länder stehen mit ihren schwer geschnürten Sanktionspaketen gegenüber Wladimir Putin geschlossen ein für den Frieden und zeigen eine starke Solidarität mit der Ukraine. Der Krieg dort hat Europa verändert. Nun hat es seit dem Zweiten Weltkrieg etliche brutale politische Auseinandersetzungen und Kriegssituationen in Europa gegeben - und auch andere einschneidende Entwicklungen - etwa 9/11 oder der dramatisch verlaufende Klimawandel - werfen die Frage nach einer „Zeitenwende“ auf. Prof. Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen, erklärt seine persönliche Einschätzung des Begriffs in der aktuellen europäischen Kriegssituation und darüber hinaus.