Immer neue Wörter schießen, brodeln und ploppen hervor aus der Alltagssprache. Annette Klosa-Kückelhaus vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Sandra Richter vom Literaturarchiv Marbach, Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und weiteren Expert*innen erklären, was die Neuschöpfungen bedeuten.
Wort der Woche New Speak - erklärt von Bernhard Pörksen
Der Begriff stammt aus George Orwells Roman „1984“, in dem er die Vision einer Welt entwirft, in der Überwachung und Propaganda an der Tagesordnung sind. Die Sprache New Speak - zu Deutsch Neusprech - wird dabei von einer kleinen Elite als Herrschaftsinstrument verwendet, um das Denken und Handeln der Menschen zu beeinflussen. Über Parallelen zum Sprachgebrauch im aktuellen politischen Diskurs hat sich der Tübinger Medienwissenschaftler Prof. Bernhard Pörksen Gedanken gemacht.
Wort der Woche Social Listening – erklärt von Bernhard Pörksen
Social Listening bedeutet übersetzt so viel wie „soziales Zuhören“. Was zunächst sehr positiv und menschlich klingt, geht aber in eine ganz andere Richtung. Denn Gespräche, Äußerungen in sozialen Medien, in Foren, Blogs und auf Bewertungsportalen von Marken und Unternehmen werden systematisch gesammelt, beobachtet und analysiert. Natürlich auch die Klicks und Likes, versteht sich. Das Ganze, um Kundenmeinungen auszuwerten und sie für Marketingstrategien zu nutzen.
Social Listening ist also für unsere digitale Sicherheit nicht ungefährlich, denn wir alle hinterlassen unsere Spuren im Netz – mit jedem Klick, mit jeder Recherche, jedem Einkauf und jedem Kommentar auf Social Media. Unmengen von Daten kommen so jede Sekunde zusammen, mit denen viel Geld gemacht wird und wir gleichzeitig viel von uns preisgeben. Der Medienwissenschaftler Prof. Bernhard Pörksen konstatiert: „In Wahrheit geht es nicht um das wirkliche Zuhören, sondern Social Listening ist eine Abhörtechnik, eine rein instrumentelle Auffassung von Zuhören, die hier regiert – eine Art Bedürfnisspionage.“
Wort der Woche Veränderungserschöpfung – erklärt von Bernhard Pörksen
Energiewandel, Klimakrise, Corona-Pandemie oder der technische Fortschritt durch künstliche Intelligenz. Die Zeit ist geprägt von schnellen Veränderungen, Umbrüchen und Transformationsprozessen, die viele Menschen überfordern. Der Soziologe Steffen Mau hat dieses Phänomen mit dem Begriff Veränderungserschöpfung umschrieben – und der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Universität Tübingen ordnet ihn ein.
Wort der Woche Zoodles - erklärt von Annette Klosa-Kückelhaus
Zoodles ist ein Lehnwort aus dem Englischen, ein sogenanntes Kofferwort, gebildet aus zucchini (Zucchini) und noodles (Nudeln) und markiert einen Foodtrend - weniger industriell gefertigte Teigprodukte, mehr Gemüse. In Gebrauch ist das Wort seit Mitte der Zehnerjahre. Von Zoodles spricht man, wenn mit einem Spiralschneider aus Gemüse dünne nudelartige Streifen geschnitten werden, die man wie Spaghetti weiter zubereiten kann. Der Begriff nahm zwar von Zucchini seinen Ausgang, lässt sich aber auch auf anderes Gemüse wie Möhren und Kohlrabi übertragen.
Wort der Woche Longtermism - erklärt von Bernhard Pörksen
Longtermism bezeichnet den Einfluss des Heute auf unsere langfristige Zukunft. Ein elitäres Projekt, das sich mit den Auswirkungen unserer Handlungen auf weit in der Ferne liegende Generationen befasst und viele Fans vor allem in der Tech-Branche und in der KI-Forschung findet. Die Anhänger dieser Haltung und Langfristigkeitsideologie betrachten existentielle Verbesserungen in einer gar nicht vorhersehbaren Zukunft in Hunderten und Tausenden von Jahren als moralische Priorität für unser Agieren - was so positiv klingt, ist auch fragwürdig. Die Klimakatastrophe, die uns keine Zeit mehr lässt, wird zum Beispiel im Umfeld des Longtermism verharmlost.
Wort der Woche Kujonieren – erklärt von Sandra Richter
Mobben, ghosten, nicht wertschätzen oder: Kujonieren. Ein etwas altertümlich anmutender Begriff, der ausdrückt, dass man unwürdig behandelt, schikaniert oder unnötig und bösartig bedrängt wird. Mitgebracht und analysiert von unserer Expertin Sandra Richter, Leiterin des Literaturarchivs in Marbach.
Wort der Woche Resilienz erklärt von Bernhard Pörksen
Krieg in Europa, politische Unsicherheit, gesellschaftliche Polarisierung oder Klimawandel. Weltweit kriselt es, vertraute Gewissheiten bröckeln und die Zukunftsangst wächst. Wie lässt sich das aushalten? In diesem Zusammenhang fällt oft der Begriff Resilienz.
Wort der Woche Longevity – erklärt von Annette Klosa-Kückelhaus
Longevity ist abgeleitet aus dem Lateinischen (longus und vita) und bedeutet wörtlich übersetzt Langlebigkeit. Den Wunsch nach einem langen Leben verbindet der Anglizismus aber immer auch mit der Sehnsucht nach größtmöglicher Gesundheit im hohen Alter. Was mit seriöser Forschung begann – die Suche nach Gründen und Möglichkeiten, länger gesund zu leben, etwa durch eine Änderung des Lebensstils und durch eine gesunde Ernährung – hat sich in den letzten Jahren zu einem Hype in den sozialen Medien entwickelt. Und zu einem wahren Werbeboom für angeblich lebensverlängernde und gesundheitsfördernde Maßnahmen geführt: Neben Nahrungsergänzungsmitteln werben Firmen und Influencer für extrem überteuerte Lifestyle- und Anti-Aging-Produkte, deren Erfolg oftmals recht fragwürdig ist. Und, kritisiert die Sprachwissenschaftlerin Dr. Annette Klosa-Kückelhaus, nur die Wohlhabenden unserer Gesellschaft können sich solche Extraanwendungen überhaupt leisten, was das Gefälle zwischen arm und reich nochmals verstärkt.