Holger Sanwald ist ein Urgestein des Heidenheimer Fußballs. Seit mehr als 30 Jahren ist der frühere Stürmer der Boss des 1. FCH, der in seiner Anfangszeit als Funktionär aus dem Heidenheimer SB hervorgegangen war. Seither ging es immer nur aufwärts. Von der Landesliga in die Verbandsliga und in die Oberliga.
Seit 2007 - mit dem Trainer Frank Schmidt an der Seitenlinie - über die Regionalliga, die 3. Liga und die 2. Bundesliga bis in die Bundesliga und sogar in den Europacup. Ein Fußball-Märchen am Rande der Ostalb. Bis zu dieser Saison...
"Kräfte bündeln und Vollgas geben"
...denn in diesen Tagen tut sich Holger Sanwald, 58, richtig schwer mit dem Blick auf die Tabelle. Heidenheim droht erstmals unter seiner Führung ein Abstieg: "Ich habe ja nichts davon, wenn ich jeden Tag auf die Tabelle schaue", sagte der Vorstandsvorsitzende des 1. FC Heidenheim angesichts Platz 18 im Interview mit SWR Sport. "Aber ich schaue natürlich schon nach jedem Spieltag, wie die anderen gespielt haben und wie sich die Tabelle verändert hat. Aber dann ist auch gut. Dann gilt es wieder, die Kräfte zu bündeln und Vollgas zu geben".
"Fußball ist Kopfsache"
SWR Sport: Holger Sanwald, es sind nur noch sieben Spiele in dieser Saison. Wieviel Hoffnung gibt es bei ihnen noch, dass die Rettung doch gelingen könnte?
Holger Sanwald: Es sind neun Punkte Abstand auf den Relegationsplatz und es sind nur noch sieben Spiele. Es sind also noch 21 Punkte zu vergeben. Man darf im Fußball nie den Fehler machen und Hochrechnungen anstellen. Fußball ist immer Kopfsache.
Ein Beispiel: Am letzten Wochenende lagen wir zur Pause gegen das Champions-League-Team Bayer Leverkusen mit 0:2 zurück. Da war allen im Stadion klar, das Spiel kann man nicht mehr gewinnen. Die sind so viel besser und wir so hoffnungslos unterlegen. Zum Schluss gewinnen wir die zweite Hälfte noch mit 3:1, das Spiel geht 3:3 aus. Im Fußball ist immer alles möglich. Das zeigen auch unsere Aufstiege, die uns gelungen sind. Letztes Jahr der Klassenerhalt, der Last-Minute in Elversberg.
Die Rettung ist "eine Mammutaufgabe"
In Summe, sagt Holger Sanwald, "gibt es in unserem Verein schon ein Prinzip Hoffnung. Natürlich sind neun Punkte sehr viel, aber manchmal kann ein Sieg vieles auslösen im Kopf und eine Überzeugung zurückbringen." Es gehe, sagt Sanwald gegenüber SWR Sport, noch gegen viele Konkurrenten. Es sei "eine Mammutaufgabe, aber wir glauben an die Rest-Chance, sonst könnten wir uns nicht jeden Tag motivieren unsere Arbeit zu machen".
Am nächsten Samstag (04. April) muss der 1. FC Heidenheim bei Borussia Mönchengladbach antreten. Eine Woche später geht es gegen Union Berlin. Machbare Aufgaben? Nicht unbedingt. Denn in der Rückrunde setzte es bereits regelmäßig Niederlagen gegen Teams wie Mainz, Augsburg, Bremen und den HSV.
Bundesliga Von wegen abgeschenkt: FCH bejubelt Remis gegen Bayer wie einen Sieg
Der 1. FC Heidenheim hat Champions-League-Teilnehmer Bayer Leverkusen einen packenden Fight geliefert. Wie schon gegen den VfB Stuttgart reichten drei eigene Treffer nicht für einen Sieg
SWR Sport: Herr Sanwald, es gab nicht nur das erwähnte 3:3 gegen Leverkusen, davor holte Heidenheim auch ein 3:3 gegen den VfB Stuttgart. Und jeder fragt sich: Warum zeigt das Team tolle Leistungen gegen solche Top-Teams und nicht gegen die Kellerkinder?
Holger Sanwald: Diese Frage stellen wir uns logischerweise auch. Aber daraus schöpfen wir unsere Kraft, dass wir es auch hinbekommen gegen direkte Konkurrenten. Wir haben auch in Frankfurt nur denkbar knapp 0:1 verloren, hochdramatisch in Dortmund 2:3. Wir sind immer ganz nah dran. Was uns noch fehlt, müssen wir uns jede Woche neu erarbeiten, auch das Quäntchen Glück erzwingen. Deshalb haben wir noch diesen Optimismus.
Seit September 2007, seit der Oberliga, ist Frank Schmidt der Cheftrainer des 1. FC Heidenheim. Inzwischen steht fest, nach einigen Wochen der Unklarheit, dass der Rekord-Coach mit dem FCH auch in sein 20. Trainerjahr gehen wird.
Bundesliga Trotz drohendem Abstieg: Frank Schmidt bleibt FCH-Trainer
Der 52-Jährige stellt vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen klar, dass er seinen Vertrag erfüllen möchte. Zuletzt hatte es Spekulationen um einen Rückzug gegeben.
SWR Sport: Letzten Freitag hat Trainer Frank Schmidt bekräftigt, seinen noch bis 2027 laufenden Vertrag zu erfüllen. Wie wichtig war das Bekenntnis ihres Trainers?
Holger Sanwald: Sehr wichtig. Das ist ein großartiges Zeichen vom Frank. Wir sind total happy. Frank ist für uns der Erfolgsgarant im Verein. Er hat uns von der Oberliga bis in die Bundesliga und in den Europapokal geführt. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Klar, dass diese Saison mit allen Aufgaben und Hindernissen mit ihm etwas gemacht hat.
Aber wir bleiben positiv: Verein, Fans, Partner und Sponsoren. Und das war auch ein ausschlaggebender Punkt für den Frank zu sagen, 'und ich gebe hier auch nicht auf'. Wir machen diese "Hire and Fire"-Politik nicht mit, das hat ihm sehr viel Kraft gegeben. Wir brauchen ihn, ob wir die Rest-Chance in der Bundesliga nutzen oder einen Neuaufbau in der 2. Liga machen. Wir können jetzt mit den Planungen beginnen, so oder so. Das hilft uns extrem.
SWR Sport: Wie konkret laufen denn bereits zweigleisige Planungen, auch für die 2. Liga?
Noch einmal, wir glauben an unsere Rest-Chance. Aber die ist nicht groß, und deshalb müssen wir seriöserweise auch eine Planung für die 2. Bundesliga machen. Was wir übrigens auch immer gemacht haben. Wir haben immer in unserer Entwicklung, beginnend in der Landesliga, geschaut, dass wir für den Aufstieg planen, für den Klassenerhalt aber auch für den Abstieg. Das ist ein seriöses Finanzgebaren, das unser Verein seit ich in der Verantwortung bin, seit über 30 Jahren hat.
Deshalb planen wir für die erste Bundesliga und für die 2. Bundesliga. Dafür ist Frank Schmidt unser wichtigster Mann. Da machen wir uns jetzt an die Arbeit mit aller Energie die uns zur Verfügung steht.
Bei wildem Remis gegen Leverkusen Hennes Behrens trifft für Heidenheim - und weiß es nicht
Was für ein Tag für Hennes Behrens: Der Spieler des 1. FC Heidenheim erzielt sein erstes Bundesligator gegen Bayer Leverkusen und seinem Team gelingt ein 3:3, das sich wie ein Sieg anfühlt.
Im Gegensatz zum Sommer, als mit Torhüter Diant Ramaj (Dortmund) und Mittelfeldspieler Arijon Ibrahimovic (FC Bayern) lediglich zwei neue Spieler verpflichtet wurden, legte der FCH im Winter-Transferfenster personell noch einmal kräftig nach. Mit Hennes Behrens (Hoffenheim), Leonidas Stergiou (VfB Stuttgart), Eren Dinkci (Freiburg) und Christian Conteh (Braunschweig) wurden gleich vier Verstärkungen an Land gezogen.
Christian Conteh wechselt zum FCH Sprinter-Duo auf dem Schlossberg: Conteh-Brüder in Heidenheim wiedervereint
Der 1. FC Heidenheim verpflichtete am Montag (12.01.) mit Christian Conteh von Eintracht Braunschweig den Bruder von FCH-Stürmer Sirlord Conteh. Das 22. Brüderpaar bei einem Bundesligaverein - eine besondere Geschichte.
SWR Sport: Holger Sanwald, viele fragen sich, warum der 1. FC Heidenheim personell nicht schon im Sommer personell kräftiger nachgelegt hat?
Holger Sanwald: Das ist ein großes und vieldiskutiertes Thema in Heidenheim. Und ich kann allen Fans versichern, dass wir schon im Sommer alles getan haben, um solche Spieler zu bekommen. Einen Eren Dinkci oder Hennes Behrens haben wir da auch schon versucht zu bekommen. Das ist uns nicht erst im Winter eingefallen. Es ist im Winter oft eine andere Konstellation als im Sommer.
Hoffenheim wollte Behrens noch nicht abgeben, auch Freiburg hat uns Dinkci damals noch nicht gegeben. Deshalb konnten wir das im Winter erst realisieren. Für Christian Conteh hatten wir jetzt im Winter erst die Mittel, nach dem späten Transfer von Leo Scienza. Und ein Leart Paqarada hat sich in seinem ersten Spiel gegen Dortmund gleich das Kreuzband gerissen. Manchmal kommt vieles zusammen, auch wenn man alle Energie investiert. Aber vielleicht reicht es ja noch.