Bahn-Gipfel in Stuttgart: Gehen Großbaustellen auch fahrgastfreundlich?

Die Bahn bekommt so oder so Ärger: Entweder lässt sie das Schienennetz im heutigen, schlechten Zustand mit den daraus entstehenden Verspätungen, oder sie mutet den Fahrgästen Verspätungen zu, die durch Baustellen entstehen. Wie könnte man das kundenfreundlicher machen? Darum geht es beim Bahngipfel beim baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann. Fragen von SWR-Aktuell-Moderator Andreas Fischer an den Bahnexperten Professor Christian Böttger von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin.

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Von Autor/in Andreas Fischer

SWR Aktuell: An den Bahnbaustellen gibt es viel Kritik: Der Verkehr werde zu stark beeinträchtigt, die Informationen kämen zu spät, der Busersatzverkehr sei oft schlecht organisiert. Kurz gesagt, man komme nicht zuverlässig an sein Ziel. Inwiefern ist denn diese Kritik aus Ihrer Sicht berechtigt?

Christian Böttger: Ich glaube, sie ist teilweise berechtigt. Die Bahn hat im gesamten Bereich Planung und Disposition erhebliche Personalengpässe. Sie ist nicht in der Lage, den Ersatzverkehr ordentlich zu organisieren, vor allem ist sie nicht in der Lage, die Fahrgäste ordentlich zu informieren. Und das ist eigentlich das Allerschlimmste, dass die Bahn diesen Prozess, auch nach eigenem Eingeständnis, nicht hinbekommt.

SWR Aktuell: Woran liegt das aus Ihrer Sicht, dass die Bahn diesen Prozess nicht hinbekommt?

Die Bahn hat es in vielen Bereichen versäumt, Experten auszubilden.

Böttger: Ich glaube, zuerst mal muss man sagen: das sind Managementfehler. Die Bahn hat es in vielen Bereichen versäumt, Experten auszubilden. Wir sehen das bei den Abnahmeprüfern, bei den Fahrdienstleitern. Bei den Lokführern wird seit vielen Jahren darüber gesprochen. Teilweise ist es natürlich auch der schlechte Arbeitsmarkt, der knappe Arbeitsmarkt, wo keine Leute zur Verfügung stehen. Aber teilweise ist es eben auch Versäumnis der DB, die Leute auszubilden. Und die DB hat ja selbst gesagt, dass sie bis 2028 auch IT-mäßig nicht in der Lage sein wird, ihre Verpflichtung zur Information von Verkehrsunternehmen und Fahrgästen zu erfüllen.

SWR Aktuell: Nun ist 2028 noch drei Jahre entfernt. Sehen Sie denn aktuell irgendwelche Möglichkeiten, das Baustellenmanagement akut besser zu organisieren?

Böttger: Das Management hat jeden Tag den Auftrag, zu überlegen, was man besser machen kann. Ich sehe momentan leider wenig Aktivität. Aus meiner Sicht gäbe es auch, das wirkt jetzt nicht ganz kurzfristig, auch die Möglichkeit, ein paar Regelwerke zu hinterfragen. Wir haben in Deutschland sehr strenge Regelwerke für den Baubetrieb, viel strenger als auch in der Schweiz. Man könnte sicher auch die Beeinträchtigung reduzieren, wenn man die Regel da etwas lockern würde. Aber auch da traut sich derzeit niemand ran. Es gäbe schon ein paar Ansatzpunkte im Kleinen, aber natürlich ist es so, dass, wenn gebaut wird, dann leiden die Fahrgäste darunter. Grundsätzlich wird sich das auch nicht beheben lassen.

SWR Aktuell: Nun gibt es ja heute dieses Treffen in Stuttgart, von Landespolitik und Bahn-Spitze. Was kann die Politik aus Ihrer Sicht beitragen, um diese Baustellen-Misere etwas zu mildern? Bis man Regelwerke geändert hat, wird es wahrscheinlich länger dauern. Aber gibt es vielleicht auch da aktuelle Möglichkeiten?

Böttger: Ich sehe da eigentlich ganz, ganz wenig Möglichkeiten. Ich glaube, dass ist eher so eine symbolische Veranstaltung, dass die Landespolitik zeigt, dass sie sich kümmert - und dass der DB-Vorstand zeigt, dass er zuhört. Aber ich glaube nicht, dass dabei fundamental etwas rauskommen wird.

SWR Aktuell: Ich fahre selbst sehr oft Bahn in Baden-Württemberg. Es ist ja auch die Strategie der Bahn - das spürt man wirklich als Fahrgast -, dass gerade massiv überall gebaut wird, um das Netz möglichst schnell wieder fit zu bekommen. Ist das aus Ihrer Sicht wirklich sinnvoll, alles gleichzeitig zu bauen? Oder sollte die Bahn nicht doch darüber nachdenken, das zu entzerren, um dann vielleicht auch die Auswirkungen etwas geringer zu halten?

Baustellen werden teilweise sehr kurzfristig, sehr chaotisch, angesetzt.

Böttger: Ja, das liegt nahe. Ich glaube, wir haben jetzt schon ganz viele Zwangspunkte: Sie brauchen teilweise Planungsrecht, Sie brauchen Leute, und die Leute sind teilweise dramatisch knapp – das muss man eben sehen. Wir finden kaum noch Menschen, die willens sind, im Baubereich zu arbeiten, die bereit sind, in Schichten zu arbeiten und nachts zu arbeiten. Wir alle, die wir nicht betroffen sind, sind sehr am Jammern, aber man muss sagen: da gibt es einfach zu wenige. Und dann werden da teilweise, wenn man gerade mal jemanden gefunden hat, der die Arbeit macht, dann lässt man den einfach kurzfristig Arbeiten machen. Es ist nicht so, dass man da aus einem großen Pool schöpfen könnte, wie es idealerweise sein sollte. Und das führt dazu, dass dann auch teilweise sehr kurzfristig, sehr chaotisch, Baustellen angesetzt werden. Solange man dieses Problem nicht in den Griff bekommt, wird das auch nicht besser.

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