Überdurchschnittlich viele Stimmen bei Arbeitern

Ist die AfD die neue Arbeiterpartei? Das sagt ein Kommunikationsforscher dazu

Ginge es nach der Arbeiterschaft in Baden-Württemberg, wäre die AfD stärkste Kraft im neuen Landtag. "Sie befeuert die Sorgen", so der Wissenschaftler Brettschneider zu den Gründen.

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Von Autor/in Barbara Reeder

18,8 Prozent der Stimmen hat die AfD bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg bekommen. Laut Infratest dimap lagen die Stimmanteile von Arbeitern sogar fast doppelt so hoch - bei 37 Prozent. Die CDU würde dahinter mit 21 Prozent landen, die Grünen bei 18 Prozent und die SPD bei 5 Prozent. FDP und Linke hätten 5 beziehungsweise 4 Prozent.

Dass die AfD gerade bei Arbeiterinnen und Arbeitern so gut abgeschnitten hat, hat nach Ansicht des Kommunikationsexperten Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim mehrere Gründe. Vor allem "unterstützt und befeuert die AfD die Sorgen, die es in der Arbeiterschaft gibt". Dazu gehörten Sorgen um Jobs, vor Wohlstandsverlust, aber auch grundsätzlich aufgrund des Strukturwandels - insbesondere bei Menschen, die in der Automobilindustrie und bei den Zulieferern tätig sind, sagt Brettschneider.

Grafik: So haben Arbeiter bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg gewählt.
Grafik: So haben Arbeiter bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg gewählt. Infratest dimap

Experte: Diskussionen um Entenleber fatal für Glaubwürdigkeit

Bei vielen Leuten herrsche das Gefühl, dass "die da oben" sich um ihre Sorgen nicht kümmern würden, sondern mehr um Bürgergeldempfänger. "Wenn dann noch sowas dazu kommt, wie die Diskussion um Entenleberpastete, unterminiert das die Glaubwürdigkeit", so Brettschneider. Die Empörung über den SPD-Spitzenkandidaten Andreas Stoch, der nach einem Besuch bei einer Tafel seinen Fahrer angewiesen hatte, ihm aus Frankreich Entenpaté mitzubringen, war zwar seiner Meinung nach nicht ausschlaggebend für das schlechte Abschneiden der SPD, doch es sei der Eindruck der Abgehobenheit entstanden.

Diese Stimmung mache sich die AfD zunutze. Jobabbau, Migration, Wohnungsnot, Bürokratie - der AfD gelinge es zu vermitteln, dass sie sich darum kümmern und zudem das Alte bewahren werde. Das zeige das Festhalten am Verbrenner oder die Absage an den Strukturwandel, so der Kommunikationsforscher: "Wenn man etwas bewahrt, sind vermeintlich auch die Sorgen weg." Das sei aber eine sehr einfache Antwort, die allein schon aufgrund der zunehmenden Globalisierung so nicht funktioniere.

Da alle anderen schon mal in der Verantwortung waren, die AfD noch nicht, hat sie es relativ leicht zu sagen: 'Wenn wir die Macht hätten, wäre alles viel besser.'

Prof. Frank Brettschneider lächelt in die Kamera. Mit dem Kommunikationswissenschaftler schauen wir in SWR1 Leute auf Gewinner und Verlierer der Landtagswahl Baden-Württemberg, auf den neuen Ministerpräsidenten und welche Koalitionen realistisch sind.
Universität Hohenheim / Claudia Thoms

Arbeiter fühlen sich von etablierten Parteien oft nicht vertreten

Angst vor Wohlstandsverlust und Strukturreformen sind nach Meinung von Brettschneider aber nur ein Teil, der die große Zustimmung der klassischen Arbeiterschaft zur AfD erklärt. Der andere sei das Gefühl, von den etablierten Parteien nicht richtig vertreten zu werden. Denn die Wenigsten dort hätten selbst mal am Band gestanden. Die AfD sage dann, "'die da oben' haben ja von eurer Lebenswirklichkeit gar keine Ahnung. Wir schon. Und mit der Erzählung kommt sie teilweise durch", so Brettschneider.

Brettschneider : "Probleme müssen sichtbar angegangen werden"

Als neue Arbeiterpartei sieht der Experte die AfD nicht. Weder würde ihre Wählerschaft überwiegend aus Arbeitern bestehen, noch mache die AfD Politik für sie. Es sei auch kein Naturgesetz, dass immer mehr Arbeiterinnen und Arbeiter die AfD wählen würden. Entscheidend sei, dass Probleme adressiert und dann tatsächlich auch bearbeitet werden, betont der Kommunikationsforscher: "Entbürokratisierung gehört dazu, ist aber nur ein Beispiel. Es heißt auch nicht, sie müssen im Sinne der AfD gelöst werden, aber sie müssen sichtbar angegangen werden."

Dafür müssten Bremsen für wirtschaftliche Entwicklung gelöst werden. Cem Özdemir (Grüne) habe vor der Wahl angekündigt, Berichtspflichten für Unternehmen, für die das Land verantwortlich ist, bis 2027 auszusetzen. In einer möglichen neuen grün-schwarzen Koalition kann das laut Brettschneider ein Schritt Richtung weniger Bürokratie sein.

Das Handeln muss seiner Meinung nach begleitet sein von Gesprächen mit denjenigen, die unzufrieden, frustriert oder auch wütend seien. Ihnen müsse man zuhören, aber auch deutlich machen, was im eigenen Handlungs- und Machtbereich liegt und was nicht. "Und das dann aber glaubwürdig und beherzt angehen", so Brettschneider, "da sind wir wieder beim Handeln."

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Autor/in
Barbara Reeder
SWR Aktuell-Redakteurin Barbara Reeder

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