Viele Studierende in Baden-Württemberg finanzieren sich ihr Studium mit Leistungen des Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG). Im Jahr 2024 haben laut Statistischem Landesamt gut 54.600 Studierende im Land BAföG erhalten. Das Problem: Die Wartezeiten für die Förderung sind in Baden-Württemberg - je nach Studierendenwerk - ziemlich lang. Und das kann für Studierende ein echtes Problem sein.
Studierende aus BW müssen über ein halbes Jahr auf BAföG warten
Einer der von den langen Wartezeiten für die Förderung betroffen war, ist Ben. Er studiert Umwelt- und Naturwissenschaften an der Uni Freiburg und auf seine erste BAföG-Auszahlung nach dem Erstantrag musste er knappe acht Monate warten. Sein Erspartes habe sich immer weiter aufgelöst. "Das macht einem schon Sorgen, wenn man ein neues Studium anfängt und sich nicht sicher sein kann, ob man sich das auf Dauer finanzieren kann."
Man beantragt BAföG ja auch nicht zum Spaß, sondern meistens, weil man das wirklich braucht.
Von ähnlichen Erfahrungen erzählt auch Dominik. Er studiert Politikwissenschaften und Soziologie an der Uni Tübingen. Er hat rund sieben Monate auf die erste BAföG-Zahlung gewartet - für ihn eine lange Zeit der Ungewissheit, vor allem da er nicht wusste, ob sein Antrag überhaupt angenommen wird. "Ich bin damit leider kein Ausreißer", erzählt er. "Ich kenne auch Leute, die mussten ein Jahr lang warten."
Tübingen-Hohenheim und Mannheim sind Spitzenreiter der Wartezeiten
Wie aus einer Antwort des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums auf eine Anfrage zweier SPD-Abgeordneten hervorgeht, müssen Studierende in Tübingen und Hohenheim sowie in Mannheim im Vergleich zu anderen Studierendenwerken in Baden-Württemberg besonders lange warten. In Mannheim müssen die Antragsteller im Schnitt 24 Wochen von Eingang des Erstantrags bis zur ersten Auszahlung der Förderung warten.
Beim Studierendenwerk Tübingen-Hohenheim sind es 21 Wochen - beim Auslandsamt wartet man sogar 35 Wochen im Schnitt. Am "schnellsten" geht es beim Studierendenwerk Karlsruhe mit durchschnittlich acht Wochen Wartezeit. Dass die Bearbeitungszeiten variieren, könne an den deutlichen Unterschieden von Größe und Struktur der Studierendenwerke liegen, so ein Sprecher des Studierendenwerks Tübingen-Hohenheim, einem der größten im Land.
Lange BAföG-Wartezeiten: Finanzielle und mentale Belastung
Der Blick aufs Konto hat auch Bens Alltag beeinflusst. Beim Einkaufen, aber auch bei Freizeitaktivitäten habe er sparen und sich einschränken müssen. Auch Dominik berichtet davon, dass er sich immer habe überlegen müssen, an welchen Kennenlernaktivitäten der Uni er beispielsweise teilnehmen kann. Die finanzielle Situation spiele gerade am Anfang des Studiums, wenn es auch darum gehe, Leute kennenzulernen, und sich einzufinden eine Rolle. "Das beeinflusst dann schon, mit welcher Einstellung man an das Studium rangeht."
Land fördert Bau von Wohnheimen Mehr als ein Drittel der Studierenden in BW von Armut bedroht
Wer studiert, verdient in der Regel kein Geld damit, muss aber dennoch Miete zahlen. Unter anderem hohe Wohnkosten sorgen dafür, dass viele Studierende von Armut bedroht sind.
Dominik merkt außerdem an: Selbst mit BAföG reicht das Geld oft nicht zum Leben aus. Gerade durch die hohen Wohnkosten kommen Studierende auch mit BAföG nicht unbedingt aus. Viele würden deswegen zusätzlich arbeiten.
Studierende aus Baden-Württemberg wünschen sich bessere Kommunikation
Für Studierende ist am Anfang des Studiums oft vieles neu - neue Lebensrealität, manchmal auch ein neuer Ort und ein neues Umfeld, die erste eigene Wohnung. Für Ben und Dominik war der BAföG-Antrag in dieser Situation eine zusätzliche Belastung. Was sie sich vor allem wünschen: eine bessere Kommunikation rund um's BAföG. Aber auch mehr Unterstützung beim Ausfüllen des Antrags, mehr Transparenz bei den Zuständigkeiten und bessere Erreichbarkeiten der BAföG-Ämter würden sich die beiden Studenten aus Baden-Württemberg wünschen.
Personalmangel und fehlende Digitalisierung bei den Studierendenwerken
Ein großes Problem bei den BAföG-Ämtern ist laut der Studierendenwerke die fehlende Digitalisierung. Denn der Antrag kann zwar online gestellt werden, die Bearbeitung in den Studierendenwerken findet aber oft immer noch mit Papier statt, beispielsweise in Mannheim. Das Studierendenwerk Karlsruhe arbeitet bereits mit der E-Akte und sieht diese auch als entscheidenden Faktor, wieso die Bearbeitungszeit im Vergleich zu anderen Studierendenwerken im Land kürzer ist. Auch in Stuttgart nutzt man bereits digitalisierte Akten.
Eines der größten Hindernisse für eine schnelle und flexible Arbeitsweise stellt aus unserer Sicht jedoch die fehlende Digitalisierung dar.
Auch Personalmangel sei ein Problem, erzählt etwa Astrid Brandenburger vom Studierendenwerk Mannheim. Bei kleinen Behörden seien Ausfälle nur schwer zu kompensieren. Ebenso seien unter anderem die Vereinfachung und Entbürokratisierung des BAföG-Gesetzes sowie digitale Schnittstellen zu anderen Behörden wichtig, um Hürden für Antragsstellende und Bearbeitende zu reduzieren, so der Sprecher des Studierendenwerks Tübingen-Hohenheim.
Wissenschaftsministerium: Vorschüsse in manchen Fällen möglich
Wie das baden-württembergische Wissenschaftsministerium im September mitteilte, werde an der Einführung der E-Akte für BAföG-Ämter im Land gearbeitet.
Außerdem gebe es die Möglichkeit, im Rahmen eines Erstantrags Vorschusszahlungen in Höhe von 80 Prozent des voraussichtlichen Bedarfs für maximal vier Monate zu leisten. Diese sind laut Wissenschaftsministerium möglich, wenn feststeht, dass der Bewilligungsbescheid nicht innerhalb von sechs Wochen erstellt oder die BAföG-Leistungen nicht innerhalb von zehn Wochen geleistet werden können. Darauf habe das Ministerium die Ämter regelmäßig hingewiesen.