SF6 bei Chemiefirma Solvay in Bad Wimpfen ausgetreten?

BW-CDU schießt gegen Umweltministerin Walker: Umgang mit mutmaßlichem Treibhausgasleck "klimapolitisches Desaster"

Knapp zwei Monate vor der Landtagswahl geht die CDU den grünen Koalitionspartner an. Die Umweltministerin habe im "Skandal" um stark klimaschädliche Emmissionen zu spät gehandelt.

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Von Autor/in Henning Otte

Die Affäre um den möglichen Austritt gewaltiger Mengen des extrem klimaschädlichen Treibhausgases Schwefelhexafluorid (SF6) in Baden-Württemberg hat ein politisches Nachspiel. Die mitregierende CDU hat nach SWR-Informationen eine Sondersitzung des Umweltausschusses des Landtags angesetzt, bei der Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) Rede und Antwort stehen soll - zum Umgang mit dem mutmaßlichen Leck in dem Chemiewerk der Firma Solvay in Bad Wimpfen (Kreis Heilbronn). Walker zeigt sich gegenüber dem SWR in einer Stellungnahme unbeeindruckt.

Thekla Walker (Grüne), Umweltministerin von Baden-Württemberg, spricht im Landtag von Baden-Württemberg in der Plenarsitzung.
BW-Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) wird in der Affäre um das mutmaßliche Treibhausgas-Leck scharf vom eigenen Koalitionspartner kritisiert. picture alliance/dpa | Marijan Murat

CDU-Fraktionsvize spricht von "klimapolitischem Desaster"

Der CDU-Fraktionsvize und Umweltexperte Raimund Haser sagte dem SWR, man nehme mit der Sitzung die parlamentarische Kontrollfunktion wahr. "SF6 ist eines der klimaschädlichsten Gase überhaupt - und wenn statt erlaubter 56 Kilogramm plötzlich bis zu 30 Tonnen pro Jahr emittiert werden, reden wir nicht über eine Randnotiz, sondern über ein klimapolitisches Desaster mit einer Wirkung wie Hunderttausende Tonnen CO2."

Kritik an Umweltministerin: Zu spät eingegriffen

Gerade Baden-Württemberg, das sich sehr um Klimaschutz bemühe, könne sich solche Abweichungen nicht leisten. Haser hielt Walker vor, zu spät eingegriffen zu haben: "Wenn zudem widersprüchliche Angaben zwischen Betreiber, Behörden und unabhängiger Wissenschaft bestehen, darf sich politische Verantwortung nicht auf Abwarten oder Zuständigkeitsfragen beschränken."

Bei den Grünen ist von einem "unsäglichen Verhalten" der CDU die Rede - zwei Monate vor der Landtagswahl. Im Umweltministerium weist man außerdem darauf hin, dass CDU und FDP bei einer Sitzung des Umweltausschusses Anfang Dezember keine Fragen zum Thema gestellt hätten.

Umweltministerin Walker zeigt sich unbeeindruckt

Die in der Kritik stehende Umweltministerin Walker teilte dem SWR am Sonntagabend mit, sie sehe es als positives Zeichen, dass die CDU das Thema Klima "wieder entdecke". Walker wies außerdem auf die intensive Arbeit des Regierungspräsidiums mit der Firma Solvay hin. Durch diese habe man in Abstimmung mit der Frankfurter Forschern eine Lösung gefunden, um Emmissionen zu minimieren und "zugleich eine dreistellige Zahl an Arbeitsplätzen zu sichern".

Kritik an der Arbeit von Umweltministerin Thekla Walker kommt auch von der FDP. Deren Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke erklärte, die Vorwürfe der CDU wögen schwer. Walker hätte bei diesen massiven Überschreitungen von Grenzwerten bei einem hoch klimawirksamen Gas den Vorgang sofort zur Chefsache machen müssen, so Rülke. "Offenbar hatte Walker andere Interessen und Prioritäten", sagte der FDP-Politiker. Viel zu oft lasse sich Walker im Umweltausschuss von ihrem Staatssekretär vertreten.

30 Tonnen statt 56 Kilogramm? Aufsichtsbehörden geraten unter Druck

Hintergrund der Auseinandersetzung ist, dass das belgische Unternehmen Solvay für den Standort in BW einen jährlichen Ausstoß von lediglich 56 Kilogramm SF6 angegeben hat. Doch Messungen der Goethe-Universität Frankfurt legen nahe, dass rund 30 Tonnen des weltweit klimaschädlichsten Gases entwichen sein könnten.

Land und Chemiekonzern einigen sich auf Testbetrieb mit Messungen

Nach längerem Hin und Her hatten sich das Land und der Konzern in einem Vertrag auf engmaschige Tests geeinigt. In der Vereinbarung, die vorerst für fünf Monate gilt, ist festgelegt, wie oft die Anlage maximal an- und abgefahren werden darf. Gleichzeitig müsse Solvay die Emissionen wöchentlich durch eigene Messungen und monatlich über ein externes Messinstitut nachweisen und die Werte dem Regierungspräsidium vorlegen.

Nach Angaben des Regierungspräsidiums Stuttgart hat das Unternehmen bereits eine Minderung der Emissionen erreicht. Allerdings werde der Grenzwert bislang nicht in allen Betriebszuständen eingehalten. Um noch vorhandene Fehler zu finden, muss die Anlage betrieben werden. Eine Klage, die der Konzern Anfang Dezember vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart eingereicht hatte, soll demnach ruhen.

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Erstmals publiziert am
Stand
Onlinefassung
Marc-Julien Heinsch
SWR-Redakteur Marc-Julien Heinsch
Autor/in
Henning Otte
SWR-Reporter und -Redakteur Henning Otte, SWR Landespolitik

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