"Stifte raus, Bücher weg - wir schreiben einen Test". Bei manchen Schülerinnen und Schülern treibt dieser Satz Schweißperlen auf die Stirn. In Rheinland-Pfalz darf sich die Schülerschaft seit diesem Schuljahr über die Abschaffung von unangekündigten Tests an Schulen freuen. In Baden-Württemberg hält das Kultusministerium bislang daran fest.
Unangekündigte Tests rechtlich verankert
Der Landesschülerbeirat fordert, dem Beispiel von Rheinland-Pfalz und anderen Bundesländern zu folgen und unangekündigte Tests abzuschaffen. Zu Beginn des Schuljahres hätten die Vertreter ein Schreiben an Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) geschickt, in dem sie die Abschaffung vorschlagen.
Danach sieht es im Moment jedoch nicht aus. Das Kultusministerium beobachtet nach eigenen Angaben zwar, wie sich die Maßnahmen in anderen Ländern entwickeln. "Derzeit ist bei uns aber keine Änderung der Notenbildungsverordnung geplant", schreibt das Ministerium. Genau dort sind unangekündigte Tests rechtlich verankert. Klassenarbeiten sind in der Regel anzukündigen. Diese Maßgabe gilt allerdings nicht für "schriftliche Wiederholungsarbeiten". Das sind Tests, die sich auf den Stoff der unmittelbar vorangegangenen Unterrichtsstunden beziehen.
Ob und wie genau von solchen unangekündigten Tests Gebrauch gemacht wird, liege bei der Lehrkraft und in deren "pädagogischem Ermessen". Die Bewertung solcher Tests fließt in die Notenbildung ein.
Landesschülerbeirat beklagt "Dauerstresszustand"
Der Landesschülerbeirat hält dieses Vorgehen für völlig kontraproduktiv. "Wir haben einen Dauerstresszustand, weil wir nie wissen, wenn wir in die Schule kommen, ob wir einen Test schreiben", kritisiert der Landesschülerbeirats-Vorsitzende Joshua Meisel.
Wir haben einen Dauerstresszustand.
Der Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler würde dadurch nicht verbessert. Es gebe keine wissenschaftlichen Beweise, die den Einsatz rechtfertigten. Die mentale Gesundheit leide. Schülerinnen und Schüler würden keine "Selbstwirksamkeit" erfahren, so Meisel.
Studie zeigt Lernerfolg durch angekündigte Tests
In der Tat ist die Wirksamkeit von unangekündigten Tests wissenschaftlich nicht belegt. Stattdessen zeigte eine Studie der Universität Bayreuth, dass das Nicht-Ankündigen von Leistungserhebungen die Leistungen von Schülerinnen und Schülern nachteilig beeinflussen kann.
Die Forscherinnen und Forscher untersuchten, inwieweit Angst und Freude im Zusammenhang mit angekündigten und unangekündigten Tests bei Schülerinnen und Schülern auftreten. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass angekündigte Tests die Fähigkeit zur bewussten Einschätzung und Selbstkontrolle der eigenen Leistungen fördern. Unangekündigte Tests riefen dagegen eher Angst hervor.
SPD will Druck für Schülerinnen und Schüler reduzieren
Für den rheinland-pfälzischen Kultusminister Sven Teuber (SPD) waren Studien wie diese Anlass, unangekündigte Tests aus dem Schulsystem des Bundeslandes zu streichen. Man wolle den Druck für Schülerinnen und Schüler reduzieren. Schule solle ein Ort der Neugier und Lebensfreude sein. Klare Ankündigungen von Prüfungen und Kommunikation auf Augenhöhe seien für Bildungsfortschritte und motiviertes Lernen unerlässlich.
Auch die SPD-Fraktion im baden-württembergischen Landtag kann sich eine Abkehr von unangekündigten Tests nach dem Vorbild des rheinland-pfälzischen Parteikollegen vorstellen. Ob sie flächendeckend und verpflichtend gestrichen werden sollten, ließ die Partei offen. "Schülerinnen und Schüler lernen am besten, wenn sie Freude am Lernen haben und ehrliches Feedback erhalten - ohne ständig schlechte Noten fürchten zu müssen", sagt der bildungspolitische Sprecher der baden-württembergischen SPD-Fraktion, Stefan Fulst-Blei. Man wolle zunächst beobachten, wie die Maßnahme in Rheinland-Pfalz wirke.
CDU sieht Lernfortschritt durch unangekündigte Tests
Im grün geführten Kultusministerium sieht man zwar momentan keine Notwendigkeit, die Regelung zu kippen, eine grundsätzliche Offenheit für Veränderung wird aber auch dort deutlich. Der schwarze Koalitionspartner der Grünen ist bei der Frage nach unangekündigten Tests wesentlich ablehnender. Unangekündigte Tests dienten der Überprüfung des Lernfortschritts der letzten Unterrichtsstunden, heißt es vom bildungspolitischen Sprecher der CDU-Fraktion, Andreas Sturm. Für die Ermittlung des Unterrichtserfolgs könnten sie sinnvoll sein - ob sie auch eingesetzt würden, liege bei der Lehrkraft.
Man wird immer so hingestellt, als würde man damit Kinder quälen.
Wie oft und wo an Baden-Württembergs Schulen unangekündigt getestet wird, ist nicht erfasst. Laut Schülervertretern und Lehrergewerkschaften hängt das stark von der jeweiligen Schule, aber auch Schulart ab. An Gymnasien sei die Praxis am weitesten verbreitet. Martina Scherer vom Philologenverband, der die Gymnasiallehrkräfte vertritt, hält unangekündigte Tests für richtig. "Man wird immer so hingestellt, als würde man damit Kinder quälen. Gerade in Sprachen, etwa durch Vokabeltests, sind solche Tests aber durchaus sinnvoll". Schülerinnen und Schüler blieben so kontinuierlich am Lernen dran.
Philologenverband: Unangekündigte Tests sind Chance
Es gebe aber auch Fächer, in denen unangekündigte Tests wenig zielführend seien, beispielsweise in Musik. Der Philologenverband sieht in den Tests grundsätzlich auch die Chance, sich zu verbessern. Wer bei angekündigten Klassenarbeiten einen schlechten Tag oder gar Blackout habe, könne mit mehreren kleinen unangekündigten Tests seine Note verbessern.
Häufig würden Tests unangekündigt geschrieben, danach aber nicht eingesammelt und benotet. "Sie sollen stattdessen als Selbstüberprüfung für die Schülerinnen und Schüler dienen und ihnen ein erstes Feedback geben", so Scherer. Lehrkräfte hätten genug pädagogisches Gespür, wann eine Klasse für unangekündigte Tests zu belastet sei und wann sie dagegen sinnvoll und hilfreich sind. Auch der Verband Bildung und Erziehung hat kein Problem mit der aktuellen Regelung.
GEW gegen Angst beim Lernen
Kritischer sieht das dagegen die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Unangekündigte Tests verursachten einen höheren Angstpegel. Ein Schulsystem, das auf Ängsten aufbaut, erzeuge kein günstiges Lernklima. Die Gewerkschaft will sich daher für neue Prüfungsformate stark machen.