Die Rückmeldung in der Studie ist eindeutig: 81 Prozent der befragten Lehramtstudierenden in Baden-Württemberg finden, im Studium gibt es zu viel Theorie und zu wenig Praxis. Zwei Drittel der Studierenden fänden es besser, wenn sie im Studium schon früher an die Schulen dürften.
"Das ist kein Plädoyer, die Theorie zu reduzieren und die Praxis zu steigern. Es ist ein Plädoyer dafür, Praxis und Theorie besser zu verzahnen", sagt Gerhard Braun, Landesvorsitzender des Verbands für Bildung und Erziehung Baden-Württemberg (VBE). Aus der Studie geht zudem hervor, dass für rund vier von fünf Studierenden die Zeit an den Schulen deutlich motivierender ist als die Phasen, in denen sie in Seminaren an der Pädagogischen Hochschule sitzen.
Lehramtsstudierende: "Im Studium oft sehr trockene Theorie"
Deniz Özkan wünscht sich mehr Praxisbezug. Er studiert Lehramt auf Biologie und Deutsch an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. "Der Bezug zu Kindern fehlt mir am meisten. Es ist ein extrem krasser Unterschied, wenn ich eine Klasse vor mir habe, als wenn ich selbst in einem Seminar sitze und dann nur Theorie höre", sagt Özkan. Der 28-Jährige arbeitet während seines Studiums in einem Mini-Job im Programm "Lernen mit Rückenwind". Dies hat die Landesregierung zur Förderung von Kindern mit Nachholbedarf an Schulen im Land eingeführt. "Ich finde das wirklich extrem hilfreich, weil man mit anderen Lehrern und PH-Studenten reden kann und seine Erfahrungen teilen kann, da lernt man deutlich mehr."
Laetitia Pankow studiert ebenfalls an der PH Ludwigsburg. Auch sie findet, das Studium habe zu wenig Praxisbezug. In den Seminaren gehe es oft um "sehr trockene Theorie". Pankow könnte sich ein duales Studium vorstellen, in denen sich Theorie und Praxisphasen häufiger abwechseln.
Wissenschaftsministerin: Wir sehen das Anliegen der Studierenden
Wissenschaftsministerin Petra Olschowski von den Grünen zögert damit, Studentinnen und Studenten früher an die Schulen zu schicken. "Wenn die Distanz zu ihrem eigenen Schülererlebnis schon ein bisschen länger zurückliegt, dann ist dieser Rollenwechsel in das Lehramt leichter", sagt Olschowski gegenüber dem SWR. Die Wissenschaftsministerin schließt jedoch nicht aus, die Praxisphasen auszuweiten. "Wir sehen den Bedarf und wir sehen, dass es ein großes Anliegen der Studierenden ist, früher in die Praxis zu kommen", sagt Olschowski.
Die in der Studie wurden PH-Studierenden zudem auch befragt, wie sie ihre pädagogischen Kompetenzen einschätzen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Lehramtsstudierenden in manchen Bereichen nicht ausreichend auf Herausforderungen im Schulalltag vorbereitet fühlen. Mehr als die Hälfte der Studierenden fehlt die ausreichende Grundlage im Umgang mit herausforderndem Verhalten von Schülerinnen und Schülern. Aber auch auf eine Zusammenarbeit mit Sozialen Diensten, wie dem Jugendamt fühlen sich acht von zehn Befragten nicht vorbereitet.
Gut vorbereitet fühlen sich die angehenden Lehrkräfte jedoch bei der verständlichen und altersgerechten Vermittlung von Unterrichtsinhalten, dem Einsatz von digitalen Medien und bei der Planung von Schulstunden.
VBE: Studie ist für Lehramtsstudierende an PH repräsentativ
Insgesamt wurden für die Studie 847 Studierende an den Pädagogischen Hochschulen und 357 Referendarinnen und Referendare in Baden-Württemberg befragt. Diese seien, laut Sinus-Institut, das die Umfrage im Auftrag des Bildungsverbands VBE durchführte, repräsentativ ausgewählt.
An den sechs pädagogischen Hochschulen in Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe, Ludwigsburg, Schwäbisch Gmünd und Weingarten werden in Baden-Württemberg die angehenden Lehrkräfte für Grundschulen, Gemeinschaftsschulen, Hauptschulen, Realschulen, Sonderschulen und berufliche Schulen ausgebildet. Lehrkräfte für Gymnasien studieren dagegen an den Universitäten des Landes.