Kontroverse Debatte um Abschuss oder mehr Schutz

Zehn Jahre nach Rückkehr des Wolfes in BW: Könnte ihm jetzt wieder das Ende drohen?

2015 wurde erstmals wieder ein Wolf in Baden-Württemberg nachgewiesen. Seitdem wird viel gestritten: Die einen wollen den Abschuss erleichtern, die anderen warnen vor einer erneuten Ausrottung.

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Von Autor/in Henning Winter

Einst stolzer und seltener Räuber, Jahrzehnte später Überreste nur noch in einem Pappkarton: Das Ende des ersten Wolfes in Baden-Württemberg - seit 150 Jahren - ist kein romantisches. Seine Knochen sind im Staatlichen Museum für Naturkunde in Karlsruhe ausgestellt. Ende Juni 2015 wurde er auf der Autobahn A5 bei Lahr (Ortenaukreis) überfahren. Seitdem wurde im Land viel gestritten über den Wolf und wie mit ihm umgegangen werden sollte. Ein Ende der Diskussion ist nicht in Sicht.

Wolf soll wieder ins Jagdgesetz aufgenommen werden

Die Bundesregierung hatte der Europäischen Union (EU) jüngst erstmals einen sogenannten günstigen Erhaltungszustand beim Wolf gemeldet. Demnach gebe es in Teilen Deutschlands eine ausreichende Wolfspopulation, die den Fortbestand des Tieres sichere. Der CDU-Bundestagsabgeordnete für den Hochrhein und den Hochschwarzwald, Felix Schreiner, sieht das als großen Erfolg. Grund für die Freude des CDU-Politikers ist jedoch nicht die wachsende Population des einst ausgerotteten Tiers, sondern es sind eher die mit dem Status einhergehenden Möglichkeiten.

Denn der günstige Erhaltungszustand ermöglicht es der Politik, den Wolf bei der nächsten Änderung des Bundesjagd- und Bundesnaturschutzgesetzes Anfang 2026 ins Jagdgesetz aufzunehmen. Den Abschuss von Wölfen zu erlauben: eine Forderung, die seit vielen Jahren aus den Reihen der Landwirte kommt. Bisher gilt allerdings der günstige Erhaltungszustand für den Nordwesten Deutschlands, denn die meisten Wolfsterritorien liegen in Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen. CDU-Politiker fordern nun, den günstigen Erhaltungszustand auch für Baden-Württemberg zu melden.

150 Jahre nach Ausrottung: 2015 ist der Wolf zurück

Rückblick: Rund 150 Jahre lang galten Wölfe in Baden-Württemberg als ausgerottet, wie der Naturschutzbund Baden-Württemberg (NABU BW) schreibt. Micha Herdtfelder von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg war vor Ort, nachdem ein Wolf auf der A5 bei Lahr überfahren worden war. "Das war schon ein besonderes Ereignis. Wir haben natürlich damit gerechnet, dass auch hier Wölfe irgendwann mal auftauchen", erinnert sich Herdtfelder. Er untersuchte damals den Kadaver des Tieres.

In manchen Teilen Deutschlands könnten Wölfe schon bald wieder gejagt werden. Die CDU fordert das auch für Baden-Württemberg.
Der Wolf hat sich in BW nicht so stark ausgebreitet, wie es manche befürchtet hatten.

So groß ist die Wolfpopulation in BW

Insgesamt 27 Tiere sind seither nach Baden-Württemberg eingewandert. Doch die meisten sind weitergezogen, einige wurden überfahren und nur wenige sind geblieben. 2023 wurde das einzige Jungtier bei Schluchsee (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) überfahren. Ein paar Monate später erwischte ein Auto auch die trächtige Mutter des Jungtiers. Seitdem gibt es vier sesshafte Wölfe in Baden-Württemberg.

Zwei haben ihr Revier im Nordschwarzwald, die anderen beiden im Südschwarzwald - alle vier sind Rüden. Der Vorstoß aus der CDU ist daher für das baden-württembergische Umweltministerium nicht nachvollziehbar. Auf SWR-Anfrage teilte das Ministerium mit: "Zu einer Population im günstigen Erhaltungszustand gehört die regelmäßige und erfolgreiche Reproduktion. Ohne sesshafte weibliche Wölfe in BW ist das aktuell nicht absehbar."

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Weiterer Wolf im Schwarzwald sesshaft geworden Neuer Wolfsrüde im Schwarzwald-Baar-Kreis und Tuttlingen entdeckt

Der Wolf ist jetzt auch auf der Baar und im Raum Tuttlingen angekommen. Ein Rüde wurde nachgewiesen. Er ist der vierte bestätigte Wolf in Baden-Württemberg.

Mehr als 200 Wolfsrudel in Deutschland nachgewiesen

Deutschlandweit ist die Zahl der Wölfe in den vergangenen Jahren gestiegen. Im Monitoringjahr 2023/2024 wurden 209 Wolfsrudel, 46 Paare und 19 sesshafte Einzelwölfe nachgewiesen. Die Gesamtzahl der Wölfe wird auf etwa 1.600 Tiere geschätzt, darunter 535 ausgewachsene Tiere, 781 Welpen und 162 Jährlinge. Letztere sind Jungwölfe, die im Vorjahr geboren wurden.

"Bis jetzt fühlte sich die Landwirtschaft der Rückkehr des Wolfes hilflos ausgesetzt", argumentiert Felix Schreiner (CDU). Mit der in Aussicht stehenden Änderung der rechtlichen Grundlagen könnten Landwirte wieder aufatmen. Die Debatten um den Abschuss von Wölfen, Herdenschutz und Ausgleichszahlungen dauern seit Jahren an.

Viel Geld in Herdenschutz und Ausgleichsmaßnahmen geflossen

Rund 25 Millionen Euro wurden bundesweit in Maßnahmen zum Herdenschutz sowie in Ausgleichszahlungen nach Wolfsrissen investiert. "Tatsächlich ist viel passiert im Wolfsmanagement", so Micha Herdtfelder von der FVA Freiburg. "Es gab unheimlich viele Anfragen aus der Landwirtschaft, was die Herdenschutzberatung angeht. Auch Konzepte wurden entwickelt, wie man Tiere besser schützen kann auf unseren schwierigen Flächen gerade im Schwarzwald." Auch wenn es in Baden-Württemberg immer wieder zu Rissen durch Wölfe kam - sogar ein Rind wurde von einem Wolf getötet - hält sich der Schaden Experten zufolge im Rahmen.

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Ein gemeinsames Experiment von Forschenden und Landwirten soll zeigen, wie Rinder zukünftig besser vor Wolfsangriffen geschützt werden können.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Wolfschutz nach verschiedenen Zonen

Fachlich werden die Wolfsvorkommen in drei Zonen unterteilt: die atlantische, die kontinentale und die alpine Zone. Baden-Württemberg gehört zur kontinentalen Zone, zu der allerdings auch einige der großen Wolfspopulationen im Nordosten Deutschlands zählen. Auf dieser Grundlage fordert die CDU, dass daher auch für Baden-Württemberg ein günstiger Erhaltungszustand des Wolfes festgestellt werden solle.

Doch von einem solchen Zustand könne für Baden-Württemberg nicht die Rede sein, mahnt das Umweltministerium. Unter Experten scheint deswegen Uneinigkeit zu herrschen, auch deshalb, weil die Grenzen der unterschiedlichen Zonen teilweise fließend sind.

NABU BW lehnt Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht ab

"Wer bei gerade einmal vier Tieren von 'Bejagung' spricht, meint de facto die erneute Ausrottung der Art im Land", mahnt der NABU BW. Selbst wenn der Wolf im Bundesnaturschutzgesetz herabgestuft und ins Jagdrecht aufgenommen würde, bliebe das Artenschutzrecht bindend. Es könne nicht ohne Weiteres ausgehebelt werden, weder rechtlich noch politisch. Eine erneute Ausrottung des Wolfs wäre zudem ethisch nicht vertretbar. Der Umgang mit einer streng geschützten Art müsse verantwortungsvoll, sachlich und faktenbasiert bleiben, unabhängig von politischen Debatten oder Stimmungen, so der NABU BW.

Die Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht würde außerdem das sogenannte Entnahmeverfahren zusätzlich verkomplizieren, denn dann wäre neben dem Umweltministerium auch das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz beteiligt. Mit Entnahme ist die Tötung eines Wolfs gemeint.

Den ersten Wolf in Baden-Württemberg kümmern die Diskussionen nicht mehr. Er ruht in Frieden in seiner Pappschachtel im Schatten eines großen Walrosses im Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe.

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