Umgang mit Missbrauchsfällen in der Kirche

Sexueller Missbrauch durch Pfarrer: Was kann getan werden, damit so etwas nie wieder passiert?

"Waren wir alle so blind?" Nachdem ein Ordensmann wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde, versucht eine Kirchengemeinde im Schwarzwald im Gespräch das Geschehene zu verarbeiten.

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Von Autor/in Petra Jehle

Ein verurteilter Pater des Pauliner-Ordens sorgt in Bernau im Südschwarzwald für Wut, Zweifel und offene Fragen. Beim Infoabend diskutierten Gemeinde, Orden und Erzdiözese über Maßnahmen zum Schutz von Kindern und über die Aufarbeitung der Vorfälle.

Sexueller Missbrauch: Das ist passiert

Darum geht es: 2005 lud der damalige Pfarrer zwei Jugendliche aufs Oktoberfest nach München ein, er gab ihnen exzessiv Alkohol und verging sich im Hotelzimmer an ihnen. 2023 wurde der Fall angezeigt, im April 2026 verurteilte das Landgericht München den Geistlichen zu einer Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten.

"Waren wir alle so blind?" Emotionen und Schuldfragen

Nach dem Urteil suchten Gemeindemitglieder, Orden und Erzdiözese nun öffentlich das Gespräch. Eingeladen hatte das lokale Gemeindeteam. Gekommen waren unter anderem die Ordensleitung des Paulinerordens, Vertreter der Erzdiözese Freiburg, die Ansprechstelle für Betroffene sowie Fachleute für Prävention und Intervention. Viele wollten reden, viele hatten Fragen - und manche rangen sichtlich um Fassung.

Ein Mann aus einem Nachbarort meldete sich mit zitternder Stimme zu Wort. Er sprach von mehreren Betroffenen und davon, wie sehr die Ereignisse auch Jahrzehnte später nachwirkten: "Wenn hier wirklich jemand glaubt, dass man das nach 20 Jahren vergessen hat, dann kommen Sie mal zu mir nach Hause."

Viele Bernauerinnen und Bernauer äußerten auch Selbstzweifel. Eltern, deren Kinder damals Messdiener waren, fragen sich, warum sie nichts bemerkt haben.

Wir fanden ihn toll. Aber ja - er war auffällig, zum Beispiel sein Alkoholkonsum. Ich frage mich wirklich: Waren wir alle so blind?

Orden und Erzdiözese: "Wir haben nichts vertuscht"

Stark im Fokus stand Philipp Iwanowski, Provinzial des Paulinerordens, dem der verurteilte Pater angehört. Er zeigte Verständnis für Betroffenheit und Wut in der Gemeinde. Zugleich betonte er, der Orden habe den Fall nicht vertuscht.

Vielmehr habe der nach Bekanntwerden der Vorwürfe sofort den Regularien entsprechend reagiert: Alle kirchlichen und staatlichen Stellen und auch der Vatikan seien in Kenntnis gesetzt worden. Der Pater sei unmittelbar von allen Aufgaben entbunden, in ein anderes Kloster versetzt und von seelsorglichen Tätigkeiten ausgeschlossen worden.

Seither lebe er in einem Kloster in Erding, dürfe keine Messen mehr lesen, keine Sakramente spenden und warte auf die Urteilsbegründung und einen Termin für den Haftantritt.

Kirchenrechtliches Urteil gegen Priester steht noch aus

Nachdem nun ein staatliches Urteil vorliegt, wird auch das kirchenrechtliche Verfahren gegen den Mann weitergeführt. Hinweise auf Missbrauch aus der Zeit, in der der Priester tätig war, habe es nach kirchlichen Aktenlagen nicht gegeben, betonte der Generalvikar der Erzdiözese Freiburg, Christoph Neubrand. Man habe das noch einmal sorgfältig geprüft.

Inzwischen hat sich wohl mindestens eine weitere betroffene Person gemeldet. Diese habe darum gebeten, nicht über ihren Fall zu sprechen, so Neubrand.

Warum wurden die Vorfälle von Betroffenen nicht früher gemeldet? Der Generalvikar sagt dazu, dass sich der Umgang mit sexualisierter Gewalt in den vergangenen 20 Jahren fundamental verändert habe. 2005/2006 habe es weder die heutige Sensibilität noch ausgereifte Präventionsstrukturen gegeben. Heute gebe es mehrere unabhängige Anlaufstellen. Der Aufruf an Betroffene, sich zu melden, gelte weiterhin.

Gemeinde zwischen Vertrauensverlust und Selbstkritik

Also ein der Zeit geschuldetes fehlendes Unrechtsbewusstsein? Nein, sagte eine Rednerin, die mit den Tränen kämpfte. Sie wisse von einer Person, die damals immer wieder auf das problematische Verhalten des jungen Priesters hingewiesen habe. Vergeblich. Ein Hinweis, der innerhalb der Gemeinde geblieben sei und nie bis zur Kirchenleitung durchgedrungen sei, bedauert Generalvikar Christoph Neubrand. Er hofft, dass die neu eingerichteten Anlaufstellen die Kontaktaufnahme erleichtern.

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Eine Mutter eines Kommunionkindes berichtete von Reaktionen, die sie nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe erlebt habe. Ein Pater hätte zu ihr gesagt, das sei alles gar nicht "so schlimm" wie berichtet werde und man solle nicht alles glauben, was in der Zeitung stehe. Eine Aussage, die sie als Vertuschung empfand. Ihrem Kind habe sie geraten, erstmal nicht Ministrant zu werden.

Gemeinde und Kirche: Schutzkonzepte für Kinder

Der Generalvikar sagt: Für die Vergangenheit lasse sich nicht mehr ändern, was geschehen sei. "Aber wir können für heute und morgen daraus lernen."

Auch einige Bernauerinnen und Bernauer betonten, dass die Verantwortung nicht allein bei der Kirche liege. Vereine im Ort arbeiteten derzeit ebenfalls an Schutzkonzepten und wollten dies gemeinsam tun. Eine Frau mahnte: Man dürfe Kindern religiöse oder gemeinschaftliche Erlebnisse nicht pauschal verwehren - wichtiger sei Aufklärung und der bewusste Blick darauf, wie man sie schützen könne.

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