Ursula Fischer öffnet die Tür zu ihrem Zimmer. Ein paar Möbel, Fotos von ihrem verstorbenen Mann, von ihren Kindern und Enkel, selbstgemalte Bilder, das Fenster mit Blick ins Dorf. "Hier ist mein Reich", sagt die 95-Jährige und lächelt. Sie lebt in einer Pflege-WG im badischen Oberried (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald). Ein klassisches Altersheim? Für sie undenkbar.
"Ich habe hier meine Selbstständigkeit", sagt sie. "Wenn ich Gesellschaft will, ist immer jemand da. Und wenn nicht, ziehe ich mich zurück." Freunde aus dem 3.000-Einwohner-Ort kommen vorbei, holen sie zum Spazierengehen ab. Für Ursula Fischer bedeutet das: alt werden, ohne entwurzelt zu sein.
Angehörige unterstützen ältere Dorfbewohner
Die Wohngemeinschaft im Oberrieder Ursulinenhof, die stark auf Gemeinschaft setzt, macht das möglich. Angehörige, Ehrenamtliche und Alltagsbegleiter kümmern sich um elf pflegebedürftige Menschen. Neben Angehörigen gibt es auch zwei Alltagshelfer, die die WG rund um die Uhr betreuen, und ambulante Pfleger, die zweimal am Tag vorbeischauen.
Die Angehörigen putzen die Zimmer selbst, sorgen für das Mittagessen, organisieren Kuchen, Ausflüge und die Gartenarbeit. Die Bewohnerinnen und Bewohner zahlen monatlich mindestens 3.300 Euro, da ist die Miete mit 550 Euro dabei. Das ist ähnlich hoch wie in einem Pflegeheim. Die Interessentenliste ist dennoch lang.
Am Nachmittag kommt Ursula Fischers Tochter Uta vorbei. Gemeinsam sitzen sie mit den anderen WG-Bewohnerinnen und Bewohnern, ihren Angehörigen, Ehrenamtlichen und zwei angestellten Alltagsbegleitern am Kaffeetisch. Uta Fischer schenkt rundum Kaffee ein, setzt sich dann neben ihre Mutter. "Das, was man normal zu Hause nur bei den eigenen Angehörigen machen würde, das übernimmt man hier auch", sagt Uta Fischer. Pflege bedeute hier nicht, Verantwortung abzugeben, sondern sie zu teilen. "Man hat auf Zeit einfach mehr Familie - und glücklicherweise ist es so, dass man sich vorher schon kannte."
Mehr Geld für Angehörige, aber keine Kontrollen mehr in WGs?
Die Pflege im Land muss sich ändern. Das betonte in der Sendung "Zur Sache Baden-Württemberg" auch die Leiterin der Oberrieder WG-Einrichtung Ursulinenhof, Lucia Eitenbichler: "Die Möglichkeit einfach Pflege zu delegieren und zu sagen: 'Ihr macht es jetzt und ich kann mich zurückziehen!' Die Zeiten sind vorbei." Die SPD kündigte an, es müsse sich auch für pflegende Angehörige außerhalb von Wohngemeinschaften etwas ändern. Sie müssten für die Arbeitszeit und Kosten der Pflege zuhause entlohnt werden, forderte Florian Wahl, der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion.
Auch die Pflege-WGs könnten eine Option sein, wenn Angehörige bereit sind, sich auch einzubringen. "Es geht in Zukunft nur gemeinsam", sagt Lucia Eitenbichler. Doch sie fürchtet um die Zukunft der rund 700 Pflege-WGs in Baden-Württemberg. Denn ein neues Pflege- und Teilhabegesetz will sie ausschließen. Das kritisiert Eitenbichler. "Wenn die Wohngemeinschaften ersatzlos aus dem Gesetz gestrichen werden, bedeutet es, dass diese Menschen keinen Schutz mehr haben. Das heißt, sie werden unsichtbar. Wir brauchen das Gegenteil."
Gesundheitsminister Lucha will Ombudsstelle für Pflege-WGs schaffen
Im Gespräch mit dem SWR reagierte Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) auf die Kritik. Er betonte, dass diese WGs den Charakter von häuslicher Pflege haben und daher keine ordnungsrechtliche Kontrolle erforderlich sei. Trotz dieser Entscheidung zeigte sich Lucha offen für die Bedenken. "Wir haben das jetzt nach der Winterpause mit den Regierungsfraktionen besprochen, dass wir eine Anzeigepflicht für Pflege-WGS aufnehmen. Und wir werden bei uns im Ministerium zentral eine Beschwerde-Ombudsstelle einrichten." Wenn jemand das Gefühl habe, etwas würde aus dem Ruder laufen, könne man sich dann an das Ministerium wenden. Das neue Pflegegesetz soll im Februar vom Landtag verabschiedet werden.
Das Gesetz wolle Hürden in der Pflege abschaffen. Die sind aber laut Vereinen und Kommunen für Pflege-WGs aber sowieso schon hoch, wie das Beispiel Tübingen-Bühl zeigt. Auch hier wollte man das Traum-Modell vom Lebensabend im eigenen Ort, unterstützt von Angehörigen und Ehrenamtlichen, umsetzen.
Pflege-WG in Tübingen-Bühl vor dem Aus
Der Neubau für die WG steht schon - für rund zwei Millionen Euro. Die Stadt ging in Vorleistung, ein Bürgerverein engagierte sich, ein Bauträger legte los. Dann der Rückschlag: Der geplante Pflegedienst zog sich kurzfristig zurück. Der Grund: wirtschaftliche Unsicherheit. Aber ohne professionelle ambulante Pflegekräfte ist eine Pflege-WG nicht realisierbar.
Das war für uns als Kommune neu", sagt Cornelia Körner von der Stadt Tübingen. Die Stadt und der Landkreis unterstützen Pflege-WGs in den einzelnen Ortsteilen finanziell. Ein langjähriger Partner der Altenhilfe habe sich von heute auf morgen zurückgezogen. Für den Bürgerverein war das ein herber Schlag nach fünf Jahren Planung. Die Sorge: Dass aus dem Pflegeprojekt am Ende normale Wohnungen werden und die Chance auf gemeinschaftliche Pflege endgültig vertan ist.
Pflege-WG ohne Pflegekräfte und Angehörige unmöglich
Auch in Oberried funktioniert das Modell nur, weil rund 70 Angehörige und Ehrenamtliche regelmäßig mithelfen und es zwei Vollzeit-Angestellte gibt sowie einen ambulanten Pflegedienst. Familie Fischer sitzt mit den anderen Bewohnern am Abend zusammen, sie lösen ein Kreuzworträtsel auf der Couch. Für Mutter und Tochter ist klar: Alt werden in Würde heißt nicht, allein gelassen zu werden - sondern Teil einer Gemeinschaft zu bleiben. Ganz einfach ist das aber nicht. Für Ute und Ursula Fischer und viele Oberrieder ist es den Aufwand trotzdem wert, um dieses neue Pflegekonzept im Ort zu haben.