Vor einer Woche hat das sächsische Heidenau das Aus der Stolpersteine in der Stadt beschlossen. Das sorgt auch in Südbaden für Diskussionen. Auch hier stieß diese Form der Erinnerungskultur mancherorts lange auf Ablehnung. In anderen Städten dagegen waren sie schnell akzeptiert. In Grenzach-Wyhlen (Kreis Lörrach) wurden vor ein paar Tagen neue Stolpersteine verlegt.
18 neue Stolpersteine in Grenzach-Wyhlen
"Hier wohnte Johann Boll. Jahrgang 1903. Mitglied der SPD. Verhaftet 1936", steht auf einem der mit Messing überzogenen Betonquader. Insgesamt 18 Stolpersteine haben Sandra Grether und Axel Hüttner in Grentach-Wyhlen verlegt - vor den Häusern von Menschen, die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurden.
Die Historikerin und der ehemalige Pfarrer engagieren sich bei der örtlichen Stolperstein-Initiative. Das namentliche Erinnern an die NS-Opfer ist ihnen wichtig - vor allem jetzt, wo anderswo das Ende der Stolpersteine besiegelt wurde.
Erinnerungskultur: Keine Stolpersteine mehr in Heidenau
Denn im sächsischen Heidenau sollen künftig keine neuen Stolpersteine mehr verlegt werden. Das hat der Stadtrat beschlossen und damit einen Antrag von AfD und CDU umgesetzt. Stattdessen soll ein zentraler Gedenkort an einem Friedhof geschaffen werden, heißt es in der Beschlussvorlage.
Initiative in Grenzach-Wyhlen: "Ich finde das schrecklich"
Das Echo auf die Entscheidung in Heidenau ließ nicht lange auf sich warten: Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) sprach von einem "Skandal". Auch Sandra Grether aus Grenzach-Wyhlen ist fassungslos.
Ich finde das schrecklich. Man verlegt damit das Erinnern wieder raus aus der Gesellschaft. Genauso, wie man die Menschen während ihrer damaligen Verfolgung aus der Gesellschaft rausgezogen hat.
Axel Hüttner versteht die Begründungen der Stolperstein-Gegner nicht. Vor allem das Argument, dass die Erinnerung an NS-Opfer mit Füßen getreten werde, wenn Menschen über die Steine laufen, teilt er nicht.
Wenn man über die Steine läuft, poliert man sie. Wir treten das Vermächtnis derer, die gewürdigt werden, also nicht mit Füßen, sondern bringen es zum Strahlen.
Persönliche Schicksale der Menschen sichtbar machen
Bei großen Gedenkstätten gehe es oft um abstrakte Zahlen, sagt Grether. Die persönlichen Schicksale der Menschen kämen zu kurz. Die Stolpersteine höben diese Anonymität auf.
Der NS-Terror war vor Ort: Das waren Nachbarn, Freunde, Leute aus dem Fußballverein. Das kann man nur zeigen, wenn man die Namen kennt.
Stolperstein-Debatte in Südbaden kein neues Phänomen
So reibungslos wie in Grenzach-Wyhlen lief die Verlegung der Stolpersteine nicht überall: In Lörrach wurde jahrelang gestritten, auch die jüdische Gemeinde lehnte die Steine zunächst ab. In Efringen-Kirchen (Kreis Lörrach) wurden sie ebenfalls erst nach großem Widerstand verlegt.
In Villingen-Schwenningen sprachen sich die Gemeinderats-Fraktionen von CDU und Freien Wählern zwei Mal gegen die Stolpersteine aus. 2013 sagte die Sprecherin der CDU-Fraktion Renate Breuning dem SWR dazu: "Wir wollten vermeiden, dass die heutigen Hausbesitzer stigmatisiert werden durch diese Steine direkt vor ihrem Haus. Dass nicht Leute auf die Idee kommen: 'Aha, wie haben die wohl günstig ihr Haus bekommen, als die Juden vertrieben wurden?'"
Villingen-Schwenningen: Erst im dritten Anlauf stimmte der Gemeinderat zu
Zudem sei es für die Bewohner "eine Belastung, wenn sie bei jedem Raus- und Reingehen aus dem Haus über diese Steine treten müssen." Mittlerweile ist Breuning im Ruhestand. Auf SWR-Anfrage will sie ihre Aussagen von damals nicht kommentieren. Andere Mitglieder der CDU-Fraktion wollten sich ebenfalls nicht äußern.
Sina Effinger, jüngstes CDU-Mitglied im Gemeinderat, sagte lediglich, dass sich die Einstellung ihrer Fraktion seitdem ins Positive verändert habe. Das zeige das Ergebnis der Abstimmung 2020, als sich der Gemeinderat im dritten Anlauf für die Stolpersteine entschied.
100 Stolpersteine "für alle identifizierbaren NS-Opfer in Grenzach-Wyhlen"
In Grenzach-Wyhlen gibt es inzwischen 40 Stolpersteine. Perspektivisch sollen es 100 werden. Das Ziel: Ein Stein "für alle identifizierbaren NS-Opfer in Grenzach-Wyhlen", sagt Sandra Grether.