Hangrutsch ist mögliche Ursache für Zugunglück im Kreis Biberach

Regionalzug bei Riedlingen entgleist: Was wir wissen und was nicht

Bei einem Zugunglück bei Riedlingen im Kreis Biberach sind am 27. Juli laut Polizei drei Menschen gestorben, 36 Menschen wurden verletzt. Mögliche Ursache ist ein übergelaufener Schacht.

Teilen

Stand
Riedlingen

SWR übertrug Gedenkgottesdienst am Freitag Nach Zugunglück bei Riedlingen: Bergung ist beendet

Drei Tage nach dem Zugunglück bei Riedlingen (Kreis Biberach) ist die Bergung der entgleisten Triebwagen und Waggons abgeschlossen. Am Freitag gab es einen Trauergottesdienst.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Was ist passiert?

Bei Riedlingen im Kreis Biberach ist am 27. Juli ein Personenzug entgleist. Dabei sind drei Menschen ums Leben gekommen. Bei den Toten handelt es sich nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft um den 32-jährigen Lokführer und einen 36-jährigen Auszubildenden der Zuggesellschaft aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis sowie eine 70 Jahre alte Reisende aus dem Kreis Sigmaringen. Zudem wurden 36 Menschen verletzt, zum Teil schwer. Unter den Verletzten seien auch zwei Kinder im Alter von 7 und 13 Jahren, hieß es am Dienstag. Zwei lebensgefährlich verletzte Passagiere liegen in der Uniklinik Tübingen und in Ehingen. Die ersten Leichtverletzten haben am Montag die Kliniken verlassen. In dem Regionalexpress saßen laut Polizei und Staatsanwaltschaft zum Zeitpunkt des Unfalls insgesamt rund 50 Menschen.

Riedlingen

Hangrutsch nach Starkregen Tödliches Zugunglück in Riedlingen: Schacht eine Woche vor Bahnentgleisung kontrolliert

Laut Ermittlungen soll ein Hangrutsch zu dem Zugunglück mit drei Toten geführt haben. Zuvor war ein Abwasserschacht übergelaufen. Für den ist der Kreis Biberach zuständig.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Wo wurden die Verletzten hingebracht?

Die Schwerverletzten wurden in Kliniken nach Tübingen, Freiburg, Villingen-Schwenningen, Ludwigsburg, Ehingen und Biberach gebracht. Auch die Uniklinik Ulm hat zahlreiche Verletzte versorgt, berichtet die Biberacher Kreisbrandmeisterin Charlotte Ziller. Aus der Uniklinik hieß es, die Verletzten seien geschockt gewesen und hätten Verletzungen an Armen, Beinen, Rücken und Kopf. Die Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte seien vorzeitig aus dem Wochenende geholt und alle verfügbaren Kräfte aus dem Umkreis Ulm alarmiert worden.

Riedlingen

Als eine der Ersten vor Ort in Riedlingen Notärztin beim Zugunglück: "Terrorübung an der Uniklinik Ulm half enorm"

Alice Eiserbeck von der Uniklinik Ulm war am Sonntagabend beim Zugunglück in Riedlingen als erste Notärztin vor Ort. Sie behielt auch dank eines gezielten Trainings den Überblick.

Wo ist das Unglück passiert?

Der Regionalexpress RE55 war auf der Strecke von Sigmaringen nach Ulm unterwegs. Gegen 18:10 Uhr am 27. Juli entgleiste er in der Nähe des Riedlinger Stadtteils Bechingen-Zell. Der Unfallort liegt rund 45 Kilometer südwestlich von Ulm. Es handelt sich um eine eingleisige Strecke, die noch nicht elektrifiziert ist. Der RE55 ist ein Neigetechnikzug.

Wie ist es zu dem Unglück gekommen?

Zur Unfallursache teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Tag danach mit, dass vermutlich durch Starkregen ein Abwasserschacht übergelaufen sei. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes zogen in den frühen Abendstunden unwetterartige Gewitter über die Region. Lokal seien in kurzer Zeit 30 bis 40 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen, sagte Meteorologe Dominik Smieskol in München. Das Wasser habe einen Erdrutsch im Böschungsbereich zu den Gleisen hin ausgelöst. Nach ersten Erkenntnissen war der Zug mit rund 80 Stundenkilometern unterwegs, als die Waggons entgleisten. Der erste Wagen schob sich die Böschung hinauf und prallte gegen einen Baum - die Front wurde dabei abgerissen. Wrackteile, etwa von der Karosserie und Sitzen, lagen verteilt am Boden.

Abflussschacht an einer Straße, zum Teil  mit Gras überwuchert. Dass er übergelaufen ist, hat mutmaßlich den Personenzug wegen eines Hangrutsches bei Riedlingen zum Entgleisen gebracht.
Im Mittelpunkt der Untersuchungen: Der Abflussschacht oberhalb der Hangrutschung. Er war wegen Starkregens übergelaufen.

Wie laufen die Ermittlungen?

Laut Polizei untersucht die Spurensicherung der Kriminalpolizei die Unglücksstelle. Auch die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung (BEU) hat am Morgen nach dem Unglück die Ermittlungen aufgenommen. Die Polizei teilte am Dienstag mit, dass der Fahrtenschreiber ausgebaut werden konnte. Dieser zeichnet unter anderem die Geschwindigkeit des Zuges auf. Auch sei ein geologisches Gutachten in Auftrag gegeben worden. Davon erhoffen sich die Ermittlerinnen und Ermittler Hinweise zum genauen Unfallhergang.

Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf Unfälle wie diesen?

Seit den 1950er-Jahren werden Starkregenereignisse in weiten Teilen der Welt häufiger und heftiger, erklärt Nadine Gode aus der ARD Klimaredaktion. Eine Veränderung, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hauptsächlich auf die Klimaerwärmung zurückführen konnten. Denn eine aufgeheizte Atmosphäre kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Pro Grad Erwärmung nimmt die Luft sieben Prozent mehr Wasser auf – welches auch wieder abregnet. Denn auch wenn es für einzelne Extremwetterereignisse schwierig ist, einen konkreten Zusammenhang zur Klimaerwärmung herzustellen, zeigen Studien: Durch die Klimaerwärmung sind Starkregenfälle in Westeuropa um das 1,2- bis 9-Fache wahrscheinlicher geworden.

Riedlingen

Flugzeug, Bahn, Schiff und Auto Nach dem tödlichen Unglück bei Riedlingen: So sicher ist Zugfahren im Vergleich mit anderen Verkehrsmitteln

Am Sonntag ist in Riedlingen (Kreis Biberach) ein Zug entgleist. Drei Menschen starben, etliche wurden verletzt. Wie sicher ist Zugfahren im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteiln?

Wie viele Einsatzkräfte waren beteiligt?

Am Unfallort waren dem baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl (CDU) zufolge mehrere hundert Einsatzkräfte mit entsprechendem Gerät und sechs Rettungshubschrauber im Einsatz, einer davon aus St. Gallen in der Schweiz. Allein 24 Notärztinnen und Notärzte hätten die Verletzten versorgt, sagte DRK-Einsatzleiter Michael Mutschler dem SWR. Auch Einheiten des Bayerischen Roten Kreuzes unterstützten im Nachbar-Bundesland.

Die Bergungsarbeiten der entgleisten Zugteile gestalteten sich schwierig, da das Gelände nicht direkt angefahren werden konnte. Ein Bergekran wurde zur Unfallstelle gebracht, um die Arbeiten dort zu erleichtern. Am Mittwochnachmittag waren die Arbeiten abgeschlossen.

Ein Bergekran wird an der Unfallstelle eingesetzt.
Der Bergekran hat am Montagmittag die Arbeiten an der Unglücksstelle aufgenommen. Bis mindestens Dienstagvormittag werden die Arbeiten dauern, so ein Bahn-Sprecher. Bild in Detailansicht öffnen
Ob es Tote gibt bei der Entgleisung eines Personenzugs bei Riedlingen im Kreis Biberach, ist unklar.
Die beiden Triebwagen haben sich beim Entgleisen offenbar aufeinandergeschoben. Bild in Detailansicht öffnen
Ein Frontteil des entgleisten Personenzuges liegt in einem bewaldeten Streckenabschnitt bei Riedlingen (Kreis Biberach).
Der Regionalexpress ist im Kreis Biberach zwischen den Ortsteilen Zwiefaltendorf und Zell entgleist. Trümmerteile sind weit verstreut. Bild in Detailansicht öffnen
Vier Rettungshubschrauber stehen auf einem Feld nahe des Bahnunglücks.
Vier Rettungshubschrauber waren von einem Feld nahe des Bahnunglücks aus im Einsatz. Die Verletzten wurden in umliegende Krankenhäuser geflogen, unter anderem nach Ulm, Tübingen und Freiburg. Bild in Detailansicht öffnen
Ein Hangrutsch an der Bahnstrecke Munderkingen-Ulm bei Riedlingen. Dort ist ein Personenzug entgleist.
Ein übergelaufener Abwasserschacht könnte für den Hangrutsch verantwortlich sein. Dieser hatte offenbar zum Entgleisen des Personenzugs geführt. Diese Bild zeigt, dass Erde auf den Gleisen liegt. Bild in Detailansicht öffnen
Wie viele Verletzte es bei der Entgleisungen eines Zuges bei Riedlingen im Kreis Biberach gegeben hat, ist am Sonntagabend unklar.
Die Bahn hat einen Schienenersatzverkehr eingerichtet und informiert mögliche Angehörige von Betroffenen in einer Anlaufstelle in Daugendorf. Bild in Detailansicht öffnen
Rettungskräfte suchen in einem entgleisten Zug nach Fahrgästen. Bei Riedlingen im Kreis Biberach ist ein Personenzug entgleist.
Der Regionalexpress war von Sigmaringen in Richtung Ulm unterwegs. Es ist eine Strecke, die noch nicht elektrifiziert ist. Bild in Detailansicht öffnen

Wie waren die Reaktionen aus der Politik und von der Bahn?

Am Montagvormittag sind mehrere Politiker an die Unglücksstelle gekommen, neben Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) auch Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) und Bahnchef Richard Lutz. Kretschmann und Lutz dankten den Rettungskräften für ihren Einsatz unter schwierigen Bedingungen. 

Lutz sprach den Angehörigen der Toten und Verletzten sein Mitgefühl und seine Anteilnahme aus. Während des kurzen Statements am Unglücksort rang der Konzern-Vorstandsvorsitzende sichtlich um Fassung. "Die Bilder und Berichte, die wir alle gestern gesehen haben und vor allem die Eindrücke, die wir alle zusammen heute Morgen hier gesammelt haben, gehen einem sehr nah und lassen einen betroffen und bestürzt zurück", sagte er.

Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bekundete seine Anteilnahme. Er schrieb auf dem Portal X: "Wir trauern um die Opfer. Ihren Angehörigen spreche ich mein Mitgefühl aus." Die Deutsche Bahn (DB) äußerte sich "tief bestürzt". Sie unterstütze die Behörden bei den Ermittlungen.

Wie lange ist die Strecke gesperrt?

Das Tochterunternehmen DB Regio BW betreibt das Regionalzugnetz Donau-Ostalb. Hierzu gehört auch die Linie RE55, die stündlich bis alle zwei Stunden fährt. Auf der Internetseite der Bahn informierte der Konzern, dass der Bahnverkehr zwischen Munderkingen und Herbertingen eingestellt sei. Fahrgäste zwischen Ulm und Munderkingen sollten Züge des Bahnunternehmens SWEG nutzen, hieß es. Es wurde zudem ein Schienenersatzverkehr mit Bussen eingerichtet. Die Reparatur der Strecke soll laut Bahn Anfang November abgeschlossen sein.

An wen können sich Betroffene und deren Angehörige wenden?

Die DB hat für Betroffene des Zugunglücks und deren Angehörige eine kostenlose Sonder-Hotline eingerichtet - unter der Nummer 0800/311 1111. Außerdem stünden Notfallseelsorger und Krisenpsychologen für betroffene Reisende und Mitarbeitende bereit. Die Polizei Ulm hat ein Hilfetelefon eingerichtet. Angehörige können sich unter der Nummer 0731/1881122 melden. Zudem wurde eine Sammelstelle im Bürgerzentrum Daugendorf eingerichtet. Adresse: Haldenrain 3, 88499 Riedlingen.

Was wir nicht wissen

Warum genau der Zug entgleiste, ist weiterhin unklar. Der Fahrtenschreiber und das geologische Gutachten müssen noch ausgewertet werden.

Baden-Württemberg

Live-Ticker zum Nachlesen: Zug im Kreis Biberach entgleist ++ Erster Waggon des verunglückten Zuges vom Gleis gehoben ++ Zuginsasse liegt auf Intensivstation ++ Verstopfter Schacht hat wohl Hangrutsch ausgelöst ++

Bei Riedlingen (Kreis Biberach) ist am Sonntagabend eine Regionalbahn entgleist. Drei Menschen kamen ums Leben, viele weitere wurden verletzt. Alle Informationen im Live-Ticker.