Mit einem Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg hat neben dem Konstanzer Klinikum niemand gerechnet: Der Fund der 85 Meter langen Anlage kam überraschend. Bauarbeiter haben den Bunker zufällig ausgegraben. Nicht so sehr wie ein Archäologe, sondern eher wie ein Höhlenforscher habe der Konstanzer Kreisarchäologe Jürgen Hald sich manchmal gefühlt, erzählt er. Mit seinem Kollegen Björn Schleicher untersuchte er den Bunker, der neben dem Konstanzer Klinikum vergessen im Boden lag.
Bunker wurde zufällig auf der Baustelle gefunden
Das Areal, auf dem derzeit die neue Rettungswache für das Deutsche Rote Kreuz entsteht, ist eigentlich keine sogenannte Verdachtsfläche. Das bedeutet, dass die Archäologen nicht damit gerechnet haben, dass dort etwas Interessantes zutage kommt. Denn normalerweise beschäftigen sie sich mit wesentlich älteren Funden von der frühen Neuzeit bis ganz zurück in die Steinzeit.
Der Bunker in Konstanz ist eine "Luftschutzdeckungsgrabenanlage", wie solche Anlage während des Zweiten Weltkriegs genannt wurden. Das heißt, sie sind nicht unbedingt dafür gebaut, Treffer mit Bomben auszuhalten, sondern bieten Schutz vor Splittern, Trümmern oder Brandbomben. Drei geknickte Gänge standen Schutzsuchenden dafür zur Verfügung. Der Ein- und Ausstieg war über drei Eingänge möglich. Der Bunker bot Platz für 100 bis 150 Menschen, es gab außerdem zwei Toiletten.
Nach Bombardierung hatte man auch in Konstanz Angst vor Angriffen
"1944" ist mit einem Nagel in den Beton geritzt. In diesem Jahr wurde der Bunker gebaut, das kann Stadtarchivar Jürgen Klöckler bestätigen. Er konnte die Geschichte des Bunkers anhand von Archivmaterial rekonstruieren. Nachdem ein britischer Bomber 1943 Liggeringen bombardiert hatte, begannen schon vier Tage später die Bemühungen um Schutzräume auch in Konstanz. Dafür gab es Musterpläne, die wohl auch für den Bunker am Klinikum Vorbild waren. Diese enthielten beispielsweise Wände, die in der Nähe der Eingänge den Durchgang teilweise versperren, sie sollten die Druckwelle einer Explosion abmildern. Oder Öfen und Stromversorgung, um Wärme und Licht zu erzeugen, bis die Menschen den Bunker wieder verlassen konnten. Zum Ernstfall kam es aber nie, Konstanz wurde im Zweiten Weltkrieg nicht bombardiert. Dass Menschen bei Luftalarm in den Bunker geflohen sind, hält Archäologe Jürgen Hald aber dennoch für möglich.
"Tag des offenen Bunkers" in der Schweiz Festungsgürtel in Kreuzlingen: Rund 60 erhaltene Bunker
Früher schützten sie die Schweiz vor möglichen Angriffen aus Konstanz. Heute sind noch rund 60 Bunker des Festungsgürtels Kreuzlingen erhalten und können besichtigt werden.
Spuren von Menschen in den Jahrzehnten nach dem Krieg gefunden
Nach dem Krieg wurden die Eingänge des Bunkers zugemauert. Trotzdem gelangten bald darauf wieder Menschen in den Bunker, die die eingezogenen Wände einfach aufbrachen. Von späterer Nutzung zeugen Flaschen, Munition für Spielzeugpistolen - und Fetzen einer Ausgabe des "Südkuriers", die vermutlich verwendet wurde, um ein Feuer anzuzünden. Björn Schleicher ist es gelungen, die Teile soweit wieder zusammenzufügen, dass ein Datum erkennbar wurde. Die Zeitung beweist, dass sich noch 1968 Menschen im Bunker aufhielten.
Danach wurde der Bunker wohl vollständig vergessen. Zeitzeugen, die sich an das Bauwerk erinnern können, sind den Verantwortlichen derzeit nicht bekannt. Die Archäologen haben den Bunker jetzt ausführlich dokumentiert. Dafür haben sie unter anderem einen modernen Laserscanner verwendet, der ein dreidimensionales Bild der Gänge erstellen kann. Denn ein Teil des Bunkers wird nun abgerissen, um den Bau des neuen Gebäudes zu ermöglichen. Der Rest wird sicher verschlossen weiter unter der Wiese vor dem Krankenhaus liegen - aber wahrscheinlich nicht mehr so schnell vergessen werden.