Zu der von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) angestoßenen Debatte rund um die Probleme irregulärer Migration, die im Stadtbild sichtbar würden, hat die Heidelberger Stadtgeographie-Professorin Ulrike Gerhard eine klare Meinung. "Politiker sollten Vorbilder sein und keine Ängste schüren", sagt sie im Interview mit dem SWR, schließlich sei Migration "so alt wie die Stadt an sich" und das Phänomen kein neues.
Dennoch mahnt sie, etwaige Sorgen von Bürgerinnen und Bürgern nicht kleinzureden, sondern Maßnahmen und Lösungen zu diskutieren. Ein Schlüssel könnte hierfür eine passende Stadtplanung sein, meint die Wissenschaftlerin.
SWR Aktuell: Frau Gerhard, gibt es aus ihrer Sicht - platt gesagt - ein Problem im Stadtbild, wie Friedrich Merz sagt?
Ulrike Gerhard: Das finde ich tatsächlich zu platt. Ich würde nicht sagen, dass es ein Problem im Stadtbild gibt. Erstens, weil wir das Wort Problem sowieso nicht gerne benutzen - es ist eine Herausforderung, ein Thema, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Zweitens: Dass Menschen durch Migration in Städte kommen, ist so alt wie die Stadt an sich und dass Menschen Angst vor etwas Neuem haben, ist auch immer schon so gewesen - ob das nun berechtigt ist oder nicht. In den Städten kommen Menschen zusammen, deswegen herrscht dort eine ganz große Vielfalt. Das macht Urbanität aus. Da müssen wir eben so zusammenleben, dass wir damit klarkommen - und keine Ängste schüren. Politiker sollten in dieser Hinsicht ein Vorbild sein.
Es stimmt schon, dass die Gesellschaft vielfältiger; bunter geworden ist
SWR Aktuell: Das ist also kein neues Phänomen? Friedrich Merz spielt ja vor allem auf die irreguläre Migration an und suggeriert, es habe sich in den letzten Jahren etwas verschlimmert oder zumindest einmal verändert.
Gerhard: Es kommt genau auf die Wortwahl an: Hat es sich verschlimmert oder verändert? Es stimmt schon, dass die Gesellschaft vielfältiger; bunter geworden ist. Und dass wir mit bestimmten Herkunftsregionen deutlich sichtbarere Minderheiten oder Migrantinnen haben. Russlanddeutsche, die ja auch in großer Zahl ins Land gekommen sind - die erkennen wir gar nicht, deswegen wurden und werden sie nicht als Fremde wahrgenommen.
SWR Aktuell: … genau wie die vielen Ukrainerinnen und Ukrainer.
Gerhard: Das ist ein super Beispiel, ja. Ihre Herkunft erkennen wir erst, wenn wir zum Beispiel ihre Sprache hören. Menschen, die wir visuell als "anders" wahrnehmen, sind im Stadtbild präsenter. Das verursacht dann dieses Gefühl: Was ich nicht kenne, ist mir fremd, davor habe ich ein bisschen Angst. Diese Ängste muss man ernst nehmen, aber eben abbauen, statt sie zu bestätigen.
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Besser wäre, wenn Friedrich Merz sagt: Es sind deutlich weniger geworden, das empfinden wir vielleicht noch nicht so, [...] aber wir sind auf dem richtigen Weg
SWR Aktuell: Wie Merz ja selbst sagt, sind die Zahlen der irregulären Migration runtergegangen. Laut ihm nehmen wir das aber nicht so wahr, sondern haben noch immer ein Problem im Stadtbild.
Gerhard: Bei dem Punkt wird deutlich, wie subjektiv Wahrnehmung ist. Denn woher wissen wir denn, ob jemand irregulär hier ist oder nicht? Das kann man ja nicht mit den Augen sehen. Es ist eben diese Assoziation der Wahrnehmung von Fremdheit. Es ist also unprofessionell, einen solchen Zusammenhang herzustellen; besser wäre es, wenn Friedrich Merz sagen würde: Es sind deutlich weniger geworden, das empfinden wir vielleicht noch nicht so, weil wir in einer vielfältigen Gesellschaft leben. Aber wir sind auf dem richtigen Weg.
SWR Aktuell: Haben Sie sich über diese Aussagen geärgert?
Gerhard: Ja, schon, denn sie verschlechtern die Situation eher, als dass sie dem gesellschaftlichen Zusammenhalt dienlich sind.
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SWR Aktuell: Warum empfinden manche Menschen dennoch mehr Angst oder Unsicherheit?
Gerhard: Menschen gesellen sich gerne zu Gleichgesinnten, auch wenn sie idealerweise natürlich "offen für Neues" sein sollten. Das muss man ernst nehmen. Man darf aber auch nicht sagen, ihr habt völlig recht, wir haben ein Problem im Stadtbild. Das ist absurd. Man muss ehrlich sein, ohne zu dramatisieren. Das muss auch die Stadtplanung berücksichtigen.
SWR Aktuell: Wie kann denn eine gute Stadtplanung helfen, Ängste abzubauen?
Gerhard: Die Stadt könnte durch Architektur oder Infrastruktur soziale Räume oder Treffpunkte schaffen, an denen Menschen, die sich im Stadtraum aufhalten, zusammenkommen können. Ganz spontan gesprochen: Die Stadt könnte einen mobilen Kaffeewagen an bestimmten Orten aufstellen, um dort die Aufenthaltsqualität zu verbessern. Oder Veranstaltungen anbieten, bei denen die Zivilgesellschaft mit einbezogen wird, wie zum Beispiel offene Parks, Tage der Vielfalt oder Kulturabende. Das sind Möglichkeiten, um Räume zu schaffen, die Begegnungen mit Menschen fördern, die man sonst nicht kennenlernt. Das muss gefördert werden. Dann ändert sich auch das Stadtbild.
SWR Aktuell: Also es liegt weniger an den Menschen, sondern mehr an Räumen und wie man diese gestaltet?
Gerhard: Ich glaube, das geht Hand in Hand. Räume werden produziert durch Bewohner, Architekten und Politiker gleichermaßen. Deswegen ist es gut, langfristig in der Stadtplanung Bürgerinnen und Bürger sowie migrantische Gruppen einzubeziehen. Oft sind diese bei Veranstaltungen aber nicht dabei, weil sie niedrigschwellig angesprochen werden müssen. Das kann nicht schnell umgesetzt werden, aber die Diskussion sollte mehr in diese Richtung gehen, statt ein "Problem im Stadtbild" zu beschreiben.
SWR Aktuell: Gibt es denn in Deutschland so etwas wie "No-go-Areas"?
Gerhard: Es gibt natürlich Orte, die als gefährlicher empfunden werden, vor allem wenn man unbeobachtet ist.
SWR Aktuell: Was für Orte sind das?
Gerhard: Vor allem Transiträume wie Bahnhöfe, Durchgangsstraßen oder Bushaltestellen. Diese Räume werden zwar stark frequentiert, haben aber oft eine geringe Aufenthaltsqualität. Aber es gibt auch nicht den einen feststehenden Angstraum. Auch Orte, die eher uneinsehbar und abgelegen sind, z.B. hinter Eisenbahngleisen, werden eher gemieden - das sind aber nicht die Orte im Stadtbild, die Friedrich Merz oder Jens Spahn meinten.
Sozial benachteiligte Menschen sind öfter an bestimmten öffentlichen Räumen, weil sie weniger private Rückzugsräume haben
SWR Aktuell: Macht denn auch die soziale Herkunft einen Unterschied?
Gerhard: Sozial benachteiligte Menschen sind öfter an bestimmten öffentlichen Räumen, weil sie weniger private Rückzugsräume haben. Man könnte mehr öffentliche Räume schaffen, die auch für sie offen und sicher sind - mit Angeboten wie Skateparks oder Sportanlagen.
SWR Aktuell: Ist das ein urbanes Problem oder gibt es das auch auf dem Land?
Gerhard: Es ist hauptsächlich ein städtisches Phänomen, da Städte sich durch Dichte und Heterogenität der Bevölkerung auszeichnen und somit vielfältiger - aber eben auch ungleicher sind.
SWR Aktuell: Also je mehr Menschen zusammenkommen, desto größer ist das Konfliktrisiko?
Gerhard: So ungefähr. Aber Städte müssen Orte des Zusammenlebens sein, mit einer Vielfalt an sehr unterschiedlichen und herausfordernden Beziehungen.
SWR Aktuell: Also ist es auch eine Frage der Gewöhnung?
Gerhard: Absolut. Je öfter man Menschen begegnet, die anders sind als ich, desto geringer wird der Unterschied, desto stärker wird das gegenseitige Vertrauen. Stadtplanung und die Stadtgeographie müssen genau das berücksichtigen.