Stadt-Land-Gefälle bei Krankenhäusern

Landkreise warnen: Leben auf dem Land wird durch Krankenhausreform gefährlicher

Mehr als acht von zehn Krankenhäusern schreiben rote Zahlen. Die Krankenhausreform soll Abhilfe schaffen. Aber geht sie zu stark auf Kosten des ländlichen Raums?

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Von Autor/in Henning Otte

Die Menschen auf dem Land werden aus Sicht der Landkreise durch die Krankenhausreform stark benachteiligt. Das Leben im ländlichen Raum werde für Patientinnen und Patienten "gefährlicher", sagte Achim Brötel, Präsident des Landkreistags, am Donnerstagabend in der SWR-Sendung "Zur Sache! BW".

"Es gibt eine Abwärtsspirale". Schon jetzt sei ein "Stadt-Land-Gefälle" deutlich erkennbar, was Bettendichte, weite Wege und Erreichbarkeit mit Bussen und Bahnen angeht. Wenn jetzt im Zuge der Reform weitere Kliniken an kleineren Standorten geschlossen würden und die Menschen in die nächste, größere Stadt müssten, verschärfe sich das Problem.

Der CDU-Politiker forderte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) auf, die Reform so nachzubessern, dass kleine Häuser leichter überleben können. In der Sendung verteidigte die SPD-Politikerin Isabel Cademartori die Reform, die ihr Parteifreund, der frühere Minister Karl Lauterbach (SPD) auf den Weg gebracht hatte. Die Mannheimer Bundestagsabgeordnete verwies darauf, dass das nächste Krankenhaus nicht immer das beste sei. Die Qualität an großen Kliniken sei eben oft deutlich besser. Deshalb sei die "Kompetenzbündelung" an weniger Standorten richtig.

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Dagegen argumentierte Brötel, im ländlichen Raum versorgten die Krankenhäuser eben oft viele alte und nicht mehr mobile Menschen. Da gehe es nicht immer nur um Effizienz. "Das ist oft das verlängerte Pflegebett", sagte Brötel. "Diese Menschen wird uns niemand abnehmen, wenn die Strukturen hier wegbrechen, Strukturen zusammengeführt werden an größeren Standorten, dann werden diese Menschen unversorgt bleiben." Brötel warnte: "Es wird ein sehr einsames Sterben werden. Das ist meinem Menschen- und Weltbild überhaupt nicht vereinbar."

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CDU-Politiker ist für Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge

Leider sei nicht absehbar, dass die Reform nochmal zurückgedreht wird, sagte der Landrat des Neckar-Odenwald-Kreises, der auch Chef des Landkreistags in BW ist. Die Gesetzlichen Krankenversicherungen hätten - vor allem - wegen der Corona-Pandemie Defizite in Milliardenhöhe angehäuft. "Wenn man keine Sozialversicherungsbeiträge erhöhen will, das scheut die Politik, obwohl es ehrlich wäre, das so zu tun, dann wird es wohl so sein, dass man mit dem Geld, das da ist, auskommen müsse."

Kleine Krankenhäuser seien bei Finanzierung benachteiligt

Brötel dringt darauf, dass das neue Finanzierungsmodell für Kliniken flexibler gehandhabt wird. Die Grundidee von Lauterbach sei richtig gewesen, den Häusern 60 Prozent des Geldes für das Vorhalten von medizinischen Leistungen und der dafür nötigen Strukturen zu geben. Aber die Umsetzung der Vorhaltevergütung sei falsch, weil sie wieder von den Fallzahlen abhänge. "Kleine Krankenhäuser haben im Grunde keine Chance, diese Fallzahlen zu erwirtschaften." Hier müsse es "deutlich mehr Flexibilisierung vor Ort" geben.

Der Landrat verwies auch darauf, dass man im ländlichen Raum auch im ambulanten Bereich unterversorgt sei. 40 Prozent der Landärzte seien über 60 Jahre alt, das werde sich in wenigen Jahren auswirken und damit die Lage ebenfalls verschärfen. Wenn kleine Kliniken geschlossen würden, kämen auch weniger jüngere Ärzte in den ländlichen Raum.

Medizinisches Versorgungszentrum kann Ersatz sein

In der SWR-Sendung wurde aber auch gezeigt, dass nach der Schließung einer kleineren Klinik andere Strukturen zur medizinischen Versorgung aufgebaut werden können. In Bad Saulgau (Kreis Sigmaringen) wurde das Krankenhaus vor drei Jahren geschlossen, nun gibt es dort ein Medizinisches Versorgungszentrum, in dem zahlreiche Fachärzte tätig sind. Bürgermeister Raphael Osmakowski-Miller (parteilos) erklärte, die Menschen hätten sich daran gewöhnt. Aber: "Diese familiäre Atmosphäre war großartig, das ist uns verloren gegangen und auch den Menschen verloren gegangen."

Rettungsfristen können oft nicht eingehalten werden

Anderen Rathauschefs riet er, sich sofort an den Aufbau neuer Strukturen zu machen. "Es fliegt einem nicht zu, dass wieder Versorgung stattfindet, die verloren gegangen ist." Ein großes Problem bleibe aber: Die Menschen in der Nacht und am Wochenende zu versorgen. Hier müsse es eine Reform des Rettungsdienstes geben. Die Koordinierung von Rettungsdienst und Luftrettung gehöre in die Hand des Innenministeriums wie in Bayern, forderte Osmakowski-Miller.

Es könne nicht sein, dass bei mehr als der Hälfte der Rettungsfahrten die sogenannte Rettungsfrist nicht eingehalten werden könne. "Das ist bei uns im ländlichen Raum ein Lebensrisiko." In BW gilt eine Planungsfrist von zwölf Minuten für lebensbedrohliche Notfälle.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Henning Otte
SWR-Reporter und -Redakteur Henning Otte, SWR Landespolitik

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