Angespannte Finanzlage bei Kommunen, Corona, Klinikverbund

Landrat Dallinger zum Amtsende im Interview: "Irgendwann ist auch mal gut"

Stefan Dallinger war 16 Jahre lang Landrat des Rhein-Neckar-Kreises. Nun geht er in den Ruhestand. Trotz großer Herausforderungen blickt er zufrieden auf seine Amtszeit zurück.

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Stefan Dallinger (CDU) hatte annähernd dreißig Jahre lang kommunale Ämter inne. Bevor er 16 Jahre dem Rhein-Neckar-Kreis als Landrat vorstand, war er unter anderem Bürgermeister in Schwetzingen (Rhein-Neckar-Kreis). Der 64-Jährige hat sich gegen eine weitere Landrats-Kandidatur entschieden. Sein Nachfolger ab Mai ist Manuel Just (parteilos), der bisherige Oberbürgermeister von Weinheim (Rhein-Neckar-Kreis). Mit 54 Städten und Gemeinden und rund 550.000 Einwohnerinnen und Einwohnern zählt der Landkreis zu den größten in Baden-Württemberg. SWR Aktuell hat mit dem scheidenden Landrat gesprochen.

 Landrat Dallinger sitzt an seinem Schreibtisch
Der scheidende Landrat Stefan Dallinger in seinem Arbeitszimmer im Landratsamt.

SWR Aktuell: Herr Dallinger, das hier ist eine sehr große Verwaltungsbehörde und Verwaltung ist nach außen hin manchmal ein bisschen unsexy. Brechen Sie doch mal die Lanze dafür: Was machen Sie hier eigentlich für die vielen Menschen in der Region?

Stefan Dallinger: Wir sorgen dafür, dass die Gesundheitsversorgung auf allerhöchstem Niveau in der Fläche garantiert wird. Wir sorgen dafür, dass sich niemand Gedanken machen muss, wo denn sein Müll und seine Reststoffe hinkommen. Diese Behörde leistet viel und vor allen Dingen eines: sie sorgt dafür, dass wir einen gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Region haben, im Rhein-Neckar-Kreis. Wir haben nach wie vor stabile Verhältnisse. Und das Landratsamt sorgt dafür, dass sich die Menschen hier wohlfühlen können.

SWR Aktuell: Was war für Sie eine ganz besondere Herausforderung?

Dallinger: Eine Herausforderung, in der wir noch mittendrin stehen, ist die Ausrichtung des Klinikverbundes GRN im Hinblick auf die Krankenhausstrukturreform. Da sind wir wesentliche Schritte schon gegangen, aber es fehlt noch die eine oder andere Entscheidung. Das war ein Thema, was mich in den letzten Jahren mit am meisten beschäftigt hat. Und natürlich das alles überbordende Thema: die mangelhafte Finanzausstattung der kommunalen Familie. Das belastet den Rhein-Neckar-Kreis sehr. Und das wird es auch - das muss ich ehrlicherweise zugeben - für meinen Nachfolger nicht einfach machen, das Schiff auf Kurs zu halten.

SWR Aktuell: Eine weitere große Herausforderung war natürlich die Corona-Krise. Was war das für Sie und Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für eine Aufgabe?

Dallinger: Das war eine Mammutaufgabe, auf die niemand vorbereitet war. Also es bewegt mich sehr zu sehen, was da notwendig war: Ausgangsverbote, die Schulen zu schließen und ähnliche Dinge mehr. Ich weiß nicht, ob man da in jedem Einzelfall die richtige Entscheidung getroffen hat, und ich finde es gut, dass man das jetzt aufarbeitet. Wir dürfen aber auch stolz sein auf das, was wir richtig gemacht haben.

Das Landratsamt des Rhein-Neckar-Kreises in Heidelberg
Das Landratsamt des Rhein-Neckar-Kreises in Heidelberg

SWR Aktuell: Die nächste Herausforderung: ab 2015 ein verstärkter Zuzug von Geflüchteten.

Dallinger: Ja, es kamen zu viele Menschen in zu kurzer Zeit zu uns. Das hat uns an die Grenzen des Leistbaren gebracht. Unsere Aufgabe war, dafür Sorge zu tragen, dass die Menschen, die zu uns kommen, ein Dach über den Kopf haben, etwas zu essen haben und auch Kleidung bekommen. Das haben wir immer sichergestellt und darauf bin ich auch sehr stolz. Aber wir spüren jetzt schon, dass die Entlastung an der ein oder anderen Stelle uns gut tut und wir bei weitem nicht mehr den Zuzug haben und den Druck, Menschen unterzubringen. Die Aufgabe, die Menschen, die zu uns gekommen sind, tatsächlich zu integrieren, die bleibt bestehen. Ich bin dem ehrenamtlichen Engagement, das uns tatkräftig unterstützt hat, sehr dankbar.

SWR Aktuell: Sie loben die Menschen, die mit Ihnen zusammengearbeitet haben, inklusive der Menschen, die ehrenamtliche Aufgaben übernommen haben. Was denken Sie, was war Ihr eigener Anteil und Ihre Aufgabe ganz persönlich?

Dallinger: Ich habe mich immer als Teil des Teams verstanden und als derjenige, der einerseits als Moderator die Interessen zusammenbringen muss, aber auch einmal eine Entscheidung zu treffen hat, die aber transparent kommuniziert werden muss. Ich glaube, das ist einigermaßen gut gelungen und wenn das mein Beitrag gewesen ist, wäre ich schon sehr zufrieden. Aber es war immer eine Teamleistung und ich bin stolz, Teil der Teams gewesen zu sein - oder der Teams, die die unterschiedlichen Herausforderungen angegangen sind. 

Ich bin stolz, Teil des Teams gewesen zu sein - oder der Teams, die die unterschiedlichen Herausforderungen angegangen sind.

SWR Aktuell: Was bereitet Ihnen dennoch Sorge?

Dallinger: Dass diese Individualisierung der Gesellschaft und dieses Schauen auf seine eigenen Ansprüche immer mehr um sich greift, das macht es nicht einfach. Und wenn dann die Handlungsfähigkeit zurückgeht, wenn Bearbeitungszeiten zunehmen, weil wir finanzielle oder personelle Ressourcen nicht mehr vorhalten können, dann glaube ich, dass wir Menschen verlieren. Und sie verabschieden sich vom Staat. Das führt dazu, dass die Ränder gestärkt werden. Wir müssen handlungsfähig sein, damit die Menschen in uns aber auch in Institutionen vertrauen können, die wir vertreten.

SWR Aktuell: Sie wirken sehr vital und fit. Warum kandidieren Sie nicht erneut?

Dallinger: Also die Maxime, die mich jetzt begleitet, ist: Irgendwann ist auch mal gut. Sie können sich vorstellen, wie der Terminkalender gefüllt ist und was ich auch ein Stück weit zurückstecken musste. Und gerade deshalb, weil ich mich noch fit, vital und auch gesund fühle, ist doch jetzt die beste Zeit, auch vielleicht nochmal etwas nachzuholen.

Der Landrat des Rhein-Neckar-Kreises Stefan Dallinger mit Nachfolger Manuel Just
Stefan Dallinger und sein Nachfolger Manuel Just arbeiten seit ein paar Wochen an der Übergabe.

SWR Aktuell: Ihr Nachfolger war gerade hier. Es gibt eine geordnete Übergabe. Was wünschen Sie ihm? Was geben Sie ihm mit auf den Weg?

Dallinger: Ja, er ist natürlich bestens gerüstet. Er kennt die kommunale Familie aus dem FF. Seit zwei, drei Wochen ist Manuel Just gefühlt alle zwei Tage hier, ist in wesentliche Entscheidungen eingebunden, nimmt an strategischen Überlegungen teil. Das gehört sich auch so, weil die Auswirkungen natürlich in seiner Amtszeit sind.

Ich wünsche ihm, dass er sich seine Jugendlichkeit und Gelassenheit behält. Und was ich ihm am allermeisten wünsche, ist, dass die Finanzausstattung des Kreises sich so stabilisiert, dass er auch die Projekte und Aufgaben angehen kann, die er sich vorgenommen hat. Und dann ist da eine perfekte Perspektive für den Rhein-Neckar-Kreis.

SWR Aktuell: Verraten Sie uns, was Sie jetzt vorhaben?

Dallinger: Erstmal ankommen in dem, was da kommt, in einem Leben ohne Terminkalender oder nicht so vielen Terminen. Vielleicht ist so eine Dreierkombination ganz gut: Ein Drittel für sich, ein Drittel für die Familie, ein Drittel, um sich noch zu engagieren. Und wenn es in diese Richtung gehen würde, ich glaube, da wäre jeder mit zufrieden.

Wiesloch

Kreistagssitzung in Wiesloch Manuel Just zum neuen Landrat des Rhein-Neckar-Kreises gewählt

Es ist der Höhepunkt einer steilen Karriere: Der Weinheimer Oberbürgermeister Manuel Just (parteilos) ist zum neuen Landrat des Rhein-Neckar-Kreises gewählt worden.

Erstmals publiziert am
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Das Interview führte
Martina Senghas
Martina Senghas

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