Schwächen im Gesundheitssystem?

Vermeidbare Tode: Menschen sterben wegen falscher oder zu später Versorgung

Wenn jemand stirbt, obwohl er mit der richtigen Behandlung noch hätte weiterleben können, spricht man von "medizinisch vermeidbaren" Todesfällen. Laut einer Studie passiert das in BW häufiger als in der Schweiz und Frankreich. Was sind die Gründe dafür?

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Von Autor/in Rebecca Habtemariam, SWR Data Lab

"Er war Mitte 40, schlank, sogar Marathonläufer. Niemand hätte das gedacht", sagt Norbert Frey, ärztlicher Direktor der Kardiologie am Klinikum Heidelberg, über einen seiner Patienten. Und doch war der Befund eindeutig: Herzerkrankung.    

Der Patient kam noch rechtzeitig. Ohne Behandlung können Herzkrankheiten im schlimmsten Fall zum Tod führen. Ein solcher Sterbefall würde zu den "medizinisch vermeidbaren" gezählt werden.

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Davon gibt es in Baden-Württemberg im deutschlandweiten Vergleich verhältnismäßig wenige, aber mehr als in angrenzenden Regionen der Schweiz und Frankreichs. Das zeigt eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung und den Universitäten Groningen und Oldenburg.   

Die Forschenden analysierten Daten zu Sterbefällen aus den Jahren 2002 bis 2019 für verschiedene Regionen in zehn europäischen Ländern. Die Analyse beschreibt einen langfristigen Trend, der sich laut Studienautor Michael Mühlichen auch jetzt, einige Jahre nach dem Ausnahmezustand durch die Pandemie, fortzuführen scheint. 

Als "medizinisch vermeidbar" gelten in der Studie Tode von unter 75-Jährigen, die durch eine frühere oder angemessenere Behandlung hätten verhindert werden können.  

BW: Weniger "medizinisch vermeidbare" Todesfälle als bundesweit, mehr als in der Schweiz

Baden-Württemberg steht im bundesweiten Vergleich verhältnismäßig gut da, aber der Blick ins Ausland zeigt: Im Vergleich zu benachbarten Regionen in der Schweiz und in Frankreich sind die Sterberaten für "medizinisch vermeidbare" Tode in Baden-Württemberg deutlich höher. 

Diese Beobachtung passt in ein größeres Muster: In Deutschland gibt es im Vergleich zu den untersuchten westeuropäischen Ländern verhältnismäßig viele "medizinisch vermeidbare" Todesfälle.

Das Gesundheitssystem spielt eine Rolle.

Woran genau das liegt, lässt sich schwer sagen. "Das Gesundheitssystem spielt sicherlich eine Rolle", erklärt Ute Mons. Sie ist Gesundheitsforscherin und leitet die Abteilung Primäre Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum. Die Systeme unterscheiden sich von Land zu Land teilweise sehr, aber um zu erkennen, was genau den Unterschied macht, müsse man auf jede Erkrankung einzeln schauen.  

Herzkrankheiten überwiegend für höhere Sterberaten verantwortlich 

Die häufigste "medizinisch vermeidbare" Todesursache in Baden-Württemberg, wie auch im Rest Deutschlands, ist die Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße. Das bedeutet, dass sich die Gefäße, die das Herz mit Blut und Sauerstoff versorgen, durch Ablagerungen verengen können. Die Folge können beispielsweise Herzinfarkte sein. 

Doch warum kommen diese Erkrankungen in Deutschland häufiger vor als beispielsweise in Frankreich, Spanien und Italien? Laut Martin Halle, Kardiologe und Professor an der Technischen Universität München, liegt das unter anderem daran, dass es in Deutschland keine festen Regeln für den Arztbesuch gebe.

In anderen Ländern wie zum Beispiel in Spanien muss ein Patient erst den Hausarzt aufsuchen, bevor er zum Facharzt geht. Dieses System wünscht sich Halle auch in Deutschland. So können Hausärzte ihre Patienten und mögliche Risikofaktoren regelmäßig beobachten und sie an die entsprechenden Fachärzte weiterleiten.

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In keinem anderen europäischen Land wird so viel darüber diskutiert, ob Cholesterin nun schlecht oder nicht ganz so schlimm sei. Dabei sind die wissenschaftlichen Ergebnisse eindeutig.

Auch unterschiedliche Mentalitäten spielen eine Rolle: “In keinem anderen europäischen Land wird so viel darüber diskutiert, ob Cholesterin nun schlecht oder nicht ganz so schlimm sei. Dabei sind die wissenschaftlichen Ergebnisse eindeutig”, sagt der Experte. Das kann ein Grund dafür sein, warum Menschen ihre Risikofaktoren nicht richtig ernst nehmen.

In ärmeren Regionen ist die "medizinisch vermeidbare" Sterberate höher 

Die regionalen Unterschiede innerhalb Deutschlands liegen laut Experten zum großen Teil an verschiedenen sozialen und finanziellen Lebensumständen. Dazu zählt zum Beispiel wie gut man gebildet ist, wie viel Geld man verdient oder wie stabil das familiäre Umfeld ist.  

Die im bundesweiten Vergleich eher niedrigen Sterberaten "medizinisch vermeidbarer" Tode in Baden-Württemberg spiegeln sich in der Sozialstruktur wider.

Im Bildungsmonitor 2025 der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft schneidet das Bundesland besser ab als die meisten anderen Länder. Die Wirtschaftsleistung gehörte 2025 nach Bayern zur höchsten in Deutschland.  

Sterberaten "medizinisch vermeidbarer" Todesfälle in Nord- und Ostdeutschland sind teilweise deutlich höher als in Baden-Württemberg, was unter anderem auf soziale und wirtschaftliche Aspekte in den betreffenden Regionen zurückgeführt werden kann. 

Auch die Infrastruktur einer Region spiele hierbei eine Rolle, sagt Gesundheitsforscherin Ute Mons. Spezialkliniken seien für Krebspatienten oft mehrere hundert Kilometer weit weg. Trotz besserer Behandlungsmöglichkeiten entscheiden sich viele dagegen, um hohe Kosten zu meiden und näher an der Familie zu sein.  

Zugang zu Gesundheitsinformationen hängt von Einkommen und Bildung ab

Nicht nur die sozioökonomische Situation einer Region, sondern vor allem die individuelle Lage jedes Einzelnen spiele eine große Rolle, wenn es um "medizinisch vermeidbare" Todesfälle gehe sagt Bevölkerungsforscher Mühlichen.  

"Menschen, die ein geringeres Einkommen, eine unsichere Beschäftigung oder ein niedrigeres Bildungsniveau haben, neigen in der Tendenz häufiger zu einem ungesunden Verhalten", so der Experte. Sie suchen außerdem seltener Fachärzte auf.

Kardiologe Frey teilt den Eindruck. Er empfiehlt den kostenlosen Gesundheits-Check-Up beim Hausarzt in Anspruch zu nehmen. Dabei werden verschiedene Risikofaktoren geprüft. Gesetzlich Versicherte zwischen 18 und 34 Jahren haben einmalig Anspruch, ab 35 Jahren regulär alle drei Jahre.

Klischees über Krankheiten sind ein Risiko

Ein weiterer Faktor bei der "medizinisch vermeidbaren" Sterblichkeit: das Geschlecht. Frauen würden von Ärzten nicht im selben Maße ernst genommen werden wie Männer, sagt Kardiologe Frey. Gerade bei Herzkrankheiten denken viele in Klischees.  

"Bei einem Menschen mit Herzinfarkt, denken viele an den gestressten, übergewichtigen Mann", so der Experte. Deshalb fehle die entsprechende Sensibilisierung für Herzinfarktsymptome bei Frauen. 

Vorsorge und "medizinisch vermeidbare" Sterbefälle hängen zusammen

Zu wenig Vorsorge und genetisch bedingte Risikofaktoren wie hoher Blutdruck und hohe Cholesterinwerte können unter anderem Gründe für einen vorzeitigen Tod sein.

Wir geben eben sehr viel Geld ins Gesundheitssystem, aber offensichtlich an die falschen Stellen.

Für einige Risikofaktoren gibt es bereits erprobte Maßnahmen, wie beispielsweise Statine als Cholesterinsenker. Jüngere Menschen sollten ihre Risikofaktoren kennen und auch mal ohne konkreten Anlass ihre Blutfettwerte checken lassen, um genetisch bedingte Erhöhungen auszuschließen, empfiehlt Kardiologe Norbert Frey.

Bei seinem Patienten, dem Marathonläufer, sei genau das der Fall gewesen. In seiner Familie habe es bereits entsprechende Erkrankungen gegeben, so dass er trotz körperlicher Fitness eine Herzerkrankung bekam.

Wenn Präventionsmaßnahmen konsequenter umgesetzt würden, könnten viele Herzinfarkte und auch Todesfälle vermieden werden, sagt der Experte.

Expertin Ute Mons sieht das ähnlich: "Wir geben eben sehr viel Geld ins Gesundheitssystem, aber offensichtlich an die falschen Stellen. Wenn wir früher ansetzen würden – nämlich zu einem Zeitpunkt, wo wir noch nicht so stark reparieren müssen oder eine Krankheit sogar verhindern könnten – dann wäre das Geld besser eingesetzt."

Grundsätzlich ist der Trend der letzten Jahre aber positiv – in ganz Europa steigt die Lebenserwartung und es gibt insgesamt weniger vermeidbare Todesfälle. Die Unterschiede zwischen den in der Studie untersuchten Ländern blieben allerdings konstant.

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Rebecca Habtemariam
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