Sie galt als Symbol und Kerninstrument der Elektrifizierung des Sportwagenbauers. Nun steht die Hochleistungsbatterieproduktion der Porsche-Tochter "Cellforce" in Kirchentellinsfurt bei Tübingen offenbar vor dem Aus.
Magazin: Massenentlassung bei Arbeitsagentur bereits angezeigt
Nach Informationen des SWR soll ein Großteil der rund 286 Beschäftigten entlassen werden. Wie das Magazin "Der Spiegel" berichtet, wurde der Arbeitsagentur in Reutlingen bereits heute eine entsprechende Massenentlassung angezeigt. Die Behörde wollte die Meldung weder bestätigen noch dementieren.
Eine Fertigung von Batteriezellen ist mit einer Rumpfbesetzung nur schwer vorstellbar. Dem "Spiegel" zufolge könnte am Standort eine Einheit für Forschung und Entwicklung erhalten bleiben.
Cellforce: Betriebsversammlung am Montag
Nach SWR-Informationen soll am kommenden Montag bei Cellforce eine Betriebsversammlung stattfinden. Darin sollen die Beschäftigten über die Pläne für den Standort informiert werden.
Bei Cellforce gab es lange Zeit keinen Betriebsrat. Erst vor zwei Wochen wurde das Gremium gegründet, die Wahlen der Räte steht allerdings noch aus. Anders als bei der Mutter Porsche gibt es für die Batteriezellfertigung daher auch keine Beschäftigungsgarantie. Dem "Spiegel" zufolge könnte den aussortierten Beschäftigten auch deshalb tatsächlich die Arbeitslosigkeit drohen.
Cellforce: Vom Hoffnungsträger zum Problemkind
Lange Zeit galt Cellforce bei Porsche als Trumpf für die Elektrifizierung der Modelle. In Kirchentellinsfurt wurde an besonders leistungsfähigen E-Auto-Batterien geforscht. Hochleistungs-Lithium-Ionen-Zellen sollten hier entstehen, die sicherstellen sollten, dass die Spitzenmodelle von Porsche auch im Elektrozeitalter einen technologischen Vorsprung vor der Konkurrenz haben.
Die Elektrifizierung der Marke ist allerdings in den vergangenen Jahren ins Stocken geraten. Im April hatte der Sportwagenhersteller mitgeteilt, Cellforce nicht mehr eigenständig weiterführen zu wollen.
Cellforce: Kretschmann offenbar im Austausch mit VW-Chef Blume
Auf Anfrage des SWR teilte das Landeswirtschaftsministerium mit, dass Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) es sehr bedauern würde, sollte es zu dem Stellenabbau kommen. Der Rückschlag für die heimische Zellfertigung dürfte zudem für Unmut sorgen: Porsche hat vom Land Baden-Württemberg eine Förderung im zweistelligen Millionenbereich erhalten.
Baden-Württemberg hatte laut Ministerium insgesamt 30 Prozent der Gesamtförderung übernommen. Der Bund habe 70 Prozent beigesteuert. Genaue Zahlen gibt es nicht, da es sich um ein IPCEI (Important Project of Common European Interest) handelt, also ein Projekt von nationalem europäischem Interesse. Für sie gilt oft Vertraulichkeit, um Wettbewerbsvorteile nicht zu gefährden.
Gemeinsamer Brief nach Berlin
Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck (SPD), Kirchentellinsfurts Bürgermeister Bernd Haug (parteilos) und der Reutlinger IHK-Präsident Johannes Schwörer haben einen Brief nach Berlin geschickt, in dem sie um Hilfe für Cellforce bitten. Sie wollen, dass sowohl die Arbeitsplätze als auch das technologische Know-how in der Region gesichert werden. Laut Mitteilung fordern sie von Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (beide CDU) staatliche Kredite oder Beteiligungskapital.
Internationale Wettbewerber wie China und die USA unterstützen ihre Unternehmen massiv beim Ausbau der Batteriezellfertigung. Wir dürfen nicht ins Hintertreffen geraten und brauchen eine nationale Kraftanstrengung, um die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit als führender Industriestandort Europas nicht zu gefährden.
SPD-Landeschef Stoch: Geld muss zurückgegeben werden
Die SPD im baden-württembergischen Landtag kritisiert die Pläne bei Cellforce: "Erst fehlte Weitsicht und man verzögerte die Themen E-Mobilität und Batteriefertigung viel zu lange. Und nun fehlt es wieder an Weitsicht, und man will eine Herzkammer der neuen Mobilität stilllegen, nur weil kurzfristige Gewinn- und Renditeziele noch nicht erreicht werden", schreibt der SPD-Landeschef Andreas Stoch. Dafür lasse man die Beschäftigten nun die Zeche zahlen.
Er appelliert an die Porsche-Verantwortlichen, die Technologie nicht abzuschreiben. Außerdem dürfe es keine betriebsbedingten Kündigungen geben, bevor nicht ein Betriebsrat gewählt sei. Mit Blick auf die Förderung durch die Landesregierung teilt Stoch mit, dass das Geld zurückgezahlt werden müsse, wenn die Ankündigung zum Aufbau einer spezialisierten Batteriezellenproduktion und die Schaffung zukunftssicherer Arbeitsplätze nicht erfüllt werde.
Laut SWR-Informationen soll sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Mittwoch mit Porsche- und VW-Chef Oliver Blume zum Sachverhalt austauschen. Eine offizielle Bestätigung zu den Gesprächen gibt es von der Landesregierung nicht.