Pflichtjahr für Vorschulkinder

Das sagen Pädagogen und Eltern zu den Kita-Plänen in Baden-Württemberg

Die designierte baden-württembergische Regierungs-Koalition will ein verpflichtendes, kostenloses Kita-Jahr. Pädagogen und Eltern haben Zweifel bei der Umsetzung.

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Von Autor/in Natalie Meyer

Noch bevor der Koalitionsvertrag der künftigen Landesregierung unterschrieben ist, haben Grüne und CDU sich dazu entschieden, ein verpflichtendes, kostenloses Kitajahr in Baden-Württemberg einzuführen. Anfang der Woche trat der zukünftige Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) zusammen mit Manuel Hagel (CDU) vor die Presse und erklärte: "Es ist entscheidend, dass wir dort unterstützen, wo Eltern nicht können oder nicht wollen, damit kein Kind verloren geht."

Nur rund sieben Prozent aller Kinder in BW nicht in Betreuung

Die große Mehrheit der Kinder im Land gehen in einen Kindergarten. Nur rund sieben Prozent der Kinder werden ausschließlich zuhause betreut. Das zeigen Zahlen des Kultusministeriums. Diese Kinder leben laut Einschätzungen von Pädagogen in Familien mit Migrationsgeschichte, häufiger jedoch in sozial benachteiligte Familien. Kinder, die keine Kita besucht haben, tun sich jedoch beim Übergang in die Grundschule häufig schwerer. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Kinderleitungs-Kongress DKLK und des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Viele dieser Kinder hätten Schwierigkeiten, Konflikte zu lösen, ihre Gefühle zu regulieren und stabile Beziehungen aufzubauen, warnt der VBE.

Pädagoge Victor Hugo Juliani mit Vorschulkindern.
Victor Hugo Juliani ist als Pädagoge für die Vorschulkinder im Kinderhaus "Junges Gemüse" zuständig.

Pflicht-Kitajahr ohne mehr Personal und mehr Plätze

Ein Blick in die Praxis: Im Kinderhaus "Junges Gemüse" in Stuttgart ist Pädagoge Victor Hugo Juliani für die Vorschulkinder zuständig. Buchstaben malen, den Schulweg auskundschaften und miteinander diskutieren gehören zu den Übungen, die er mit seinen Schützlingen macht. Er findet ein verpflichtendes letztes Kitajahr gut. "Ich glaube, das ist ein Mehrwert. Sowohl für die Schule als auch für die Kinder." Ideal sei zwar ein früherer Einstieg, aber: "Es schadet auch nicht, wenn sie zumindest im letzten Jahr hier sind."

Unabhängig von der Schulfähigkeit sei die Kita aber auch dafür zuständig, Kreativität und Persönlichkeitsbildung voranzutreiben. "Kinder sind unsere Zukunft. Sie müssen, wenn sie in die Schule kommen, ihre Ideen einbringen können", sagt Juliani.

Fabrizio Russo leitet das Pädagogenteam des Kinderhauses "Junges Gemüse" in Stuttgart.
Fabrizio Russo leitet das Pädagogenteam des Kinderhauses "Junges Gemüse" in Stuttgart.

Wir können unabhängig von Gesetzen nur so viele Kinder aufnehmen wie wir Personal haben.

Durch das geplante verpflichtende, kostenlose Kitajahr sollen zwar mehr Kinder auf die Schule vorbereitet und Chancengleichheit gefördert werden. Wo sie alle unterkommen sollen und wie es sich auf die Qualität der Erziehung auswirkt, bleibt aber offen. Auch in der Kita "Junges Gemüse". "Wir können unabhängig von Gesetzen nur so viele Kinder aufnehmen, wie wir Personal in den Kitas haben", sagt Kinderhausleiter Fabrizio Russo.

Land will Kosten für Pflicht-Kitajahr übernehmen

Immerhin: Das Land will die Kosten übernehmen, kündigten Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz und CDU-Generalsekretär Tobias Vogt in der SWR-Sendung "Zur Sache! Baden-Württemberg" an.

Man wolle so nicht nur die Eltern entlasten, sondern auch die Kommunen. Das Land werde die kompletten Kosten für das Projekt übernehmen. CDU-Generalsekretär Vogt erklärte, für das letzte Kita-Jahr ziehe man quasi die Schulpflicht vor. Daraus ergebe sich auch, dass das Land dafür zuständig sei und dies bezahlen müsse. Die Kosten werden auf bis zu 250 Millionen Euro pro Jahr beziffert.

Moderatorin Alexandra Gondorf spricht in der Sendung "Zur Sache! Baden-Württemberg" mit Unternehmerin Isabel Grupp-Kofler, Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht (parteilos), SWR-Landespolitik-Korrespondent Henning Otte, CDU-Generalsekretär Tobias Vogt sowie dem Grünen-Fraktionsvorsitzenden Andreas Schwarz (v.r.n.l.)
Moderatorin Alexandra Gondorf spricht in der Sendung "Zur Sache Baden-Württemberg" mit Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht (parteilos) Unternehmerin Isabel Grupp-Kofler, SWR-Landespolitik-Korrespondent Henning Otte, CDU-Generalsekretär Tobias Vogt sowie dem Grünen-Fraktionsvorsitzenden Andreas Schwarz (v.r.n.l.) Petra Nicklis

Landeselternbeirat begrüßt Vorhaben - aber äußert auch Sorgen

Das sorgt für Erleichterung beim Landeselternbeirat. Man begrüße die Kostenübernahme, da die Kommunen sich die Kostenübernahme nicht leisten können. "Gleichzeitig haben viele Eltern im Land die Sorge, dass dadurch die übrigen Kitajahre möglicherweise noch teurer werden könnten", sagte Heike Kempe vom Landeselternbeirat Kinderbetreuung dem SWR. In den letzten Jahren sind die Kita-Gebühren in vielen Kommunen zum Teil drastisch gestiegen. Elternvertreter bemängeln das. "Unser dringender Appell an die beiden Koalitionspartner ist daher, auch das Thema Kitafinanzierung für die übrigen Jahre mit Priorität anzugehen."

Wie die Kosten konkret verteilt werden sollen, könnte dennoch schwierig werden. "Wie das aussehen soll, wenn das letzte Jahr statt Kommunensache plötzlich Ländersache ist, bleibt schleierhaft im Kita-Finanzdelta", sagt Susanne Sargk vom Verband Erziehung und Bildung. Vor allem für freie Träger sei es eine neue herausfordernde Situation.

Die Ankündigung für das letzte verpflichtende, kostenlose Kitajahr steht. Damit hat die künftige Landesregierung ein Wahlversprechen vorerst erfüllt. Doch in der Praxis bleiben Fragen, auf die Grüne und CDU in den laufenden Koalitionsverhandlungen Antworten finden müssen.

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Autor/in
Natalie Meyer
Natalie Meyer ist Teil des Teams von "Zur Sache! Baden-Württemberg".

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