Ein Bild sagt mehr als tausend Worte - und braucht doch manchmal Kontext. Das gilt auch für die bildlichen Zeugnisse der Deportation badischer Jüdinnen und Juden nach Gurs im Oktober 1940: 45 Fotos und wenige kurze Filmaufnahmen. Sie sind bis zum 27. Februar im Droste-Hülshoff-Gymnasium in Freiburg zu sehen. Die Eröffnung fand am 29. Januar statt.
Wer den Hintergrund der Fotos nicht kennt, hat es schwer, sie richtig zu deuten
Decken, Koffer, Handtaschen: Auf fast allen 45 Fotos sind sie zu sehen. Werden diese Menschen evakuiert, sind sie auf der Flucht? Nein. Es sind Juden aus Baden, die deportiert werden. Wer den Hintergrund der Fotos nicht kennt, hat es schwer, sie richtig zu deuten. Mitarbeitende staatlicher Dienststellen und ihre Helfer verhafteten am 22. Oktober 1940 in 138 badischen Gemeinden mehr als 5.600 ihrer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.
Es ist absurd und gleichzeitig erschreckend, wenn man sich intensiver damit beschäftigt, weil es ganz anders ist, als es auf den ersten Blick erscheint und so viel brutaler.
Sie beraubten und enteigneten sie, brachten sie sie zu Sammelpunkten und zwangen sie, in einen Zug zu steigen. Viele der Jüdinnen und Juden starben im Internierungslager Gurs oder in anderen Lagern. Die meisten von ihnen verschleppten die Nationalsozialisten ab Sommer 1942 nach Auschwitz-Birkenau und Sobibor und ermordeten sie dort. Nur wenige überlebten.
Die Fotografien stammen aus sieben Orten in Baden. Dort knipsten am helllichten Tag professionelle Fotografen den Augenblick des Zivilisationsbruchs. "Es ist absurd und gleichzeitig erschreckend, wenn man sich intensiver damit beschäftigt, weil es ganz anders ist, als es auf den ersten Blick erscheint und so viel brutaler", sagt Juri Möller, einer der Schüler des Geschichtsleistungskurses, die durch die Ausstellung führen.
Täter kamen aus der Mitte der Gesellschaft
Auf den Fotos sind nicht nur Mitglieder des Sicherheitsdienstes der SS zu sehen, sondern auch Dorf-Polizisten. Die Verschleppung wurde damals akribisch vorbereitet. Die Gemeindeverwaltungen waren involviert. Notare, Landesbeamte und Richter hatten alles vorbereitet. Die Täter kamen aus der Mitte der Gesellschaft. Und die Bilder zeigen viele Zuschauer.
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"Das ist ein ganz zentraler Punkt, dass wir eine ganze Vielzahl von Zuschauenden auf den Fotos identifizieren können, die nämlich deutlich machen, dass die Mehrheitsgesellschaft zuschaute, vielleicht sogar still zustimmte", sagt Florian Hellberg, Herausgeber der Kippenheimer Schriften, die die Fotografien zur Deportation der badischen Jüdinnen und Juden zeigt.
Perspektive zeigt: Fotografen waren bestellt oder geduldet
Florian Hellberg ist Vorstand des Fördervereins "Ehemalige Synagoge Kippenheim", der zusammen mit dem "Förderverein Mahnmal zur Erinnerung an die nach Gurs deportierten badischen Jüdinnen und Juden" die Ausstellung erarbeitet hat.
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Die Perspektive der Bilder zeigt, dass die Fotografen meist bestellt oder geduldet waren. "Keiner der verschleppten Menschen konnte in irgendeiner Weise zustimmen, die Fotografie selbst war ein Akt der Demütigung", so die Schülerin Dunja Tadic. Und doch sind die wenigen Fotos der Deportation der Juden in Baden Zeugnisse für das menschenunwürdige Sytem der Nazi-Zeit.