Er hat einen Realschulabschluss, einen Ausbildungsplatz und zeigt eine hohe Leistungsbereitschaft. Kurddos ist in seinem neuen Wohnort Freiburg gut integriert. Jetzt droht dem jungen Mann allerdings die Abschiebung nach Griechenland. Und das, obwohl in Baden-Württemberg CDU und Grüne in der Vergangenheit betont haben, wie wichtig Integration in den Arbeitsmarkt sei und dass diejenigen bleiben dürften, die sich bemühen.
Abschiebung trotz Ausbildungsplatz in Freiburg
Kurddos spricht sehr gut Deutsch. Seine Worte sind wohl überlegt und die Resignation darin ist nicht zu überhören. Alleine wisse er nicht mehr weiter, sagt der 24-Jährige. Er habe alles versucht, um sich zu integrieren und am Ende doch nichts erreicht. Kurddos hat in Freiburg seinen Hauptschulabschluss mit 1,8 gemacht - anschließend den Realschulabschluss mit der Note 2,0. Seine Zeugnisse und die schriftliche Beurteilung der Schule liegen dem SWR vor. Jetzt hat er einen Ausbildungsplatz als medizinischer Assistent.
Ich habe nie ein Gesetz verletzt und respektiere die deutsche Gesellschaft sehr.
Seit mehr als einem Jahr kämpft Kurddos darum, in Deutschland bleiben zu dürfen. Bislang vergeblich. Sein Asylantrag wurde abgelehnt und die Klage gegen die Ablehnung vom Verwaltungsgericht abgewiesen. Jetzt läuft das Berufungsverfahren. Seine aktuelle Perspektive: die Abschiebung nach Griechenland.
Freiburger Schule lobt seine vorbildliche Integration
Kurddos ist Kurde. Er stammt ursprünglich aus dem Irak. Auf seiner Flucht landete er 2016 zunächst im berüchtigten Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Es sei die "Hölle auf Erden" gewesen, sagt er. Danach musste er sich zwei Jahre allein durch Athen schlagen, bevor er nach Deutschland ausreisen konnte. 2020 stellte er hier einen Asylantrag, der fünf Jahre später abgelehnt wurde. Kurddos versteht es nicht. Er habe die deutsche Sprache gelernt, die Menschen und die Kultur hier respektiert, sagt er.
Ich habe alles versucht. Ich träume sogar auf Deutsch.
Die Schule in Freiburg lobt seinen unermüdlichen Fleiß, seine hohe Leistungsbereitschaft und die vorbildliche Integration. Mit Entsetzen habe man von der drohenden Abschiebung erfahren, heißt es dort. Auf den Verlauf seines Asylverfahrens hatte das alles bislang keinen Einfluss.
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Grüne und CDU sprachen sich für gute Integration aus
Vor allem im Vorfeld der Landtagswahl im März 2026 in BW waren sich die Spitzenpolitiker einig: Straftäter müssten konsequent abgeschoben werden. Wer sich hingegen um Integration bemühe, dürfe bleiben, hieß es. Baden-Württemberg sei ein weltoffenes Land, so Manuel Hagel, Fraktionsvorsitzender der CDU: "Ich möchte, dass das auch in Zukunft so bleibt. Wir werden immer Einwanderung in unserem Land brauchen, wir brauchen immer Migration in unseren Arbeitsmarkt."
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Asylverfahren sollen schneller, Abschiebungen leichter werden. Das ist das Ziel der Bundesregierung. Doch Menschenrechtsorganisationen aus BW schlagen Alarm.
Vom designierten Ministerpräsidenten Cem Özedemir (Grüne) hieß es: "Diejenigen, die in der Ausbildung, im Betrieb, die in der Schule sind, die zum Wohlstand dieses Landes beitragen - die müssen sich sicher fühlen."
Gute Integration als Argument für die Abschiebung
Kurddos erfüllt diese Voraussetzungen. Selbst das Verwaltungsgericht Freiburg bescheinigt seine besonderen Fähigkeiten und seine "hervorragende Integration". Dabei macht es daraus ein Argument für seine Abschiebung.
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In der schriftlichen Urteilsbegründung heißt es: Kurddos sei jung und arbeitsfähig. Er habe sich in den letzten Jahren auch im Bundesgebiet hervorragend integriert und innerhalb kürzester Zeit große Fortschritte bei der Schulbildung und im Bereich des Sprachenerwerbs erzielt. Er habe mit großem Einsatz seine Ziele erreicht.
Er hat sich [...] hervorragend integriert [...]. Es ist davon auszugehen, dass ihm dies auch in Griechenland gelingen dürfte.
SWR-Rechtsexperte: Gericht setzt EU-Recht um
Der SWR-Rechtsexperte Kolja Schwarz erklärt, dass das Verwaltungsgericht EU-Recht umsetzt, auf das die Landesregierung praktisch keinen Einfluss habe. Laut dem sogenannten Dublin-Abkommen muss Kurddos in das Land zurück, in dem er zum ersten Mal den Boden der Europäischen Union (EU) betreten hat - das ist Griechenland. Der Rechtsexperte wundert sich allerdings darüber, dass es fünf Jahre gedauert hat, bis das Bundesamt für Migration seinen Asylantrag abgelehnt hat.
Flüchtlingsrat BW kritisiert Abschiebung
Kritik kommt vom Flüchtlingsrat Baden-Württemberg. Für die Politik sei es ein Erfolg, wenn die Abschiebungszahlen nach oben getrieben werden, heißt es. Hinter jeder abgeschobenen Person stehe ein Mensch, der brutal aus seinem Leben gerissen werde. Doch das kümmere in der Politik niemanden, kritisiert der Flüchtlingsrat.
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Die kolumbianische Familie Arango aus Neuhemsbach hofft, dass jetzt ihre Integration anerkannt wird. Seit Monaten hangeln sie sich von einer Duldung zur nächsten.
Noch ist die letzte Berufung in seinem Asylverfahren nicht endgültig entschieden, doch die Hoffnung hat Kurddos eigentlich längst aufgegeben. Zu seinem Einzelfall wollten sich weder Cem Özdemir noch Manuel Hagel auf Anfrage äußern. Auch das zuständige Justizministerium wollte aus Gründen der richterlichen Unabhängigkeit keine Bewertung vornehmen.