Rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Uniklinik Tübingen sind am Dienstag nicht zur Arbeit erschienen. Sie haben sich dem Aufruf der Gewerkschaft ver.di zum eintägigen Warnstreik in der laufenden Tarifrunde angeschlossen. Insgesamt waren rund 7.000 Beschäftigte zum Streik aufgerufen. Die Streikenden fordern 7,5 Prozent mehr Geld.
Fehlende Würdigung bringt Beschäftigte in Tübingen zum Warnstreik
Unter ihnen ist auch Uli Schmitz, ein echtes Uniklinik-Urgestein. Die 63-Jährige hat hier im Jahr 1981 ihre Ausbildung zur Kinderkrankenschwester begonnen. Heute arbeitet sie in der Tagesklinik der Kinder-und Jugendpsychiatrie. "Die letzten Jahre kommt immer mehr Arbeit dazu – und wird oft nicht gewürdigt", sagt sie.
Vor allem die Bürokratie mit immer mehr Protokollen macht ihr zu schaffen. "Man sieht immer weniger den Patienten. Es geht immer mehr darum, wie viel Geld man für die Behandlungen bekommt", berichtet sie aus ihrem Arbeitsalltag. Mit ihrem Gehalt komme sie zwar trotz der gestiegenen Lebenshaltungskosten noch zurecht. Aber sie würde sich gerne öfters auch mal was gönnen – "für das, was ich hier leiste", sagt sie.
"Fließbandarbeit mit Menschen" - bis zu 20 Operationen am Tag
Für Schmitz dauert es nicht mehr lange bis zur Rente - anders als bei Christian Gollub. Er hat noch den Großteil seines Arbeitslebens vor sich. Mit 27 Jahren gehört er zu den Jüngeren unter den Streikenden. Als medizinisch-technischer Assistent arbeitet er in der Radiologie. "Es wird alles teurer. Wir wollen ordentlich vergütet werden, um uns in Tübingen ein Leben aufbauen zu können", sagt er. Das Patientenaufkommen steige, sein Job sei mit Stress und längeren Arbeitszeiten verbunden.
Zum ersten Mal bei einem Streik ist Stefanie Schön dabei. "Wenn man immer mehr leisten muss, aber nicht mehr vergütet kriegt, ist das auf lange Sicht unbefriedigend", sagt sie. Die 40-Jährige arbeitet als operations-technische Assistentin an der Uniklinik Tübingen. Bis zu 20 Operationen seien es am Tag. Bei diesem Arbeitstempo mitzuhalten, sei schwierig. Das sei gar wie "Fließbandarbeit mit Menschen". Mit ihrem aktuellen Gehalt ist sie als alleinerziehende Mutter gezwungen, ein "guter Sparfuchs" zu sein.
Forderungen passen laut Uniklinik Tübingen nicht in die Zeit
Die Leitung der Uniklinik Tübingen sieht den Streik kritisch. Jeder Streik gehe zu Lasten der Patientenversorgung und bringe zusätzliche wirtschaftliche Belastungen mit sich, so die kaufmännische Direktorin Daniela Harsch. Notfall-Patienten wurden trotz des Streiks versorgt. Doch Operationen und aufschiebbare Untersuchungen seien abgesagt worden.
Harsch empfindet die ver.di-Forderung als nicht passend für die aktuelle Zeit. Krankenhäuser müssten schließen und hätten große Defizite. Auch durch die angekündigten Reformen im Gesundheitsbereich stehen die Unikliniken in Baden-Württemberg wirtschaftlich "massiv unter Druck", heißt es vom Arbeitgeberverband der Universitätsklinika. 7,5 Prozent mehr Geld seien da nicht realisierbar.
Arbeitgeberverband kündigt Tarifvertrag zur Arbeitsplatzsicherung
Als Reaktion auf die Streiks hat der Verband mit Sitz in Tübingen jetzt einen Tarifvertrag zur Arbeitsplatzsicherung gekündigt. Der Arbeitgeberverband begründet den Schritt mit der schwierigen wirtschaftlichen Lage und finanziellen Auswirkungen der Gesundheitsreform. Durch die Vereinbarung mit ver.di war etwa die Uniklinik Tübingen dazu verpflichtet, bei einem Personalabbau den betroffenen Beschäftigten einen gleichwertigen Arbeitsplatz anzubieten.
"Damit signalisieren sie den Beschäftigten, dass sie das soziale Netz nicht mehr aufrechterhalten wollen. Und das ist ein krasses Signal eines öffentlichen Arbeitgebers", sagt Jakob Becker, ver.di-Landesfachbereichsleiter für Baden-Württemberg. Von den Unikliniken heißt es: Dieser Tarifvertrag aus dem Jahr 2008 stamme aus einer Zeit deutlich besserer wirtschaftlicher Voraussetzungen. Jetzt ist er am Tag des eintägigen Verdi-Warnstreiks in Tübingen gekündigt worden.