Töten wollte er nicht. Aus Panik habe er geschossen. So stellt es der Angeklagte zum Prozessauftakt vor dem Ellwanger Landgericht dar. Beziehungsweise lässt es darstellen. Die Verteidigerin des 23-Jährigen trägt eine schriftliche Erklärung vor.
Ihr Mandant auf dem Stuhl wirkt gleichmütig, Gefühlsregungen sind nicht zu erkennen. Wie gefährlich ihn Staatsanwalt und Richter einschätzen, sieht man an den Hand- und Fußfesseln, mit denen der Mann mit dem Vollbart und den kurzen dunklen Haaren in den Schwurgerichtssaal geführt wird.
Aus Panik geschossen?
Ja, er habe das Opfer im vergangenen Februar mit einem Messer verletzt. Ja, er habe es ein knappes halbes Jahr später mit einem Schuss lebensgefährlich verletzt. Soweit räumt der Angeklagte die Anschuldigungen des Staatsanwalts ein. Doch er habe den Mann nicht töten wollen.
Aus Panik habe er die Waffe, die er aus Vorsicht zuletzt immer bei sich trug, gezogen, nachdem ihn das spätere Opfer und ein weiterer Bekannter ihrerseits mit Messern bedroht hatten.
Zu der blutigen Gewalttat in der Schwäbisch Gmünder Innenstadt kommt es am 27. Juli letzten Jahres: Gegen 22 Uhr wird ein junger Mann an der Ecke Moltkestraße/Leutzestraße niedergeschossen. Die Kugel trifft ihn auf Herzhöhe in die linke Brust und verletzt ihn lebensgefährlich. Drei Tage später stellt sich der mutmaßliche Schütze freiwillig bei der Polizei. Begleitet von seiner Anwältin lässt sich der damals 22-Jährige ohne Widerstand festnehmen, heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Ellwangen und des Polizeipräsidiums Aalen.
Die Gewalttat hat eine Vorgeschichte: Ein knappes halbes Jahr zuvor soll das spätere Opfer laut Anklage abends mit einem anderen Mann in der Schwäbisch Gmünder Innenstadt unterwegs gewesen und auf eine Gruppe von vier Männern getroffen sein. Laut Anklage geraten sie in Streit, irgendwann zieht einer aus der Gruppe ein Messer, sticht auf den damals 24-Jährigen ein und fügt ihm eine circa 20 Zentimeter tiefe Schnittwunde zu. Die Gruppe um den mutmaßlichen Täter flüchtet, zu einer Festnahme kommt es damals nicht. Anlass der Messerattacke soll ein Streit in einer Schwäbisch Gmünder Bar nur wenige Tage zuvor gewesen sein.
War es die dubiose "Spitalhof-Gang" ?
Eine Gruppe junger Männer wird in Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis) immer wieder mit Gewalttaten in Verbindung gebracht. Die sogenannte "Spitalhof-Gang". Wobei nach wie vor unklar ist: Wer steckt hinter dieser mysteriösen Gruppierung? Und warum spielt ihr Name eine wiederkehrende Rolle in Prozessen vor dem Ellwanger Landgericht?
Zwischen 2019 und 2023 soll die "Spitalhof-Gang" für rund 35 Gewalttaten verantwortlich gewesen sein - darunter vor allem Messerstechereien und gefährliche Körperverletzungen. Das gaben Polizisten während eines früheren Prozesses vor dem Landgericht Ellwangen an, bei dem mutmaßliche Mitglieder der Gang angeklagt waren. Laut den Ermittlern soll die Gruppe aus etwa 25 jungen Männern bestehen, die als gewaltbereit gelten. Beweise für die Mitgliedschaft in der "Spitalhof-Gang" beziehungsweise für ihre Existenz gibt es allerdings nicht.
Zehn Zeugen und zwei Sachverständige
In fünf Verhandlungstagen wollen die Ellwanger Richter jetzt klären, ob der Angeklagte tatsächlich aus Panik geschossen und das Opfer nur zufällig in die Brust auf Herzhöhe getroffen hat oder ob er den 25-Jährigen doch töten wollte. Allein am Prozessauftakt haben zehn Zeugen ausgesagt, darunter auch das Opfer, das seiner Aussage nach immer noch unter körperlichen und psychischen Folgen der Tat leidet. Am 25. Februar werden die Richter voraussichtlich das Urteil sprechen.