Es ist passiert! Donnerstagmittag erhielt der höchste Turm der Sagrada Família im spanischen Barcelona ein neues Bauteil und erhöhte sich damit auf satte 162,91 Meter. Damit steht der höchste Kirchturm der Welt zum ersten Mal seit 135 Jahren nicht mehr in Ulm. Ein Schock für die Stadt?
Der Verlust dieses Superlativs mag uns vielleicht auf den ersten Blick schmerzen. Unser Münster ist jedoch viel mehr als ein Höhenrekord, es geht nicht um einen Wettbewerb.
Oberbürgermeister Martin Ansbacher: Münster bleibt Herzensort
Wenn man Ulms Oberbürgermeister Martin Ansbacher (SPD) glaubt, hält sich die Bestürzung über die Änderung der Rekordverhältnisse in Grenzen. Zwar habe ihn die Nachricht am Donnerstag überrascht und er habe erst kommendes Jahr damit gerechnet. "Wir Ulmerinnen und Ulmer bleiben aber selbstverständlich stolz auf unser Münster, auch ohne Rekord", so der Ulmer Oberbürgermeister in einer Pressemitteilung. Das Münster sei "Teil unserer Identität und ein Herzensort, der Ort, an dem sich alle versammeln können, der Ort, auf den alle blicken und sich daran orientieren. Es ist und bleibt unser Wahrzeichen, zentrales Symbol der Hoffnung und Zuflucht in unserer Stadt."
Ursprünglich sollte das Ulmer Münster sogar noch höher werden
Und wenn im 19. Jahrhundert alles nach den ersten Entwürfen gebaut worden wäre, hätte das Ulmer Münster im Wettbewerb auch immer noch die Nase vorn. 2015 zeigte der damalige Leiter des städtischen Archivs, Michael Wettengel, dem SWR alte Pläne des Münsterturms. Laut diesen sollte er ganze 181 Meter statt den heutigen 161,5 Metern hoch werden. Gebaut wurde aber der 20 Meter kleinere Entwurf. Eine glückliche Fügung des Schicksals - für die Sagrada Família.
Touristik in Ulm: "Müssen viele Broschüren ändern"
Denn der Titel "höchster Kirchturm der Welt" dürfte sich auch auf den Werbematerialien der Kathedrale in Barcelona gut machen. Die Touristik in Ulm muss in Zukunft auf den Superlativ verzichten. "Jetzt werden wir halt in der Kommunikation ein bisschen umstellen. Aber es bleibt ja dabei, das Münster ist ein tolles Bauwerk", sagt Wolfgang Dieterich, Geschäftsführer der Ulm/Neu-Ulm Touristik GmbH.
Für das Stadtmarketing sei es natürlich trotzdem schade. Man müsse nun viele Texte und Broschüren ändern. Grundlegend mache man sich aber keine Sorgen um den Tourismus in Ulm. "Wir haben ja auch viele andere Argumente zu bieten", so Dieterich. Letztendlich bleibe das Münster aber trotzdem der Hauptzielpunkt der Touristik - auch als zweithöchster Kirchturm der Welt.
Ulmerinnen und Ulmer reagieren gelassen
Und die Ulmerinnen und Ulmer? Die sind zwar traurig über den Verlust des Rekords. Von einem richtigen Schock kann aber auch hier nicht die Rede sein. Sie feiern lieber ihre "Bürgerkirche". Denn das Münster wird überwiegend von den Ulmerinnen und Ulmern finanziert, nicht von Kirche oder Staat.
"Wir Ulmer, wir behalten unser Münster als höchsten Kirchturm der Welt im Herzen", sagte eine Ulmerin am Freitagvormittag auf dem Münsterplatz. "Es gibt ganz andere Probleme auf der Welt", resümierte eine andere Passantin. Und ein weiterer Ulmer zog den Baustil des Münsters der modernistischen Sagrada Família vor: "Es ist immer noch die höchste gotische Kirche - und das ist doch was!"
Social Media-User fordern Vergrößerung des Münsterturms
In den Kommentarspalten auf Social Media fielen die Reaktionen wie gewohnt etwas emotionaler aus. Manchmal wurde den Ulmerinnen und Ulmern hier sogar nahegelegt, den Münsterturm durch einen erneuten Anbau wieder an der Sagrada Família vorbei auf den ersten Platz zu schieben.
"Ich glaube wir brauchen 'ne Antenne auf dem Münster!", so ein User auf Instagram. "Haut noch ein Stockwerk drauf", fordert ein anderer. Derartigen, sicherlich augenzwinkernd gemeinten, Kommentaren hielt Münsterdekan Torsten Krannich am Donnerstagabend Vorfreude auf die Fertigstellung der Sagrada Família in ein paar Jahren entgegen: "Wir sind trotzdem glücklich darüber, dass die Sagrada mal fertig wird." Noch vielmehr freue man sich in Ulm aber, dass man "fast 140 Jahre den Titel hatte: Höchster Kirchturm der Welt".