Wegen einer Computer-Panne sind in den vergangenen 20 Jahren insgesamt 1.440 Lehrerstellen in Baden-Württemberg nicht besetzt worden. Und das, obwohl diese Stellen bewilligt waren und die finanziellen Mittel dafür im Haushalt hinterlegt waren. Wie konnte das passieren? Was geschieht nun mit dem "eingesparten Geld"? Und was bedeutet das für Referendare und Junglehrer? Viele Fragen sind noch unbeantwortet. Ein Überblick:
- Welche Fächer oder Schularten sind am stärksten betroffen?
- Wie viel Geld wurde insgesamt "eingespart"?
- Warum wurde in der Haushaltsplanung nie Geld eingeplant?
- Wie sollen die unbesetzten Stellen nun finanziert werden?
- Werden nun alle Referendare an Gymnasien übernommen?
- An welchen Schulen könnten die Lehrkräfte eingestellt werden?
- Wie schnell können die Stellen besetzt werden?
- Verbessert sich dadurch die Situation an den Schulen?
- Sind rechtliche Probleme zu erwarten?
- Wie ist solch eine IT-Panne zu erklären?
- Gab es vorher Hinweise auf Unstimmigkeiten?
- Wird die Software DIPSY auch in anderen Ministerien eingesetzt?
- Kann ausgeschlossen werden, dass es dort ähnliche Pannen gibt?
Welche Fächer oder Schularten sind am stärksten betroffen?
Generell besteht bei naturwissenschaftlichen Fächern, Kunst und Musik der größte Lehrermangel. Dort hat das Kultusministerium nach eigener Aussage in der Vergangenheit schon nicht genügend Lehrkräfte gefunden. "Mehr Stellen ändern daran nichts", teilt ein Sprecher des Kultusministerium auf SWR-Anfrage mit. "Ich kann nicht mehr Stellen besetzen, wenn ich schon die nicht besetzen kann, die da sind."
Wie viel Geld wurde in den 20 Jahren insgesamt "eingespart"?
Gar keins. Denn: Die unbesetzten Stellen haben in der Haushaltsaufstellung überhaupt keine Rolle gespielt. Für sie wurde kein Geld verplant. "Eine Stelle, die vermeintlich besetzt ist, aber eigentlich gar nicht besetzt ist, die kostet auch nichts", so Finanzminister Danyal Bayaz (Grüne) im SWR. Daher sei kein Geld abgeflossen, "dem wir jetzt nachtrauern müssen".
Warum wurde in der Haushaltsplanung nie Geld für die unbesetzen Stellen eingeplant?
Laut Finanzministerium wird bei der Haushaltsplanung nicht auf die Zahl der Ist-Stellen in der Kultusverwaltung geschaut. Vielmehr geht es um den Betrag, den das Kultusministerium in der Vergangenheit für die Stellen ausgegeben hat. Sprich: Das Kultusministerium hat für die 1.440 Stellen nie Geld beim Finanzministerium beantragt, weil sie gar nicht wussten, dass es diese Stellen gibt. Daher bekam das Kultusministerium auch kein Geld für diese Stellen. Deshalb müssen die Stellen nun auch neu finanziert werden.
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Ist das ein Schildbürgerstreich? Über 20 Jahre fällt niemandem auf, dass in Baden-Württemberg hunderte Lehrerstellen unbesetzt sind. So reagiert das Kultusministerium.
Wie sollen die unbesetzten Stellen finanziert werden?
Für solche Fälle gibt es laut dem Finanzministerium wohl Reserven, also einen Topf für ungeplante Personalkosten. Daraus sollen die Stellen finanziert werden. Ein Sprecher des Finanzministeriums erklärte, dass die Neubesetzung der 1.440 Stellen jährlich 120 Millionen Euro kosten werde.
Finanzminister Bayaz betonte im SWR, dass man dies auch bewerkstelligen wolle. Der 41-Jährige sagte weiter, dass die Thematik "auch für uns überraschend kam, deswegen ist es gut, als Finanzministerium Vorsorge zu betreiben." Für künftige Haushalte müssten die Stellen ebenfalls finanziert werden, "da reden wir über erhebliche Beträge."
Werden nun alle Referendare und Junglehrer an Gymnasien übernommen?
Nein. Dem erteilt das Kultusministerium eine Absage. "Wir können nicht einfach jedem und jeder ein Einstellungsangebot machen", teilt ein Sprecher mit. Die Fächerkombinationen müssten passen, auch müsse die räumliche Zuordnung stimmen. Man könne nicht weitere Lehrkräfte in sehr gut versorgten Gebieten einstellen, wenn andere Regionen unterversorgt seien.
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Es ist noch nicht lange her, da warb Baden-Württemberg um Quereinsteiger ins Lehramt. Nun gibt es zumindest am Gymnasium keine Jobs für viele gut ausgebildete Nachwuchskräfte.
An welchen Schulen könnten die Lehrkräfte eingestellt werden?
Einen genauen Plan gibt es noch nicht. Klar ist aber schon jetzt, dass die sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ), die Grundschulen, die SEK-1-Schulen abseits des Gymnasiums und die beruflichen Schulen gestärkt werden sollen. Außerdem sollen Kapazitäten für G9 aufgebaut werden sowie Stellen in die Krankheitsreserve fließen. Den Gymnasialreferendaren könnte angeboten werden, zunächst in anderen Schularten wie der SEK-1 und an den beruflichen Schulen einzusteigen. "Dort haben wir einen erhöhten Bedarf. So können wir auch bereits früh damit beginnen, die benötigten Kapazitäten für das G9 aufzubauen, wo ab dem Schuljahr 2032/33 von einem Jahr auf das nächste 860 Stellen mehr benötigt werden", sagt der Sprecher des Kultusministeriums.
Wie schnell können die Stellen besetzt werden?
Laut Kultusministerium hängt das von vielen Faktoren ab. So müsse es beispielsweise die passenden Bewerber geben, sagte der Sprecher dem SWR. "Viele Bewerber bringen die notwendigen Fächerkombinationen nicht mit. Wieder andere wollen nur an ihrem Wunschort zum Einsatz kommen und sind nicht bereit, in den schlechter versorgten Gebieten, zum Beispiel im ländlichen Raum oder auch im (teuren) Stuttgart zu arbeiten." Daher will das Ministerium nun schnell einen Plan erarbeiten, wie die Stellen optimal verteilt werden. Man sei optimistisch, die Unterrichtsversorgung positiv beeinflussen zu können, so der Sprecher.
Verbessert sich dadurch die Situation an den Schulen?
Ein wirklich großer Effekt ist nicht zu erwarten. Die 1.440 Stellen machen gerade einmal 1,5 Prozent des Lehrerpersonals in Baden-Württemberg aus. Schließlich gibt es 95.000 Stellen, die sich auf 4.500 Schulen verteilen. Selbst wenn alle Stellen besetzt werden könnten, wäre das gerade einmal ein Lehrer oder eine Lehrerin für jede dritte Schule. Der Realschullehrerverband spricht von zehn Wochenstunden pro Schule. "Das ist ein minimaler Effekt, da kommt nicht der große Regen", relativiert das Kultusministerium.
Sind rechtliche Probleme oder gar Klagen von Lehrern, Referendaren oder Eltern zu erwarten?
Dazu kann das Kultusministerium auf SWR-Nachfrage keine Aussage treffen. Vielmehr weist ein Sprecher darauf hin, dass es in der Vergangenheit einen großen Bewerbermangel gegeben habe: "Wir hatten auch so schon nicht alle Stellen besetzen können; entsprechend wäre es auch nicht möglich gewesen, noch mehr Stellen zu besetzen, ganz gleich, ob sie zur Verfügung stehen oder nicht."
Wie ist solch eine IT-Panne zu erklären?
Die genauen Ursachen sind noch nicht bekannt. Allerdings ist es sehr wahrscheinlich, dass bei einer Systemumstellung im Jahr 2005 nicht alle Daten übertragen wurden. Zudem gab es seitdem keine komplette Neuberechnung der Stellen. Dadurch konnte die Stellenzahl Stück für Stück anwachsen. Das Kultusministerium spricht außerdem von "mutmaßlichen Programmierungsfehlern" beim Landesamt für Besoldung und Versorgung (LBV) und "manuellen Nachbearbeitungen" durch die Kultusverwaltung.
Die Präsidentin des Rechnungshofs Baden-Württemberg, Cornelia Ruppert, versicherte im SWR-Interview, dass die zu klärende Grundsatzfrage lauten werde, welche Daten eingegeben worden seien. "Ein Computer-Programm ist nur so gut wie die Daten, die eingepflegt werden", sagte die 62-Jährige am Donnerstag in Stuttgart. Die Schuld sei nicht bei der Software zu suchen, sondern es müsse geprüft werden, ob die eingegeben Daten richtig gewesen seien. Es sei die gängige Praxis, dass man regelmäßig Updates und Tarifänderungen gehabt habe, die eingepflegt werden mussten. Das seien Beispiele, "in denen man eingreifen muss", so Ruppert. "Gab es da Fehlerquellen? Auch das müssen wir uns anschauen."
Gab es vorher Hinweise auf Unstimmigkeiten?
Bereits vor etwa einem Jahr soll ein Hinweis auf die Panne ignoriert worden sein. Wie der Landesschülerbeirat erklärte, hatte er schon im August 2024 angebliche Unstimmigkeiten bei den nicht abgerufenen Haushaltsmitteln im Kultusministerium festgestellt. Die daraufhin gestellte Anfrage an das Ministerium blieb unbeantwortet, heißt es in einer Pressemitteilung des Landesschülerbeirats.
Wird die Software DIPSY auch in anderen Ministerien eingesetzt?
Die gesamte Landesverwaltung in Baden-Württemberg verwendet nach SWR-Informationen das Programm, das die Lehrerstellen falsch berechnet hat.
Kann ausgeschlossen werden, dass es dort ähnliche Pannen gibt?
Ähnliche Fehler wie bei den 1.440 unbesetzten Lehrerstellen schließen Finanzministerium und Innenministerium in ihren Ressorts aus. Grund sei, dass beispielsweise bei der Polizei eine Stelle immer konkret einer Person zugeordnet werden könne, erklärte ein Sprecher des Innenministeriums. Bei den Lehrerstellen würden die Stellen aus einem Pool bezogen, die dann an verschiedene Schulen verteilt würden. Laut Kultusministerium gibt es diese "besondere Problemstellung" nur "im Bereich der automatisierten Poolstellenverwaltung bei der Kultusverwaltung". Daher könne ausgeschlossen werden, dass andere Bereiche der Landesverwaltung betroffen seien. Auch Finanzminister Bayaz betonte im SWR, dass man eine ähnliche Panne in anderen Bereichen "für den Moment" ausschließen könne.