In Baden-Württemberg gab es im vergangenen Jahr rund 94.800 ausländische Tatverdächtige, wie aus der polizeilichen Kriminalstatistik hervorgeht. Das sind 43,1 Prozent aller Tatverdächtigen. 2024 waren es 43,5 Prozent. Allerdings sei die polizeiliche Kriminalstatistik, die am Montag für ganz Deutschland veröffentlicht wurde, nur eingeschränkt aussagekräftig, warnt die Kriminologin Susann Prätor bei einem Pressegespräch des Mediendienst Integration.
"Menschen, die als fremd wahrgenommen werden, werden mit größerer Wahrscheinlichkeit angezeigt als Menschen, die keinen Migrationshintergrund haben", sagt die Professorin der Polizeiakademie Niedersachen mit Verweis auf den Niedersachsensurvey 2024, für den Jugendliche befragt wurden.
Ausländer werden dreimal öfter angezeigt
Werden Opfer und Täter beide für deutsch gehalten, werden nur 7,9 Prozent der Fälle angezeigt. Wenn das Opfer keinen Migrationshintergrund hat und beim Tatverdächtigen eine ausländische Herkunft vermutet, kommen 22,4 Prozent der Taten zur Anzeige. Und neunzig Prozent der Straftaten erfährt die Polizei nur durch eine Anzeige. Auf das unterschiedliche Anzeigeverhalten hat das Bundeskriminalamt auch schon in der Zusammenfassung der polizeilichen Kriminalstatistik 2024 hingewiesen.
Zudem werden Ausländer und Angehörige von Minderheiten öfter polizeilich kontrolliert, wie beispielsweise das Integrationsbarometer des Sachverständigenrat für Integration und Migration von 2022 oder eine Befragung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem März 2025 zeigen.
Definition "Ausländer" in Kriminalstatistik nicht eindeutig
Die Kriminologin Susann Prätor findet es außerdem schwierig, wer in der Kriminalstatistik alles unter Ausländer fällt: Der Flüchtling aus Syrien, der gestern in Deutschland angekommen ist, der Einwanderer aus der Türkei, der seit Jahrzehnten hier lebt und die deutsche Staatsbürgerschaft nie angenommen hat. Touristen. Oder Menschen, die nach Deutschland kommen, um hier Straftaten zu begehen und dann das Land wieder verlassen.
Auch die Soziologin und Kriminologin Gina Wollinger sagt gegenüber dem Mediendienst Integration, dass die Kategorie "Ausländerkriminalität" im Grunde nichts aussage: "Es gibt für das Konstrukt 'Ausländer' kein gemeinsames Merkmal, das relevant wäre für die Kriminalität." Stattdessen schüre es ein gewisses Bild von Menschen, die sich auf Grund ihres Status anders verhalten würden. "Es suggeriert, dass Kriminalität und Herkunft etwas miteinander zu tun haben."
Höhere Kriminalitätsrate hängt vor allem mit Geschlecht zusammen
Bei den Gründen, warum Ausländer eine höhere Kriminalitätsrate als Deutsche aufweisen, spielt auch das Geschlecht eine Rolle: Der Anteil junger Männer ist unter Nichtdeutschen besonders hoch. Und Tatverdächtige sind generell häufiger männlich und jung, egal welcher Herkunft. Das belegen die Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik, wenn man sie nach Geschlecht und Alter filtert.
Bei einigen Nichtdeutschen können Kultur und Sozialisation eine Rolle spielen, sagt der Psychologe und Autor Ahmad Mansour. "Diejenigen, die sich nicht integrieren, sind meistens Menschen, die ein ganz anderes Wertesystem mitbringen und Schwierigkeiten haben, dieses Wertesystem in Frage zu stellen." Sie verachteten den Rechtsstaat und hätten ein Problem mit den Grundwerten in unserer Gesellschaft. Dadurch würden sie krimineller und aggressiver.
Risiken für Straffälligkeit: Kein Geld und Wohnen im Problemviertel
Auch die Lebensumstände von Nichtdeutschen seien entscheidend, betonte die Kriminalitätsforscherin Susann Prätor. Ausländer hätten öfter soziale Probleme wie Armut, geringe Bildung oder Gewalterfahrungen in der Familie.
Zudem seien Nichtdeutsche häufiger in kriminelle Freundeskreise eingebunden. Das liegt auch daran, dass sie öfter an Orten wohnen, die ohnehin schon eine erhöhte Kriminalitätsdichte aufweisen, wie eine Studie des ifo-Instituts aus dem Februar 2025 zeigt. In städtischen Vierteln mit schwieriger Sozialstruktur zu wohnen, erhöht für Einwohner - egal welcher Nationalität - das Risiko, straffällig zu werden.
Kriminologin: Pass ist nicht das Problem
All diese Risikofaktoren für kriminelles Verhalten werden in der Polizeistatistik aber nicht erfasst. Wenn man Faktoren wie Bildung, Armut, familiäre Gewalterfahrungen oder Wohnort rausrechnen würde, gäbe es zwischen der Kriminalitätsrate von Deutschen und Nichtdeutschen fast keinen Unterschied mehr, so die Kriminologin Prätor: "Es ist nicht der Pass, den eine Person hat, sondern es sind bestimmte Lebenserfahrungen, die eine Person macht."
An den Lebensumständen, die die Wahrscheinlichkeit, kriminell zu werden erhöhen, könne man etwas ändern. Susann Prätor nannte Maßnahmen wie Gewaltprävention und Bildungsintegration. Bildung sei oft der Schlüssel für die Verringerung von Kriminalität.