"Ich habe die Fundis immer hart gefighted"

Erster grüner Ministerpräsident tritt ab: So schlug sich Kretschmann in 15 Jahren Amtszeit

Im März 2026 wird Winfried Kretschmanns Amtszeit enden. Deutschlands erster grüner Ministerpräsident tritt ab. Was er erreicht hat und was nicht.

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Stand

Von Autor/in Jennifer Rieger

An einem diesigen Herbsttag im Jahr 2022 steht Winfried Kretschmann auf dem Dach eines Hotels in Los Angeles und blickt in die Ferne. Und vielleicht ist es genau diese eine Szene, die viel über ihn verrät. Als Mensch, als Staatsmann. Denn Kretschmann könnte nun viele Dinge sagen, zumal sich eine Reihe Journalistinnen und Journalisten um ihn scharen, die nur auf einen prägnanten Satz warten.

Er könnte den Verkehr kommentieren, der sich tief unter ihm in endlosen Schlangen durch die Straßen zieht. Könnte auf den Horizont deuten, wo sich der Pazifik erahnen lässt. Oder er könnte, ganz der Politiker auf Wirtschaftsreise, etwas über die enorme Wichtigkeit dieses Standorts sagen. Aber Winfried Kretschmann schaut, lange schweigend. Dann sagt er: "Kein Baum, nirgendwo." Punkt. Kein Wort zu viel.

Kretschmann ist erster grüner Ministerpräsident Deutschlands

Und doch steckt in diesem Satz so viel: Kretschmanns Sorge um die Umwelt, für die er sich sein Leben lang eingesetzt hat, als Biologe und als Gründungsmitglied der Grünen. Sein Unwohlsein in großen Städten, die in einer tiefen Verwurzelung mit seiner schwäbischen Heimat zu suchen ist. Und sein Umgang mit Worten. Worte sind wichtig, tragen schwer. Sie zu verschwenden, und sei es an die Presse, war noch nie Winfried Kretschmanns Ding.

Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet ihm, dem Philosophie liebenden, im Kirchenchor singenden Schwaben, das gelang, was vor ihm keiner geschafft hat: der erste grüne Ministerpräsident der Bundesrepublik zu werden. "Bei mir war mal der ehemalige amerikanische Außenminister Kissinger zu Besuch, den hat nur eines interessiert: Wie kann es sein, dass im Industrieland Baden-Württemberg, in dem 60 Jahre die CDU regiert hat, ausgerechnet ein Grüner Ministerpräsident wird?", erinnert sich Kretschmann.  

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Ex-Außenminister Joschka Fischer lobt Kretschmann

Tatsächlich ist die Antwort auf diese Frage vielschichtig. Zum einen liegt sie sicherlich in der Person Winfried Kretschmanns begründet. "Kretschmann war so, wie sich die Schwaben einen Ministerpräsidenten gebacken hätten, wenn sie sich einen hätten backen dürfen. In der CDU-Parteizentrale müssen sie vor Wut in den Tisch gebissen haben, denn so einen hätten sie gerne gehabt. Hatten sie aber nicht", so Joschka Fischer, Weggefährte Kretschmanns und ehemaliger grüner Außenminister.

Was er meint: Mit seinem konservativen Profil, seiner Heimatverbundenheit, Mitgliedschaft im Schützenverein, katholische Internatsvergangenheit, war der Grüne Kretschmann selbst in konservativen Kreisen Baden-Württembergs wählbar.

Erst im August hatte Kretschmann den Rekord als Ministerpräsident mit der längsten Amtszeit in Baden-Württemberg gebrochen:

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Äußere Umstände verhelfen Kretschmann zum Wahlsieg 2011

Doch hätte das gereicht für jenen Erdrutschsieg im März 2011? Als die Grünen nach Jahrzehnten CDU-Regierung gemeinsam mit der SPD Regierungsverantwortung übernahmen? Wohl kaum. Doch zu der starken Personalie Kretschmann gesellten sich starke äußere Umstände. Zum einen war da eine schon lange gärende Unzufriedenheit vieler Bürgerinnen und Bürger mit der Arbeit des amtierenden CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus.

Dann noch der Konflikt um Stuttgart 21, der im sogenannten "schwarzen Donnerstag" gipfelte, als Demonstrantinnen und Demonstranten mit Wasserwerfern und Tränengas vom Bauplatz des Milliarden-Bahnprojekts vertrieben wurden. Und dann noch das: Ein Seebeben vor der japanischen Küste. Im Kernkraftwerk von Fukushima wird radioaktive Strahlung freigesetzt. "Als ich von dieser Nachricht im Radio gehört habe, kurz vor der Landtagswahl, hab ich gesagt: Für die Grünen in Baden-Württemberg dürfte die Wahl gelaufen sein. Zu deren Gunsten", erinnert sich Politologin Ursula Münch.

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Zunächst wirtschaftsfeindliches Image und Gegenwind aus Bayern

Winfried Kretschmann gewinnt die Wahl. Und verspricht nicht weniger als einen Politikwechsel im Land. "Wir werden den versprochenen Weg in die Bürgergesellschaft gehen", sagt er am Wahlabend in seiner Antrittsrede, "und wir werden diesen Politikwechsel mit der Bevölkerung in Baden-Württemberg zusammen einleiten". Ist ihm das gelungen? Nach drei Legislaturperioden, nach 15 Jahren im Amt?

Sicher, die Anfänge waren schwierig. Vor allem aus den Reihen der Wirtschaft kamen Vorbehalte. Würde grüne Politik den Wirtschaftsstandort, das Autoland Baden-Württemberg, in den Ruin treiben? "Wir hatten ein wirtschaftsfeindliches Image", so Winfried Kretschmann rückblickend. "Der bayerische Nachbar hat nach drei Wochen meines Amtes die Unternehmen aufgefordert, nach Bayern umzusiedeln. Ich wüsste aber nicht, dass das jemand gemacht hat."

Verbindung von Wirtschaft und Ökologie - Stärke oder Schwäche Kretschmanns?

Tatsächlich ist heute von diesem "wirtschaftsfeindlichen Image" nicht mehr viel geblieben. Kretschmanns Politik war immer eine der Kompromisse, Ökonomie und Ökologie zu vereinen, immer sein Anliegen. Für manche ein Zeichen der Stärke, der ausgleichenden Politik.

Andere sehen darin durchaus einen Schwachpunkt: "Es ist dieser fast schmerzhafte Pragmatismus, den dieser Mann verkörpert, der überall versucht, eine Lösung zu finden", analysiert Politologin Ursula Münch. "Es ist diese Bereitschaft, zumindest ein bisschen was voranzubringen, aber es ist dann auch immer nur ein bisschen."

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Rückschläge nach Rekordwahlergebnis

Doch es reicht aus, um wiedergewählt zu werden, nicht nur einmal, sondern zweimal. 2021 sogar mit dem Rekordergebnis von 32,6 Prozent. Die Grünen werden stärkste Kraft im Land, weit vor der CDU. Doch Kretschmann erlebt auch Rückschläge. Die Bauernproteste im Land. Die zunehmende Unzufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger mit der Ampel-Regierung. Die Europawahl, bei der die Grünen bundesweit massiv Stimmen verlieren, vor allem bei den jungen Wählern.

Zu denen hat Winfried Kretschmann ohnehin ein schwieriges Verhältnis. "Das sind völlig andere Lebenswelten", so die Weggefährtin und ehemalige grüne Staatsrätin Gisela Erler. "Er versteht das gar nicht, ihm ist das fremd, auch alles rund um 'queer' und so, das ist für ihn anstrengend." Auch mit der Protestbewegung "Fridays for Future" oder mit den Klimaklebern der "Letzten Generation" kann der Ministerpräsident wenig anfangen. "Jeder Mensch wird erwachsen", kommentiert Kretschmann deren Umtriebe.

Nach Austritt aus "Sekte": Kretschmann kämpfte gegen Grünen-Fundis

Und er weiß, was er sagt, war er doch selbst als Student, Mitglied des Kommunistischen Bundes Westdeutschland. Eine "Sekte", wie er es heute bezeichnet, aus der sich zu lösen, schwierig war. Aber er hat es geschafft. Wurde zum Shootingstar des konservativen Lagers der Grünen. "Ich war ein Hardcore-Realo und habe gegen die Fundis, aus welcher Ecke sie auch gekommen sind, immer hart gefighted", so Kretschmann in einem Jargon, den man selten von ihm hört.

Denn viel näher als Jugendsprache liegt ihm die Hochkultur. An einem Vorweihnachtstag im Dezember 2022 steht eine Straßenverkäuferin der Obdachlosenzeitung vor der Stuttgarter Oper. Eine kleine Frau mit Brille und sorgsam gelegten Locken, zwei Einkaufstüten in der Hand, kauft ihr eine Zeitung ab.

Es ist die First Lady Baden-Württembergs, Gerlinde Kretschmann. Nach einigen Minuten lockeren Geplauders wird das auch der Straßenverkäuferin klar: "Ich hab Sie gar nicht erkannt", sagt die, und: "Wissen Sie, Ihr Mann ist mir nicht so sympathisch. Nicht böse sein." "Nein, nein", entgegnet Gerlinde Kretschmann. "Mir ist er sympathisch, seit vielen, vielen Jahren, aber das muss ja nicht sein."

Vorwürfe des "Verrats" aus der eigenen Partei

Vielleicht ist es diese Art der Gelassenheit, die es braucht, um 15 Jahre an der Spitze eines Landes zu stehen, das man in vielen Dingen weitergebracht hat. In dem man aber auch viele enttäuschen musste. Vor allem eingefleischte Grüne werfen Winfried Kretschmann immer wieder vor, die "grüne Sache verraten" zu haben. Auch Gegner von Stuttgart 21 hatten sich vom ersten grünen Ministerpräsidenten mehr erhofft, nämlich den Ausstieg aus dem Milliardenprojekt.

An diesem Abend im Dezember nun steht Winfried Kretschmann gemeinsam mit Gattin Gerlinde auf dem Balkon der Stuttgarter Oper und blickt über die Innenstadt. Der "Nussknacker" pausiert, Zeit für ein paar tiefe Gedanken à la Kretschmann. Über das Leben. Über das Regieren: "Man braucht, religiös gesagt, Gottes Segen, profan gesagt 'fortune'. Und Demut muss man immer haben. Man ist ja vom Volk gewählt. Und das ist eine launische Diva, da ist man nie sicher."

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