Rekord in der Villa Reitzenstein

Der ewige Kretschmann - seit 5.203 Tagen BW-Ministerpräsident

Der erste grüne Regierungschef ist der Ministerpräsident mit der längsten Amtszeit in Baden-Württemberg. Wie er an die Macht kam und was seine letzte Amtszeit bestimmte.

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Von Autor/in Knut Bauer

Der Eintrag in die Geschichtsbücher war ihm ohnehin schon sicher: Winfried Kretschmann ist der erste und bis heute der einzige Ministerpräsident der Grünen in Deutschland. Jetzt sorgt der 77-Jährige für einen weiteren Rekord: Nach 14 Jahren und drei Monaten als Ministerpräsident zieht er am 8. August mit CDU-Urgestein Erwin Teufel gleich, am 9. August überholt er ihn. Mit dann 5.204 Tagen im Amt ist Kretschmann der Ministerpräsident mit der längsten Amtszeit in der Geschichte Baden-Württembergs. 

Winfried Kretschmann: Von der Uni Hohenheim in den BW-Landtag

Noch ist für Winfried Kretschmann nicht Schluss. Auch wenn es für ihn gut ein halbes Jahr vor der Landtagswahl im März 2026 auf die Zielgerade geht. Er wird nicht mehr kandidieren und tritt dann ab von der politischen Bühne, die er in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren so wesentlich geprägt hat. Dabei war damit nicht zu rechnen, als der studierte Gymnasiallehrer für Biologie und Chemie Ende der 70er-Jahre erst nach einer Überprüfung Beamter im Staatsdienst wurde.

Denn Kretschmann war während seines Studiums an der Uni Hohenheim in der Hochschulgruppe des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands aktiv. Wegen des Radikalenerlasses drohte ihm ein Berufsverbot. Jahre später bezeichnete er das maoistische Engagement in der Studienzeit als fundamentalen politischen Irrtum seiner 68er Sozialisation. 

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Kretschmann blieb politisch aktiv. 1979 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Grünen und zog für die neue Partei 1980 erstmals in den baden-württembergischen Landtag ein. 1986 wechselte der Schwabe nach Hessen: Kretschmann arbeitete im Grundsatzreferat des damaligen grünen hessischen Umweltministers Joschka Fischer. 

1988 kam Kretschmann zurück ins Ländle und in den Landtag. Dem gehört er seither mit einer Unterbrechung an, von 2002 bis 2011 war er Fraktionsvorsitzender der Grünen. In dieser Funktion trat er bei der Landtagswahl 2011 als Spitzenkandidat seiner Partei an.

Erster Ministerpräsident der Grünen: Kretschmanns Weg an die Macht 

Es war die heiße Phase in der Auseinandersetzung um das Milliarden-Bahnprojekt Stuttgart 21. Der schwarze Donnerstag im Stuttgarter Schlossgarten mit dem harten Wasserwerfer-Einsatz der Polizei hatte wenige Monate zuvor für Schlagzeilen gesorgt. Das hat den Grünen als Gegner des Bahnprojekts bei der Landtagswahl im März 2011 zusätzliche Stimmen beschert. Auch der ruppige Stil des Günther Oettinger-Nachfolgers Stefan Mappus (beide CDU) im Amt des Ministerpräsidenten dürfte manchen Stammwähler der damaligen Regierungspartei CDU abgeschreckt haben.

Letztlich war es aber das Reaktorunglück von Fukushima, das den Kernkraft-Befürworter Mappus wenige Tage vor der Landtagswahl schwer in Bedrängnis gebracht und Kretschmann unerwartet Auftrieb beschert hat. Er holte mit den Grünen 24 Prozent der Stimmen und konnte mit der SPD eine neue Regierung bilden. Auch wenn die CDU mit 39 Prozent stärkste Kraft blieb - sie war abgewählt.

Ministerpräsident und Landesvater Kretschmann

Mit Winfried Kretschmann wurde im Mai 2011 zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ein Grüner Ministerpräsident eines Bundeslandes. Zweimal wurde Kretschmann wiedergewählt. 2016 holte er mit den Grünen gut 30 Prozent der Stimmen und überholte die CDU. Für die war damit endgültig klar, dass die Wahlniederlage 2011 kein Betriebsunfall war, sondern dass die Rolle des Landesvaters mit Winfried Kretschmann perfekt besetzt wurde. Den Grünen in Baden-Württemberg bescherte er damit einen wahren Höhenflug. Bei der Landtagswahl 2021 erreichten sie mit Kretschmann an der Spitze mehr als 32 Prozent. Der CDU blieb nur noch die Rolle des Juniorpartners in der Landesregierung.

Winfried Kretschmann (Bündnis 90Die Grünen) schwört im Landtag in Stuttgart nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg seinen Amtseid (Archivfoto vom 12.05.2011).
Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) schwört im Landtag in Stuttgart nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg seinen Amtseid (Archivfoto vom 12.05.2011).

Seit neun Jahren steht Kretschmann an der Spitze von Grün-Schwarz. Der gläubige Katholik hat mit seiner Popularität als konservativer Grüner und seinem präsidialen Regierungsstil die einstige Dauerregierungspartei CDU vorübergehend klein gehalten. Der Stachel dürfte bei der CDU jetzt noch tiefer sitzen, wenn sie nicht mal mehr den Ministerpräsidenten mit der längsten Amtszeit stellt.

Kretschmanns Klimapolitik - viele Ziele verfehlt

Was die Klimapolitik betrifft, sieht die Bilanz der grün-geführten Landesregierung eher mau aus. Vom Ziel, 1.000 neue Windräder bis zum Ende dieser Legislaturperiode zu bauen, ist das Land weit entfernt. Immerhin sind neben den 800 bestehenden weitere 1.300 Windräder in Planung, nachdem die Planungszeiten halbiert worden sind. Positiv ist auch der Zuwachs bei der Photovoltaik. Dennoch verfehlt die Landesregierung ihre im Klimaschutzgesetz selbst gesteckten Ziele und ist deshalb von der Deutschen Umwelthilfe verklagt worden. Die Organisation will gerichtlich ein Klimaschutz-Sofortprogramm erreichen, von dem Winfried Kretschmann nichts wissen will.

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Ministerpräsident Kretschmann: Krisen prägen die dritte und letzte Amtszeit

Vielleicht auch deshalb, weil den Grünen-Regierungschef andere Probleme umtreiben. Kretschmann spricht vom schwierigsten Jahr seiner Amtszeit. Die Konjunkturkrise hat das exportstarke Wirtschaftsland Baden-Württemberg erfasst, die Automobilindustrie leidet unter der Transformation und der Trumpschen Zollpolitik. Das setze auch die Gesellschaft unter Stress, sagt Kretschmann. In seiner letzten Amtsperiode jagt eine Krise die nächste. Erst Corona mit weitreichenden Grundrechtseingriffen. "Mir brennt der Kittel und zwar volle Kanne", sagte Kretschmann damals und agierte im Team Vorsicht.

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Dann der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die Energiekrise. Kretschmann empfahl, statt zu duschen auch mal zum Waschlappen zu greifen. Das brachte ihm bundesweit Aufmerksamkeit ein. Sein Kommentar: "Der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung - das habe ich deswegen gesagt, weil ich es so mache. Ich bin ein überzeugter Anhänger des Säureschutzmantels der Haut."

Ende der Kretschmann-Ära: Wer ist sein Nachfolger?

Über all diesen Krisen hat es Kretschmann allerdings versäumt, seine Nachfolge zu regeln. Weit und breit gibt es keinen Grünen-Politiker in den eigenen Reihen, der ihm hätte nachfolgen können. Jetzt soll es Cem Özdemir richten, Berliner Polit-Import mit schwäbischen Wurzeln. Seine Partei liegt im Augenblick allerdings in allen Umfragen weit hinter der CDU, für die Landeschef Manuel Hagel antritt. Seine Maßgabe: "Das politische Erbe von Winfried Kretschmann wird bei uns in guten Händen sein."

Wer ihn beerbt, werden die Wähler am 8. März 2026 entscheiden. Nach der Landtagswahl wird sich Winfried Kretschmann mit dann 78 Jahren in den Ruhestand verabschieden. Als erster grüner Ministerpräsident der Republik und als Regierungschef mit der längsten Amtszeit in Baden-Württemberg. Aber daraus macht er sich nicht viel. Kretschmann kommentiert den Rekord in der ihm eigenen Art: "Bis die Fußnoten in den Geschichtsbüchern kommen, bin ich verfault in der Erde."

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Knut Bauer
SWR-Reporter und -Redakteur Knut Bauer

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