Digitale Technologien sind im Alltag von Kindern und Jugendlichen omnipräsent. Nach welchen Prinzipien Laptops, Smartphones und Apps funktionieren, wissen viele allerdings nicht. Fachleute fordern deshalb schon lange, dass Informatik in allen Bundesländern fester Bestandteil des Lehrplans wird - und nicht nur in freiwilligen Kursen angeboten wird.
Bislang gehörte Rheinland-Pfalz zu den sieben Bundesländern, in denen Informatik kein reguläres Schulfach war. Das ändert sich nun: Ab dem neuen Schuljahr wird das Fach an 28 Pilotschulen für die Klassenstufen 7 bis 10 verpflichtend - für eine Stunde pro Woche. Zum Schuljahr 2028/29 gilt das dann für alle weiterführenden Schulen im Land.
IT-Experten: Grundstein für digitale Teilhabe
Anna Sarah Lieckfeld, Teamleiterin für die Themen Bildung und Gesellschaft bei der Gesellschaft für Informatik (GI), sieht darin einen entscheidenden Fortschritt. Rheinland-Pfalz lege damit "den Grundstein für eine Zukunft, in der informatische Kompetenzen in der Breite der Gesellschaft ankommen".
Der Schlüsselbegriff für Lieckfeld, die schon einmal mit SWR Kultur über das Thema gesprochen hat: digitale Teilhabe. Das bedeute, die passenden Geräte zu besitzen - aber auch das Wissen und die Fähigkeiten, um sich in der digitalen Welt zurechtzufinden. "Passiv daran teilnehmen kann ohne Wissen vielleicht gelingen. Aber das ist nicht das, wofür die Schule da ist - und auch nicht das, was wir uns für die Menschen vorstellen", so Lieckfeld.
Schule Informatik als Pflichtfach – Was Schüler lernen sollten
Wer in der digitalen Welt bestehen will, braucht informatische Bildung. In vielen Bundesländern findet Informatik-Unterricht aber nur im Wahlbereich statt.
Studien: Vor allem Mädchen profitieren von Pflichtfach Informatik
Ähnlich sieht das auch Mathias Winde. Er ist beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft zuständig für Studien und Analysen zum Thema Zukunftskompetenzen. "Da geht es beispielsweise darum, an politischen Prozessen zu partizipieren, sich eine Meinung zu bilden im Internet. Und dafür muss man auch wissen, wie bestimmte Informationen in der digitalen Welt aufbereitet werden."
Studien zeigen, dass verpflichtender Informatikunterricht in der Mittelstufe Jugendliche dazu motiviert, das Fach auch in der Oberstufe zu wählen. Dadurch wiederum haben die Schülerinnen und Schüler eine gute Basis für spätere Jobs. Und: Vor allem Mädchen profitieren demnach, da Stereotype aufgebrochen werden. Ist Informatik ein freiwilliges Fach, wählen das nämlich hauptsächlich Jungs.
In den Bundesländern, die ein Pflichtfach Informatik haben, sehen wir keinerlei signifikante Kompetenzunterschiede zwischen Mädchen und Jungen.
"In den Bundesländern, die ein Pflichtfach Informatik haben, sehen wir in der neunten Klasse keinerlei signifikante Kompetenzunterschiede zwischen Mädchen und Jungen. In den Bundesländern, wo wir kein Pflichtfach Informatik haben, geht die Schere zwischen Jungs und Mädchen deutlich auseinander", erklärt Winde.
Schüler und Lehrer in RLP befürworten Einführung
Und was sagen die, die es am meisten betrifft? Die Landesschüler*innenvertretung (LSV) Rheinland-Pfalz sieht die Einführung von Informatik als Pflichtfach grundsätzlich positiv. "Digitale Kompetenzen werden immer wichtiger, nicht nur im späteren Berufsleben, sondern auch im Alltag. Ein verpflichtender Informatikunterricht kann dabei helfen, allen Schüler:innen die gleichen Chancen zu geben, sich mit Themen wie Programmieren und Datenschutz auseinanderzusetzen", sagt Landesvorstandsmitglied Jurij Klaeger.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Rheinland-Pfalz (GEW) befürwortet ebenfalls die Einführung von Informatik als regulärem Schulfach. Die Teilnahme aller Schülerinnen und Schüler am Informatikunterricht hält die GEW "für einen wichtigen Beitrag zur Ermöglichung von selbstbestimmtem Handeln im digitalen Zeitalter".
Personal oft überlastet Mehr als 30 Grundschulen in Rheinland-Pfalz ohne Leitung
Der Trend setzt sich fort: In Rheinland-Pfalz sind derzeit 31 Leitungen an Grundschulen nicht besetzt. Das sind acht mehr als im vergangenen Jahr.
Personal und Ausstattung als große Herausforderungen
Beide Interessengruppen, die der Schülerinnen und Schüler wie die der Lehrkräfte, sehen aber durchaus auch Herausforderungen. "Ein großes Problem ist, dass an einigen Schulen schlichtweg die technische Ausstattung fehlt - sei es an Geräten, stabilen Internetverbindungen oder Softwarelizenzen", sagt LSV-Mitglied Klaeger. Die GEW stimmt dem zu und sieht hierbei die Schulträger in der Pflicht.
Wenn Informatik fachfremd unterrichtet wird oder Lehrkräfte selbst nicht ausreichend fortgebildet sind, leidet die Qualität.
Hinzu komme die Personalfrage: Laut GEW stehen während der Pilotphase und auch in absehbarer Zukunft nicht ausreichend Informatik-Lehrkräfte zur Verfügung. Deshalb müssten Anreize und auch Entlastung für Lehrerinnen und Lehrer geschaffen werden, die sich weiterbilden möchten. Die LSV sagt dazu: "Wenn Informatik fachfremd unterrichtet wird oder Lehrkräfte selbst nicht ausreichend fortgebildet sind, leidet die Qualität und dann macht der Unterricht oft auch weniger Spaß oder bringt weniger."
Auch hinsichtlich des Stundenplans äußert die GEW Bedenken. Dass zugunsten des Informatikunterrichts Stunden in anderen Fächern wie Physik wegfallen sollen, würde zu einer "Verschlechterung der naturwissenschaftlichen Ausbildung führen".