Orthez ist eine malerische Kleinstadt in Südwesten Frankreichs, nicht weit entfernt von der Landesgrenze zu Spanien. Von Koblenz sind es nach Orthez mit dem Auto etwa 1.356 Kilometer Fahrt. Hier wachsen Zitronen, Oleander und Aloe Vera. Könnte so die Vegetation von Koblenz in etwa 50 Jahren aussehen?
Nach den Berechnungen der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau wäre das zumindest eine Möglichkeit. Die Forscher haben Orthez als den sogenannten "Klimazwilling" von Koblenz identifiziert. Das bedeutet: wenn die Erderwärmung so zunimmt wie bisher, herrschen in Koblenz ab 2075 ähnliche klimatische Voraussetzungen wie in der südfranzösischen Kleinstadt.
Klimazwillinge für fünf Städte in RLP berechnet
Die Berechnung, die das Uni-Team von Stadtklimatologe Sascha Henninger extra auf SWR-Anfrage erstellt hat, zeigen weitere Klimazwillinge in Rheinland-Pfalz: Ludwigshafen und italienische Stadt Terni, die etwa 100 Kilometer nördlich von Rom liegt, Trier und Brive la Gaillard in der Nähe von Bordeaux in Südwest-Frankreich. Der Klimazwilling von Mainz ist Gaillac (Südfrankreich) und Kaiserslautern hat die nordspanische Stadt Calatayud zugewiesen bekommen.
Die Grundlage für die Berechnungen sind nach Angaben von Henninger Wetterdaten wie Luft- und Oberflächentemperatur, Luftfeuchtigkeit, sowie Windgeschwindigkeiten. Diese Daten werden dann auf Basis aktueller Klimaprognosen hochgerechnet. Für das Modell wurde demnach das Klimaszenario genutzt, das davon ausgeht, dass keine bis wenig Maßnahmen getroffen werden, um dem Klimawandel entgegen zu wirken.
Prognose wird mit aktuellen Klimadaten verglichen
Die Werte, die bei dieser Berechnung herauskommen, werden dann mit Messwerten der Gegenwart verglichen. Heißt im Beispiel für Koblenz: In Orthez herrschen heutzutage klimatische Bedingungen wie sie für Koblenz Ende des Jahrhunderts prognostiziert werden. Henninger räumt ein, dass andere Faktoren, wie zum Beispiel Höhenmeter und Kessellagen bislang nicht einberechnet werden, der Algorithmus werde dementsprechend noch überarbeitet.
Die Idee der Klimazwillinge ist nicht neu, neben dem Projekt der TU Kaiserslautern gibt es auch noch andere Berechnungen. Doch wofür braucht es eigentlich überhaupt so etwas wie Klimazwillinge? Mit ihrer Forschung möchten die Wissenschaftler aus Kaiserslautern nach eigenen Angaben mehr Aufmerksamkeit auf die Klimawandelfolgen legen und verdeutlichen, wie sich die Voraussetzungen für das Leben in größeren Städten bei uns ändern könnten. Darauf müssten sich die Verantwortlichen einstellen.
Nur wenig Akzeptanz für Klimaanpassungsmaßnahmen
Henninger weiß, wie wenig Akzeptanz es immer noch für Klimaanpassungsmaßnahmen gibt, betont aber, wie wichtig es ist, sich damit zu beschäftigen. Der Wissenschaftler spricht dabei gezielt Stadtplaner an und will sie dazu motivieren, sich in den Zwillingsstädten umzuschauen: "Der Klimazwilling kann eine Hilfe sein, um politischen Entscheidungsträgern ein Gefühl dafür zu geben, zu visualisieren - wo wandern wir hin, worauf müssen wir uns einrichten?" Man könne sich so etwa in Sachen Bauen oder Grüngestaltung etwas abschauen.
"Der Klimazwilling kann eine Hilfe sein, um politischen Entscheidungsträgern ein Gefühl dafür zu geben, zu visualisieren - wo wandern wir hin, worauf müssen wir uns einrichten?"
Genau das hat die Trierer Klimaschutzmanagerin Julia Hollweg gemacht - zwar nicht in Brive la Gaillard, aber in der marokkanischen Partnerstadt Tétouan. In der Altstadt sei ihr vor allem aufgefallen, wie Pflanzen über die engen Gassen gespannt waren und den Spaziergängern Schatten spendeten. "Dadurch war es auch auch in der Mittagshitze angenehm", sagt Hollweg. Mehr Pflanzen und Bäume in der Innenstadt, das sei ein Kernelement, um sich auf extremere Temperaturen einzustellen.
Dazu gibt es aktuell auch schon ein Projekt vom Bund, das mit 4,2 Millionen Euro gefördert wird. Der Trierer Aleenring - eine grüne Lunge der Stadt - soll an das künftige Klima der Stadt angepasst werden. "Dabei sollen Wege entsiegelt werden und andere Bäume angepflanzt werden, etwa Esskastanien und Tulpenbäume", sagt Simone Goltz, die für das Projekt zuständig ist. Alte Arten wie etwa die Ahornbäume hätten es dagegen schwer.
Klimazwillinge bekannt, aber wenig genutzt
Wie eine SWR-Recherche ergeben hat, ist das Modell der Klimazwillinge in vielen Verwaltungen rheinland-pfälzischer Städte bekannt, aber nur wenige nutzen es bisher aktiv für ihre Arbeit. In Koblenz etwa werden nach Angaben der Stadtverwaltung stattdessen die vom Landesamt für Umwelt erstellten Klimaprognosen genutzt, um sich für die Zukunft fit zu machen.
Stadt will klimaresilient werden Wie sich Koblenz vor Hitze schützen will
Durch den Klimawandel wird es in Koblenz zunehmend heißer. Die Stadt hat das Problem erkannt, aber der Hitzeschutz geht trotz vieler Ideen nur langsam voran.
Die Stadt Koblenz stellt sich demnach auf wärmere Durchschnittstemperaturen sowie mehr heiße und warme Tagen ein, mehr Trockenheit sowie häufige Starkregenereignisse. Um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie man diesen Bedingungen am besten begegnen kann, wird gerade im Stadtteil Koblenz-Rauental ein Forschungs-Projekt durchgeführt. Dabei spielen Wasserspeicher eine große Rolle.
Kritik am Modell der Klimazwillinge
Die Leiterin des des Waldbildungszentrum Rheinland-Pfalz in Hachenburg, Monika Runkel, glaubt nicht daran, dass es eine Verschiebung von Klimazonen von Süd nach Nord geben wird und sieht die Klimazwillinge daher eher kritisch: "Es ist nicht so, dass es einfach nur ein paar Grad wärmer wird und weniger regnet - aber diese extremen Witterungen werden mehr."
"Es kann immer noch sein, dass es wieder mal minus 20 Grad wird bei uns"
Bei heutigen Baumpflanzungen ab sofort auf mediterrane Gewächse zurückzugreifen, hält Runkel mit Blick auf mögliche Bodenfröste daher für nicht sinnvoll: "Es kann immer noch sein, dass es wieder mal minus 20 Grad wird bei uns". Dass in Koblenz in 50 Jahren Zitronen, Oleander und Aloe Vera das Landschaftsbild beherrschen, ist da vielleicht dann doch eher unwahrscheinlich.