Betroffene teils bis heute traumatisiert

Kinderverschickungen: Ein Rückblick auf Erholungsheime auch aus dem Westerwald

Zwischen den 1950er und 1990er Jahren wurden in Deutschland schätzungsweise acht bis zwölf Millionen Kinder zur Kur in Erholungsheime geschickt, auch im Westerwald. Einige haben dort traumatisierende Erfahrungen gemacht.

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Von Autor/in Christoph Bröder

Im Westerwald gab es solche Einrichtungen etwa in Asbach, Altenkirchen und Rehe. Sie haben damals mit der waldreichen Landschaft, der guten Luft und mit viel Sonne geworben. Das alles sollte zur Gesundheit der Kinder beitragen. Doch die Geschichte der Erholungsheime trägt auch ein dunkles Kapitel in sich.

Junge Westerwälderin forscht zur Kinderverschickung

Louisa Stockschläder aus Siershahn im Westerwald forscht im Rahmen ihres Studiums zur sogenannten Kinderverschickung. Es war bereits Thema ihrer Masterarbeit, derzeit promoviert sie auch dazu. "Zu diesem Thema wurde noch nicht viel geforscht, es ist aber wichtig das aufzuarbeiten, weil mehrere Millionen Kinder damals in diesen Erholungsheimen waren."

Louisa Stockschläder bei einem Vortrag zum Thema Kinderverschickung im Landeshauptarchiv in Koblenz.
Louisa Stockschläder bei einem Vortrag zum Thema Kinderverschickung im Landeshauptarchiv in Koblenz.

Die Intention der Heime ist laut Stockschläder grundsätzlich gut gewesen: Geschwächte Kinder, vor allem Arbeiterkinder aus den Städten, sollten durch mehrwöchige Kuren aufgepäppelt werden und sich erholen. Oder dort ihre zum Teil chronischen Krankheiten auskurieren. Die Altersspanne reichte dabei von vier- bis vierzehnjährigen Kindern, die meist mit dem Zug in solche Heime geschickt wurden. Oft hunderte Kilometer von zu Hause entfernt.

Kinder erlebten körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt

Louisa Stockschläder ist es wichtig zu betonen, dass die bisher bekannten Erfahrungsberichte von Zeitzeugen nur einen kleinen Einblick in die Thematik geben. Nicht alle Kinder haben dort schlechte Erfahrungen gemacht. Dennoch gibt es viele Fälle von körperlicher, psychischer und sogar sexualisierter Gewalt.

Auch Betroffene aus den Westerwälder Erholungsheimen berichten davon. "Es kam öfter vor, dass Kinder ihr Erbrochenes wieder aufessen mussten", sagt Stockschläder. Das Essen war häufig von schlechter Qualität, die Kinder mussten es dennoch aufessen, wodurch ihnen teils übel wurde. Nachts durften die Kinder nicht auf die Toilette gehen, es gab Mobbing untereinander und die Briefe der Kinder an ihre Eltern wurden teilweise durch das Heimpersonal zensiert.

Das Erholungsheim in Asbach war eine von mehreren Einrichtungen dieser Art im Westerwald.
Das Erholungsheim in Asbach war eine von mehreren Einrichtungen dieser Art im Westerwald. Landeshauptarchiv Koblenz

Das Personal war zudem oft nicht ausreichend für die Arbeit mit Kindern qualifiziert, so Stockschläder. Einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten bereits im Nationalsozialismus in ähnlichen Einrichtungen gearbeitet. Die verfestigte NS-Ideologie war deshalb in den Heimen der Nachkriegszeit oft noch spürbar.

Westerwälder durch Erholungsheim auf Föhr geprägt

Damals kamen auch Kinder aus dem Westerwald in Heime in anderen Teilen von Deutschland unter. So wie Johannes Heibel aus Siershahn im Westerwald. Er wurde 1967 mit elf Jahren zur Kur in ein Erholungsheim auf die Insel Föhr geschickt. Er hatte Heuschnupfen, die Seeluft sollte dagegen helfen. In den sechs Wochen dort hat er Dinge erlebt, die sein weiteres Leben geprägt haben.

Er erinnert sich etwa an seine junge Gruppenbetreuerin, die ihn und die anderen Kinder beim Duschen beaufsichtigt hat. "Sie hat mich immer wieder gefragt, ob sie mir dabei helfen soll, meine Genitalien zu waschen. Das war für mich sehr beschämend", sagt Heibel. Außerdem wurden den Kindern zum Beispiel persönliche Gegenstände weggenommen. Und Briefe der Kinder an ihre Eltern zu Hause wurden von der Heimleitung zensiert.

Johannes Heibel hat Betreuerin Jahre später getroffen

Jahre später hat Johannes Heibel diese Erlebnisse aufgearbeitet und viel recherchiert. Er hat sogar seine damalige Betreuerin ausfindig gemacht und getroffen. Und sie mit ihrem Verhalten konfrontiert. "Ihr war wichtig, dass ich ihr verzeihe. Ich sagte, ich kann dir nicht verzeihen, du hast mich belogen und Sachen getan, die nicht in Ordnung waren."

Johannes Heibel hat seinen Aufenthalt in einem Erholungsheim selbst aufgearbeitet.
Johannes Heibel hat seinen Aufenthalt in einem Erholungsheim selbst aufgearbeitet.

Trotzdem hat Johannes Heibel seinen Frieden damit gemacht. Die Insel Föhr ist längst seine Lieblingsinsel geworden und er fährt regelmäßig mit seiner Frau dorthin in Urlaub. Aufgrund seiner Erlebnisse ist er Sozialpädagoge geworden und hat die "Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen" mitgegründet. Seit vielen Jahren hilft er so anderen Kindern ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.



Ein Betroffener erinnert sich Demütigung und Misshandlung im Bad Kreuznacher Viktoriastift

Es waren Millionen Kinder, die in den 50ern bis in die 80er-Jahre zur Kur geschickt wurden. Doch statt Erholung erfuhren viele in den Heimen Demütigung und Misshandlung.

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