"Lehrkräfte fühlen sich allein gelassen"

Landau: Wissenschaftlerinnen warnen vor Antisemitismus schon an Grundschulen

Antisemitismus gehört schon in Grundschulen zum Alltag, sagen zwei Wissenschaftlerinnen aus Landau. Sie beschreiben, wie sich Antisemitismus dort zeigt und sie fordern Konsequenzen.

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Von Autor/in Birgit Baltes

Den Hitler-Gruß zeigen, judenfeindliche Schimpfwörter verwenden oder Hakenkreuze an Wände schmieren - all das komme in rheinland-pfälzischen Schulen vor, auch schon an Grundschulen, sagt Anne Deckwerth vom Erziehungswissenschaftlichen Fort- und Weiterbildungsinstitut (EFWI) der evangelischen Kirchen in Rheinland-Pfalz mit Sitz in Landau.

Sie gibt seit sechs Jahren Fortbildungen für Lehrkräfte, auch zum Thema Demokratie und Antisemitismus und sie geht dafür in die Schulen. Das bestätigt auch Miriam Leuchter, Professorin für Grundschulpädagogik an der RPTU in Landau. Woher die beiden das wissen? Aus Rückmeldungen von Lehrkräften und Studierenden, die Praktika an Grundschulen machen.

Die Erziehungswissenschaftlerinnen Miriam Leucht und Anne Deckwerth
Anne Deckwerth, stellvertretende Leiterin des Erziehungswissenschaftlichen Fort- und Weiterbildungsinstituts der evangelischen Kirchen in Rheinland-Pfalz in Landau (rechts) und Miriam Leuchter, Professorin für Grundschulpädagogik, Schwerpunkt Sachkunde, an der RPTU in Landau.

Antisemitische Verschwörungstheorien und Geheimcodes

Dabei sei Antisemitismus an Schulen kein neues Problem, aber es sei sichtbarer geworden. Denn in den Schulen wie auch in der Gesellschaft hätten sich "die Grenzen des Sagbaren verschoben", so Miriam Leuchter und Anne Deckwerth. Und weiter: "Er ist auch sichtbarer, weil vieles im Netz eingestellt wird, was wiederum sichtbar gemacht wird. Etwa weil es Meldestellen gibt."

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Hier sei auch latenter, also nicht offen sichtbarer, Antisemitismus ein Thema an den Schulen, sagt Anne Deckwerth. Da gehe es um Emojis und Zeichen, die verdeckt als antisemitische Symbole verwendet werden. Zudem kursierten in den sozialen Medien Begriffe und judenfeindliche Symbole unterschiedlichster Verschwörungstheorien. (Beispiele dafür sind Globalismus, Rothschild-Verschwörung, Ostküstenkapital usw. Anmerkung der Redaktion).

Das sei für die Lehrkräfte oft gar nicht zu erkennen. Und sie seien auch immer wieder verunsichert, wie sie die Handlungen der Kinder einordnen sollen, so Anne Deckwerth. So würden Lehrkräfte etwa fragen, ist das überhaupt antisemitisch, wenn ein Kind, ein anderes, nicht jüdisches Kind mit 'Du Jude" betitle.

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Doch zur Wahrheit gehöre auch: Jüdische Familien verstecken ihr Jüdisch-Sein, so Deckwerth: "Da gibt es auch neuere Veröffentlichungen, die eben ganz deutlich formulieren, dass Jüdinnen und Juden zunehmend ihr Jüdisch-Sein nicht öffentlich machen und auch ihren Kindern sagen, dass sie vorsichtig sein sollen."

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Antisemitismus auch in der Mitte der Gesellschaft

Es sei eine Fehleinschätzung, dass Antisemitismus in erster Linie von Menschen muslimischen Glaubens ausgehe, sagen die beiden Wissenschaftlerinnen. Auch in verschiedenen Gruppierungen im rechtsextremen und linksextremen Spektrum sei Antisemitismus sehr stark verbreitet.

Außerdem zeige eine neuere repräsentative Studie der Friedrich-Ebert- Stiftung: Antisemitismus gibt es auch zunehmend in der Mitte der Gesellschaft. Leuchter und Deckwerth warnen davor, das Problem einseitig den "Muslimen" zuzuschieben, nach dem Motto: "Wir Deutsche sind nicht antisemitisch."

Lehrkräfte fühlen sich allein gelassen

Viele Lehrkräfte an Grundschulen melden an die Erziehungswissenschaftlerin Deckwarth zurück, dass sie sich allein gelassen und überfordert fühlen, wenn es um problematisches Verhalten der Kinder geht.

Es brauche hier dringend Fortbildungen zur Demokratiebildung direkt in den Schulen, fordern die Wissenschaftlerinnen. Zum einen, damit die Lehrkräfte erkennen, wenn ein Grundschulkind verdeckte antisemitische Botschaften verbreitet. Zum anderen, damit sie lernen, angemessen darauf zu reagieren.

"Wir müssen da früh in die Präventionsarbeit gehen, weil auch das wissen wir: Je länger sich bestimmte Einstellungen und Haltungen verfestigen, desto stabiler werden sie", warnt Pädagogik-Professorin Leuchter. Allerdings seien für Lehrkräfte in Rheinland-Pfalz keine verpflichtenden Fortbildungen vorgesehen - anders als etwa in Hessen. Hier wünschen sich die Wissenschaftlerinnen ein Umdenken.

Was hilft gegen Antisemitismus in Grundschulen?

Es gehe darum, an den Schulen gezielt pädagogische Konzepte zu erarbeiten und vom ersten Tag an umzusetzen, erklärt Miriam Leuchter. Und zwar in Bezug auf Demokratie und auf Gruppen bezogene Menschenfeindlichkeit, zu der neben Antisemitismus etwa auch Rassismus zählt. Dafür sei viel emotionale und soziale Arbeit mit den Kindern nötig, etwa die Fähigkeit, Mitgefühl mit anderen Kindern zu entwickeln oder im Schulalltag soziale Regeln verstehen zu lernen.

Auch die Reaktionen der Lehrkräfte auf ein Kind, das sich judenfeindlich geäußert hat, seien wichtig, fügt Deckwerth hinzu: "Wenn ich mit einem Kind spreche, heißt das nicht, dass ich mit einem Antisemiten spreche, sondern ich spreche mit einem Kind."

Das Gespräch suchen, Vertrauen aufbauen und wertschätzend mit dem auffälligen Kind umgehen - das erhöhe die Chance, dass es sein Verhalten ändere. Das bedeute aber nicht, dass antisemitisches Verhalten nicht bestraft werden dürfe.

Offener Umgang mit Antisemitismusvorfällen

Auch bei den Schulen und Behörden wünscht sich Anne Deckwerth ein Umdenken. Antisemitische Vorfälle würden oft aus Scham nicht gemeldet und nicht offen benannt: "Also keine Schule will in die Öffentlichkeit gehen und sagen, wir hatten einen antisemitischen Vorfall bei uns. Das ist mit Scham behaftet", so die Wissenschaftlerin.

Da wäre es hilfreich, wenn Schulleitungen und auch die Schulbehörde die Schulen bestärken, offen und transparent mit Antisemitismus umzugehen.

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Birgit Baltes
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