Nur auf TikTok unterwegs und von Politik keine Ahnung? Ein Vorurteil, wenn es um junge Menschen und Wahlen geht. Dabei haben Jugendliche eine Meinung - und wollen ernst genommen werden. Das hat ein Besuch in Ludwigshafen gezeigt, kurz vor der Landtagswahl am 22. März.
18-jährige Leslie: "Wir wollen ernst genommen werden"
In der Aula des Max-Planck-Gymnasiums in Ludwigshafen hat sich ein Sozialkunde-Kurs versammelt. Leslie und Precious sind beide 18 Jahre alt. Bald werden sie zum ersten Mal wählen. "Ich will meine Zukunft beeinflussen", erklärt Leslie. "Und wir wollen ernst genommen werden." Das wichtigste Thema gerade: Sicherheit an Schulen. In den vergangenen Wochen wurde viel Negatives über Schulen in Ludwigshafen berichtet.
Auch Precious wird zur Wahl gehen. Sie stimmt Leslie zu: Man müsse mehr über den Zustand der Schulen sprechen. "Es gibt nicht überall WLAN, Toiletten sind schmutzig, im Sommer überhitzen sich kleine Räume", sagt Precious.
Beide Schülerinnen betonen auch: Damit Parteien sie erreichen, müssen sie präsenter auf Social Media sein. Wahlplakate allein reichen nicht.
Drei tatverdächtige Schüler gefasst Wie geht es weiter nach den Reizgas-Vorfällen an der Karolina-Burger-Schule in Ludwigshafen?
Nachdem an der Karolina-Burger-Realschule plus mehrfach in Folge Reizgas versprüht worden ist, sind inzwischen drei verdächtige Schüler identifiziert worden. Die Polizei ist seit Donnerstag ständig vor Ort.
Parteien sollten Jugendliche auf TikTok erreichen
Auch Santiago und Abdurrahman sind im Sozialkunde-Kurs. Der 18-jährige Santiago kritsiert: "Um Brennpunktschulen wird sich nicht gekümmert." Die Gräfenauschule im Hemshof werde vernachlässigt. Man müsse Brennpunktschulen wieder zu normalen Schulen machen. "Von der Gräfenau-Grundschule schaffen es die meisten danach nicht aufs Gymnasium."
Beide Schüler wollen wählen, interessieren sich für Politik. Aber sie sehen auch, dass sich andere Jugendliche nicht für Politik interessieren. Abdurrahman sieht die Parteien in der Verantwortung. Er sagt: "Am effektivsten wäre es, Jugendliche auf TikTok zu erreichen." Parteien müssten dort versuchen, das Interesse von jungen Menschen für Politik zu wecken.
Azubi Halil: "Zu wenige Lehrer in Deutschland"
Der 16-jährige Halil macht eine Ausbildung bei der IHK Pfalz. Er interessiert sich vor allem für Sicherheitspolitik: "In unseren Städten und in unserem Land sollte für mehr Sicherheit gesorgt werden." Halil kann sich auch vorstellen, den Wehrdienst zu machen, wenn er mit 18 den Musterungsbrief bekommt.
Was wünscht er sich von der Politik? Halil macht der Lehrermangel Sorgen. "Die Schulpolitik muss sich ändern." Zudem brauche es an den Schulen moderne Gebäude und Digitalisierung.
Jugendliche kritisieren: Nicht genug Förderung für Sport
In Ludwigshafen gibt es seit 2018 das Fußballprojekt "buntkicktgut": Dort organisieren Jugendliche ihre Spiele selbst, sind in einer Gemeinschaft. Ein Besuch bei Tawab, Yasin und Ismail. Was beschäftigt die drei vor der Landtagswahl?
Yasin ist 23 und arbeitet als Werkstudent bei "buntkicktgut". Er kritisiert: Die Förderung von dem Projekt ist knapp. "Man spürt die Sorge", sagt er. Sie hätten schon die Honorare der Mitarbeiter heruntergeschraubt und können in diesem Jahr weniger Turniere anbieten. Von der Politik wünschen sie sich deshalb mehr Geld für Projekte.
Denn die Jugendlichen profitieren von solchen kostenlosen Freizeitangeboten, sagt Yassin: "Wenn sie hier sind, machen sie eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung." Ismail ergänzt: "Wir wünschen uns mehr Kunstrasenplätze für unsere Spiele."
Kommen Jugendliche gerne aus Ludwigshafen?
Ludwigshafen, die hässlichste Stadt Deutschlands - dieses Vorurteil haben alle Jugendlichen schonmal gehört. Leslie vom Max-Planck-Gymnasium sagt: "Es ist nicht so schlimm hier. Vielleicht will ich mal weg hier, aber das liegt nicht an der Stadt."
Der Azubi Halil findet, dass Ludwigshafen einen müden Eindruck macht. "Mein Vater erzählt von Ludwigshafen, wie es früher war: Da denke ich, es war mal New York hier." Aber Ludwigshafen sei nicht so schlimm, wie es dargestellt werde. Stadtteile wie die Gartenstadt hätten sich gemacht.
Für die Jugendlichen von "buntkicktgut" ist Ludwigshafen Zuhause und Familie. Ein 15-jähriges Mitglied sagt: "Ludwigshafen ist wie eine offene Tür. Auch wenn der Rest von Deutschland ein schlechtes Bild von uns hat."