Abschaffung der Umweltzone

Luftqualität in Mainz besser, aber weiter schädlich

Ab sofort gibt es in Mainz keine Umweltzone mehr. Eine SWR-Datenanalyse zeigt: Geltende Grenzwerte werden eingehalten, die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation nicht.

Teilen

Stand

Von Autor/in Tom Burggraf, Nick Schader, Max Köhler, Dorina Kohler, SWR Recherche Unit, SWR Data Lab

Mainz hat zum 1. Oktober die Umweltzone aufgehoben. Diesen Schritt kündigte die Stadt bereits im August an, da sich die Luftqualität in der Stadt ausreichend verbessert habe. Nun dürfen wieder alle Autos in die Stadt fahren, egal, ob sie eine grüne Plakette an der Frontscheibe haben oder nicht. Und damit ist auch egal, wie hoch ihre Schadstoffemissionen sind. Aber wie sauber ist die Luft in Mainz inzwischen wirklich?

Umweltzonen wurden deutschlandweit seit 2008 in Städten mit besonders schlechter Luft eingeführt. Sie sollten helfen, EU-Schadstoffgrenzwerte einzuhalten und Feinstaub- und Stickstoffdioxid-Konzentrationen zu senken. Die beiden Luftschadstoffe sind besonders schädlich für die menschliche Gesundheit und entstehen in Ballungsgebieten vor allem durch Verkehr. Laut europäischer Umweltagentur starben in Deutschland im Jahr 2022 rund 32.000 Menschen durch die Luftverschmutzung mit Feinstaub mit einem Durchmesser von 0,0025 Millimeter (PM2,5) und 9.000 durch Stickstoffdioxid (NO2).

Verbesserungen bei allen Schadstoffen, aber WHO-Empfehlungen weiter verfehlt 

Die Umweltepidemiologin Barbara Hoffmann von der Universität Düsseldorf forscht zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Luftschadstoffen. Mit Blick auf die Entwicklung der Luftqualität in Mainz sagt sie, dass zwar Fortschritte an allen Messstationen erreicht werden konnten. Aber die Messwerte zeigten auch, "dass wir an vielen Stellen noch in Bereichen liegen, die die Gesundheit erheblich belasten", sagt Hoffmann.

Am schlechtesten sieht es bei Stickstoffdioxid aus. Erst seit 2020 wird der Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter in Mainz eingehalten – zehn Jahre nachdem der Grenzwert eingeführt wurde. Die Werte werden seitdem unterschritten. Doch in Zukunft könnte es wieder knapp werden: Die EU hat vergangenes Jahr neue Grenze festgelegt, die ab 2030 gelten. An zwei der vier Mainzer Messstationen werden diese noch nicht eingehalten.

Der Grenzwert für die Feinstaubart PM10 wird seit dessen Einführung an allen Mainzer Messstationen eingehalten. Selbst die verschärften Grenzwerte ab 2030 werden bereits erreicht.

Auch der Jahresgrenzwert für PM2,5 konnte in Mainz an beiden Messstationen von Beginn an eingehalten werden. Ab 2030 gilt jedoch ein verschärfter Grenzwert von maximal 10 Mikrogramm pro Kubikmeter, der aktuell an der Parcusstraße noch überschritten werden würde.

Zudem zeigt die Analyse der Messwerte an den Mainzer Stationen, dass die Werte temporär um ein Vielfaches über den Jahresgrenzwerten liegen. Zum Beispiel wurde an der Parcusstraße Ende März um sechs Uhr morgens eine Belastung durch PM2,5 in Höhe von 83 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen. "Solche Kurzzeitpeaks können vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen gefährlich werden", so die Umweltepidemiologin Hoffmann.

Dass die aktuellen Jahresgrenzwerte eingehalten werden, ist laut Hoffmann noch kein Erfolg. Sie wurden 2008 beschlossen und seien inzwischen "völlig veraltet und in keiner Weise den wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechend".

Strengere WHO-Empfehlungen seit 2021 

Seit Einführung der Grenzwerte lieferten Studien immer weitere Erkenntnisse über den Zusammenhang von Luftverschmutzung und der menschlichen Gesundheit. 2021 passte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre Empfehlungen an und schlug Werte vor, die um ein Vielfaches niedriger sind als die, die aktuell gelten.

Die von der EU im vergangenen Jahr beschlossenen Grenzwerte liegen weiter über den Empfehlungen der WHO und sollten laut Hoffmann nur ein weiterer Zwischenschritt auf dem Weg zur Einhaltung der WHO-Empfehlungen sein.

Aktuell erreicht die Luftqualität an keiner Mainzer Messstation die von der WHO empfohlenen Werte. Wegen der bald geltenden verschärften EU-Grenzwerte "macht es wenig Sinn, die Umweltzonen abzuschaffen", sagt Hoffmann. Stattdessen müssten sie ausgebaut werden.

Umweltzonen reformbedürftig

Denn in ihrer jetzigen Form sind sie kaum mehr wirksam. Durch die Abschaffung der Umweltzone in Mainz könnte sich die Luftqualität zwar wieder etwas verschlechtern. Von einem großen Effekt ist aber nicht auszugehen, weil inzwischen die meisten Autos eine grüne Plakette haben. Das Instrument der Umweltzonen sei daher reformbedürftig, sagt auch Robin Kulpa, stellvertretender Leiter für Verkehr und Luftreinhaltung bei der deutschen Umwelthilfe. Seit rund zehn Jahren fordern die Umweltschutzorganisation und das Umweltbundesamt bereits Weiterentwicklungen. Dabei geht es insbesondere um eine Reform des Plakettensystem, das weitere Autos mit hoher Schadstoffbelastung einschließen sollte. "Denn alle Autos mit grüner Plakette haben einen Partikelfilter, das bedeutet jedoch nicht, dass sie sauber sind", sagt Kulpa. Doch politisch konnte eine Reform des Plakettensystems bislang nicht durchgesetzt werden.

Trotz der aktuell geringen Wirkung kritisiert Kulpa die Abschaffung der Umweltzone und verweist darauf, dass jetzt zwar wenige, aber dafür besonders schmutzige Fahrzeuge wieder in die Stadt fahren könnten.

Umweltdezernat gegen Abschaffung

Auch das Umweltdezernat in Mainz halte die Abschaffung für einen Fehler, so ein Pressesprecher der Stadt auf SWR-Anfrage. Bei der Entscheidung hätten vor allem die aktuell geltenden Grenzwerte eine Rolle gespielt. Da diese inzwischen eingehalten werden, müsse die Umweltzone abgeschafft werden.

Dabei gehe die Stadt nicht davon aus, dass auch die ab 2030 geltenden Grenzwerte mit den aktuellen Maßnahmen eingehalten werden können. Laut EU-Gesetz muss Mainz bereits weitere Luftreinhaltemaßnahmen vorstellen, wenn die Grenzwerte im kommenden Jahr noch nicht erreicht werden. Eine Umweltzone werde laut Pressesprecher wahrscheinlich nicht mehr eingeführt. Erst wenn die Bundesregierung die Regelungen für Umweltzonen verschärfen würde, käme das Instrument nochmals in Frage.

Mainz

Keine Plakette mehr nötig Aus für Umweltzone in Mainz zum 1. Oktober

Nach zwölf Jahren hebt Mainz die Umweltzone wieder auf. Damit dürfen künftig wieder alle Autos in die Stadt fahren - auch ohne grüne Umweltplakette. Der Grund ist ein erfreulicher.

SWR4 RP am Morgen SWR4 Rheinland-Pfalz

Datenrecherche zum Hausarztmangel Warum der Hausarztberuf Nachwuchs braucht

Viele Hausärzte in Baden-Württemberg stehen kurz vor dem Ruhestand. Nachwuchs fehlt, vor allem auf dem Land. Eine stärkere Allgemeinmedizin und neue Praxiskonzepte könnten helfen.

Baden-Württemberg

Wärmewende in Ihrer Gemeinde Baden-Württemberg heizt noch größtenteils fossil

Baden-Württemberg heizte 2022 noch überwiegend mit Öl und Gas, in Neubauten werden Wärmepumpen aber immer beliebter. Eine Datenanalyse zeigt, wie es bei Ihnen vor Ort aussieht.